Mecklenburg-Vorpommern Zweite Fahrbahn abgesackt

Nachdem bislang nur die Fahrbahn in Richtung Rostock betroffen war, ist nun auch die Gegenfahrbahn nach Stettin weggesackt.

Das Loch in der A20 in Mecklenburg-Vorpommern wächst weiter: Nachdem bislang nur die Fahrbahn in Richtung Rostock betroffen war, ist nun auch die Gegenfahrbahn nach Stettin auf einer Länge von 40 Metern weggesackt. Wirklich überraschend kommt das für das Schweriner Verkehrsministerium nicht. Dass der Boden an der Stelle instabil sei, habe man gewusst, sagte eine Sprecherin. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, dass auch die zweite Fahrbahn abrutsche. Wirklich eilig scheint man es mit der Reparatur nicht zu haben: Der erste große Riss hatte sich bereits im Oktober aufgetan. Schuld sei der torfige Untergrund, heißt es. Seitdem ist die Straße komplett gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet und die Wiederherstellung gestaltet sich schwierig. Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) ging jüngst von einer Bauzeit bis 2021 aus.

Bereits im vergangenen Oktober war die Fahrbahn auf einer Länge von 40 Metern aufgerissen. Das kam für das Verkehrsministerium wenig überraschend, teilt eine Sprecherin der SZ auf Anfrage mit. Erste Risse und Bodenwellen waren schon im Jahr zuvor bemerkt worden. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis das ganz große Loch kommen würde. Deshalb folgte Ende September die Vollsperrung der A 20. Am 9. Oktober war es dann so weit: Westlich der Ausfahrt Tribsees riss die Fahrbahn zu einem großen Krater auf.

Das Loch auf der A 20 wächst: Jetzt ist auch die zweite Fahrbahn abgesackt.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Experten haben sich seitdem mit der Ursache auseinander gesetzt. Grund für das Drama sollen die Torf-Vorkommen unter der Autobahn sein. Die A 20 führt bei Tribsees durch Moorgebiet. Was genau zum Absenken der Fahrbahn geführt hat, ist zwar weiter unklar. Spekuliert wird über die Verwendung zu schwacher Stützen, nicht überprüfter Techniken oder schlichte Fehlkalkulationen.

Derzeit wird der Verkehr durch das nahegelegene Örtchen Langsdorf gelenkt. Weil das keine dauerhafte Lösung ist, sollte bis zum Sommer eine Umleitungsstrecke entstehen - doch der Ostsee-Zeitung zufolge gibt es Probleme mit den Eigentümern der Flächen, auf denen die bereits zurückgebaute, alte Baustraße wieder neu geplant und gebaut werden sollte. Die Eigentümer sind demnach schwer erreichbar, die Flächen gehören teilweise bundesweit verstreuten Erbengemeinschaften. Außerdem erteilte die Umweltbehörde noch keine Freigabe, die Umleitung soll durch Vogelschutzgebiet führen.

Das Autobahnloch ist nicht nur für Anwohner, sondern auch für den Ostsee-Tourismus ein Problem: Über die A 20 rollt ein Großteil des Verkehrs in die Urlaubsgebiete. Die Tourismusverbände im Osten Mecklenburg-Vorpommerns befürchten, dass sich Gäste von einem Besuch der Ostsee-Inseln Usedom oder Rügen abhalten lassen, wenn Verkehrschaos entstehen sollte.

Die gute Nachricht: Es gibt einen Plan. Einen Zeitplan für die europäische Ausschreibung von Planungsleistungen für die Reparatur. Der ist allerdings komplex. Zunächst können sich Firmen bis zum 22. Februar bewerben, erklärt eine Sprecherin des Verkehrministeriums. Dann folgen sechs Wochen, in denen die Bewerbungen ausgewertet werden. Anschließend würden drei Büros ausgewählt, die innerhalb von 30 Tagen ein detailliertes Angebot abgeben sollen. Die Auswertung bis hin zum Zuschlag werde sechs Wochen dauern. Wenn keiner der unterlegenen Bieter klage, könne der Zuschlag voraussichtlich im Juni erteilt werden. Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) war jüngst von einer vollständigen Wiederherstellung der Autobahn bis zum Jahr 2021 ausgegangen.

Aktuelles Lexikon: Torf

Die Bilder sehen aus, als seien sie in einer Erdbebenregion aufgenommen: Der Asphalt auf der Autobahn 20 in Mecklenburg-Vorpommern ist in Richtung Rostock auf einer Fläche von 40 mal 95 Metern abgesackt, die Fahrbahnmarkierung stoppt jäh an der Bruchkante, die Leitplanke ragt in den Krater hinein. Auf der Gegenspur sieht es nicht besser aus, die Stelle ist unpassierbar. Es handelt sich angeblich um das größte Loch in der deutschen Autobahngeschichte. Das Problem: Die A 20 ist in diesem Abschnitt auf Torf gebaut, möglicherweise wurden für die Straßenkonstruktion zu schwache Stützen verwendet. Torf ist eine für Moore typische Bodenart, er entsteht über Jahrtausende aus unvollständig zersetzten Pflanzen. Die Schicht wächst um nur etwa einen Millimeter pro Jahr. Das Wort "Torf" leitet sich aus dem Indogermanischen ab, es soll "das Gestochene" heißen. Schon 3000 vor Christus entwässerten Menschen Moore und stachen den Torf aus, den sie als Brennmaterial nutzten. Heute findet Torf vor allem im Gartenbau Verwendung. Sollte der Torfabbau im gleichen Tempo weitergehen, dürften die Vorräte in Deutschland in 50 Jahren erschöpft sein, warnen Naturschützer. Bis die A 20 repariert ist, wird es nicht ganz so lange dauern - aber immer noch lange genug: Mit der Fertigstellung ist nicht vor 2021 zu rechnen. Nadeschda Scharfenberg