Missbrauchs-Vorwürfe gegen Woody Allen Schatten der Vergangenheit

Woody Allen bei der Premiere seines Films "Blue Jasmine".

Schuldig oder Opfer einer Kampagne seiner Ex-Frau? Woody Allen soll sie als Siebenjährige missbraucht haben, erzählt die Adoptivtochter des Filmemachers, Dylan Farrow, in einem spektakulären offenen Brief. Nun diskutiert eine ganze Nation über den Fall.

Von Christian Mayer

Der Film "Blue Jasmine" von Woody Allen, der gleich drei Mal für die diesjährigen Oscars nominiert ist, hat bei allem absurden Witz einen traurigen Kern. Die Schatten der Vergangenheit wird man nicht so leicht los, den Abgründen des eigenen Lebens kann man nicht entkommen, selbst wenn man es, wie die Hauptdarstellerin Cate Blanchett, mit dem Mut der Verzweiflung versucht.

Der vielfach preisgekrönte Regisseur befand sich nach den positiven Kritiken gerade erst auf einem Höhepunkt seiner Karriere, bei den Golden Globes Mitte Januar wurde er mit dem Preis für sein Lebenswerk geehrt, und weil der Meister selbst nicht zur Feier kam, nahm Schauspielerin Diane Keaton die Trophäe stellvertretend entgegen.

Nun steht die Reputation, die Glaubwürdigkeit, die Ehre des von vielen bewunderten Filmemachers auf dem Spiel. Es sind im Grunde alte Vorwürfe gegen den 78-Jährigen, der bereits vor 20 Jahren damit konfrontiert wurde, seine Adoptivtochter sexuell missbraucht zu haben. Neu ist aber die emotionale Wucht, die sehr persönliche, überaus drastische Schilderung.

"Ich konnte das Geheimnis nicht länger bewahren"

Dylan Farrow beschreibt in einem offenen Brief, den die New York Times am Sonntag veröffentlicht hat, wie sie 1992, im Alter von sieben Jahren, von ihrem Adoptivvater in einen "düsteren Dachbodenraum im zweiten Stock unseres Hauses" geführt wurde. "Er sagte mir, ich solle mich auf den Bauch legen und mit der elektrischen Eisenbahn meines Bruders spielen. Dann missbrauchte er mich sexuell." Er habe ihr ins Ohr geflüstert, dass dies ihr gemeinsames Geheimnis sei.

"So lange ich mich erinnern kann, hat mein Vater Dinge getan, die ich nicht mochte", schreibt Dylan Farrow. Doch nach dem Übergriff an jenem Tag habe sie sich an ihre Adoptivmutter, an Woody Allens damalige Lebens- und Filmpartnerin, Mia Farrow, gewandt: "Ich konnte das Geheimnis nicht länger bewahren."

Die Beziehung zwischen Allen und Mia Farrow ging 1992 unter dramatischen Umständen zu Ende. Die Schauspielerin hatte herausgefunden, dass Woody Allen ein Verhältnis mit der damals 21-jährigen Soon-Yi, einer Adoptivtochter aus ihrer früheren Beziehung, hatte. Im anschließenden Sorgerechtsstreit brachte Mia Farrow vor Gericht auch die Missbrauchsvorwürfe zur Sprache. Woody Allen verlor das Sorgerecht für Dylan, das Gericht und mehrere Mediziner kamen aber zu dem Schluss, dass es keinen Anlass für weitere Ermittlungen oder eine Anklage gab. 1997 heiratete der Regisseur dann Soon-Yi, mit der er später selbst zwei Töchter adoptierte.