Missbrauchsvorwürfe gegen Klaus Kinski Sturz eines Denkmals

Der Schauspieler Klaus Kinski soll seine älteste Tochter Pola jahrelang missbraucht haben.

(Foto: dpa)

In ihrem Buch "Kindermund" rechnet Pola Kinski mit ihrem als Schauspieler gefeierten Vater Klaus Kinski ab. Sie beschuldigt ihn, sie jahrelang sexuell missbraucht zu haben. Dem Vorwurf, mit dem Buch auch einen Voyeurismus zu bedienen, wird sie dabei nicht entgehen.

Von Willi Winkler

Der "Schokoladenonkel" war spätestens seit Gert Fröbes Auftritt in dem Film "Es geschah am hellichten Tag" eine drohende Allgegenwart. Niemand weiß Genaueres darüber, wie hoch die Dunkelziffer ist bei Missbrauchsfällen in der Nachkriegszeit und wie viel in den engen Wohnungen der Fünfzigerjahre wirklich passiert ist und vertuscht wurde.

Am schlimmsten dabei war und ist, dass das Kind mit niemandem darüber reden konnte und dieses Leid ins Erwachsenenalter schleppte, geplagt von Essstörungen und krankhafter Angst vor Berührungen. Es sind eklige Geschichten wie diese: "Seine Zunge bohrt sich zwischen meine Schenkel. Ich wehre mich mit all meiner Kraft, strample wie verrückt. Er lässt von mir ab: 'Warum denn nicht, das ist doch süß! Komm, stell dich nicht so an!'"

So erinnert sich Pola Kinski, das älteste Kind des einzigartigen Selbstschauspielers Klaus Kinski, an ihren Vater. Kinski ist 1991 mit 65 Jahren gestorben. Pola, inzwischen selber sechzig Jahre alt, hat ihre Geschichte jetzt aufgeschrieben. Sie heißt "Kindermund" (jener, der sprichwörtlich die Wahrheit kund tut) und erscheint bei Insel, dem Verlag, der einst auch die Gedichte Rainer Maria Rilkes veröffentlichte. Jetzt bekommt man solche Sätze zu lesen: ",Süßes Püppchen, mein Engelchen', haucht er. Dann bedeckt er meine Augen, meine Wangen und meinen Mund mit unzähligen feuchten Küssen. Verstohlen wische ich mir mit dem Mantelärmel übers Gesicht."

Auch Rilke beschwor den Engel, doch stieg seiner vom Himmel herab und gab ihm Verse ein, die vor allem seine Gönnerinnen betörten. Pola Kinskis Geschichte ist anders und hat mit klassischer deutscher Literatur wenig zu tun. Ihrem Bericht zufolge war sie über Jahre das Opfer der Gier ihres Vaters.

Die schlimmste Opfergeschichte

Dieses sofort breit ausgeschlachtete Buch wirkt authentisch und scheint doch von professioneller Hand geschrieben. Wenn Pola Kinski den Verführer schildert, lässt sie keine Kitsch-Vokabel aus. Natürlich hat der zudringliche Vater "starke Arme" und er "presst mich an seinen Körper". Er riecht nach Zigaretten und Parfüm, es "ekelt mich, ich bekomme kaum Luft". Und wie in der Pornografie klassischer Spielart, als Handreichung für ältere Männer, geht es weiter: "Er nimmt meine Hand, umschließt sie fest mit seiner Pranke, und wir gehen hinaus. Ich werfe Mama einen flehenden Blick zu, aber sie schweigt (. . .) Er führt mich zu einem roten Auto."

Es ist die schlimmste Opfergeschichte, die sich denken lässt. Es sind auch die Jahre, in denen Vladimir Nabokovs Roman "Lolita" aus der Zensur befreit und als Literatur gelesen werden durfte. Die sexuelle Libertinage begann lange Zeit vor den nackten Hintern der Kommune 1, und Kinski, der sich so lange ohne Erfolg um Engagements bemüht hatte und darüber immer noch größenwahnsinniger geworden war, wird im Italien der frühen Sechziger zum Star.