Messerattacke Mitten in Hamburg, mitten am Tag

Die Aufnahme der Polizei zeigt den Tatort nach dem tödlichen Messerangriff auf eine Frau und ihr Kind an der Hamburger S-Bahnhaltestelle Jungfernstieg.

(Foto: Polizei Hamburg/dpa)
  • Ein 33-Jähriger hat im Hamburger S-Bahnhof Jungfernstieg auf seine Exfrau und seine einjährige Tochter eingestochen.
  • Das Kind verstarb noch am Tatort, die Frau erlag ihren Verletzungen im Krankenhaus.
  • Der Täter rief später persönlich die Polizei und ist inzwischen gefasst.
Von Thomas Hahn, Hamburg

Um kurz nach zwölf liegt über dem Jungfernstieg eine seltsame Stimmung zwischen Horror und Normalität. Es ist keine eineinhalb Stunden her, dass ein Mann am belebten unterirdischen S-Bahnsteig der Hamburger Flaniermeile ein kleines Kind und eine Frau erstochen hat. Die Polizei hat die Straße abgesperrt, Polizeiautos und Krankenwagen parken vor dem Eingang zum Bahnhof. Knatternd startet ein Rettungshubschrauber. Aber in den Geschäften der Innenstadt geht der Alltag weiter, auf der Terrasse des Alsterpavillons am Ufer der Binnenalster sitzen die Leute beim Mittagessen, Passanten werfen neugierige Blicke. Was ist passiert? Sie wollen weitergehen, aber sie können dem Schrecken dieses offenbar gezielten tödlichen Angriffs nicht ausweichen. Polizeisprecher Timo Zill sagt: "Das ist eine erhebliche Tat, die selbst für Hamburg ungewöhnlich ist."

Es ist, als häuften sich seit geraumer Zeit die ungewöhnlichen Taten, sie verbinden sich zu einer grausamen Realität. Erst am Samstag steuerte ein Mann einen Campingbus in eine Gaststätte in Münster, tötete zwei Menschen, verletzte viele, schockierte noch mehr. Im vergangenen Sommer stach ein palästinensischer Flüchtlingsheim-Bewohner im Hamburger Stadtteil Barmbek wahllos auf Passanten ein, tötete einen, verletzte sechs, hinterließ ebenfalls tiefe Verwundungen in den Seelen der Zeugen. Und jetzt schon wieder: ein Anschlag aus der Mitte der Menge, in der sich eigentlich jeder sicher fühlen sollte. Gegen 10.50 Uhr zog der mutmaßliche Täter sein Messer, um diese Zeit befinden sich viele Menschen auf den Bahnsteigen. Trotzdem stach er zu, offensichtlich mit der klaren Absicht, Kind und Frau umzubringen. Danach wählte er laut Polizei selbst den Notruf. Auch mehrere Passanten riefen vom Bahnsteig aus die Rettungskräfte.

Anschlag auf den Frieden der Stadt

Die Informationen zu der Bluttat tröpfelten erst allmählich ein, aber schnell war klar, dass es sich diesmal nicht um einen Anschlag auf die Allgemeinheit handelte wie in Münster und Barmbek oder um ein Attentat wie in München vor zwei Jahren, bei dem insgesamt zehn Menschen ums Leben kamen. "Nach ersten Erkenntnissen gehen wir von einer Beziehungstat aus", sagte Polizeisprecher Zill, als die Ermittlungen der Mordkommission gerade erst begonnen hatten. Bei dem Täter soll es sich um einen 33-Jährigen aus Niger handeln, er war der Ex-Mann der getöteten Frau und der Vater des toten Kindes. Weitere Verletzte gab es nicht. "Der Mann hat sofort auf die Frau und das Kind eingestochen, auf eine Art und Weise, die man als massiv bezeichnen muss", sagte Zill. Anschließend flüchtete er. Als die Rettungskräfte kurz nach den Notrufen am Bahnsteig eintrafen, lagen das einjährige Mädchen und die Mutter, eine 34-jährige Deutsche, in ihrem Blut. Das Kind starb noch am Tatort. Die Mutter wurde zunächst wiederbelebt und in ein Krankenhaus gebracht. Wenig später starb auch sie.

Nach Angaben der Hamburger Sozialsenatorin hat die Frau weitere Kinder, um die sich nun der Kindernotdienst kümmere.

Tatwaffe Messer

Berlin, 9. März: Ein 15-Jähriger ersticht eine 14-Jährige Mitschülerin in ihrem Kinderzimmer. Burgwedel, 25. März: Ein 17-Jähriger sticht nach einem Streit im Supermarkt eine Frau nieder. Davor der Fall in Lünen und der in Kandel, um nur einige zu nennen - und am Donnerstag wieder drei Attacken. In Hamburg soll ein Mann seine Frau und sein Kind getötet haben, in Moers kämpft ein 13-Jähriger um sein Leben, nachdem ihm Unbekannte auf dem Schulweg ein Messer in den Oberkörper gerammt haben. Und in Neuhausen in Brandenburg soll ein 17-Jähriger seine Mutter mit einem Schwert verletzt haben.

Gefühlt nehmen die Angriffe mit Stichwaffen zu. Ob das wirklich so ist, lässt sich angesichts lückenhafter Statistiken aber nur schwer belegen.

In der bundesweiten Kriminalstatistik werden solche Fälle nicht explizit aufgeführt, was unter anderem daran liegt, dass nicht alle Bundesländer eine Statistik über Messer als Tatwaffe führen, darunter Hamburg, Bayern oder Bremen. Nordrhein-Westfalen will den Einsatz von Stichwaffen nach der Attacke von Lünen nun gesondert zählen lassen.

Aus den Zahlen, die vorliegen, lassen sich lediglich regionale Entwicklungen ablesen. Während Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren eine Zunahme von Messerdelikten verzeichnete, gab es 2017 keine wesentlichen Veränderungen. In Hessen stieg die Zahl dagegen deutlich an. Von 970 Fällen im Jahr 2012 auf 1194 Fälle 2017. In Rheinland-Pfalz wurden 2015 insgesamt 111 solcher Delikte gezählt, 2017 waren es 146.

Allerdings werten die Länder Straftaten, in denen ein Messer eine Rolle spielt, völlig unterschiedlich aus. Manche führen sie nur im Zusammenhang mit Körperverletzung auf, andere mit Mord oder Totschlag. Auch über die konkreten Umstände der Tat lassen sich keine Schlüsse ziehen. Stichwaffen werden auch dann als Tatmittel aufgeführt, wenn sich beispielsweise jemand damit gegen einen Angriff verteidigt - oder ein Dieb zwar ein Messer offen bei sich trägt, dieses aber nicht einsetzt.

Antonie Rietzschel

Zeugen sagten der Polizei, in welche Richtung der mutmaßliche Täter geflüchtet war. Die Einsatzkräfte fanden ihn schnell und nahmen ihn fest. Es läuft die Auswertung der Bahnsteigkameras, danach dürfte der Hergang der Tat klar sein. Zu den genauen Motiven konnte die Polizei erst einmal nichts sagen, "viele Details sind momentan noch völlig unklar für uns", sagte Zill. Die Tatwaffe wurde in einem Mülleimer im Bahnhof gefunden.

In der Anonymität der urbanen Welt gehen viele Verbrechen und gewalttätige Auseinandersetzungen unter. Nach der tödlichen Messerattacke am Jungfernstieg aber war die Betroffenheit in Hamburg groß. Wenn Kinder und junge Mütter gewaltsam sterben, reagieren die Menschen besonders sensibel. Und dass diese Tat sich am helllichten Tag mitten im Getümmel ereignete, machte die Attacke zu einem Anschlag auf den Frieden der Stadt. "Es gibt Nachrichten, die werfen einen aus der Bahn und lassen alles andere so unwichtig erscheinen", schrieb der CDU-Fraktionschef in der Hamburger Bürgerschaft, André Trepoll, auf Facebook. Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zeigte sich "erschrocken und traurig". Wie ein Blitz traf das Grauen die Menschen am Bahnsteig, für die eigentlich ein ganz normaler Tag hätte beginnen sollen. Schwer zu sagen, welche Folgen die Messerattacke für die Umstehenden haben wird. Vergessen werden sie sie bestimmt nicht, die Erinnerung kann sich zum Trauma ausweiten.

Jede Gewalttat, die in der Öffentlichkeit stattfindet, fordert mehr Opfer, als die Zahl von Toten und körperlich Verletzten vermuten lässt. "So eine Tat, die zum Glück nicht alltäglich ist, hat massive Auswirkungen für alle Betroffenen, da geht es nicht nur um die Zeugen, sondern auch um die Rettungskräfte", sagte Polizeisprecher Zill. Schon bald nach der Messerattacke traf ein Kriseninterventionsteam ein und kümmerte sich um die verwundeten Seelen.

Anmerkung der Redaktion

In der Regel berichtet die SZ nicht über ethnische, religiöse oder nationale Zugehörigkeiten mutmaßlicher Straftäter. Wir weichen nur bei begründetem öffentlichen Interesse von dieser im Pressekodex vereinbarten Linie ab. Das kann bei außergewöhnlichen Straftaten wie Terroranschlägen oder Kapitalverbrechen der Fall sein oder bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe heraus begangen werden (wie Silvester 2015 in Köln). Ein öffentliches Interesse besteht auch bei Fahndungsaufrufen oder wenn die Biografie einer verdächtigen Person für die Straftat von Bedeutung ist. Wir entscheiden das im Einzelfall und sind grundsätzlich zurückhaltend, um keine Vorurteile gegenüber Minderheiten zu schüren.

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