Lebensmittelskandal in Europa Schnitt ins eigene Fleisch

Die Spur zu den Auftraggebern wird durch Transporte über verschiedene Grenzen zu unterschiedlichsten Firmen verwischt. Klicken Sie in das Bild, um die ganze Grafik sehen zu können.

(Foto: SZ Infografik)

Pferdefleisch ist etwa 80 Prozent billiger als Rind - für Betrüger führt der Handel mit dem falsch etikettierten Produkt zu Millionengewinnen. Wie über einen Drahtzieher in den Niederlanden rumänisches Pferdefleisch über französische Firmen in den Handel gelangte.

Von Michael Kläsgen, Paris, und Daniela Kuhr, Berlin

Man kannte das bislang vor allem vom Schwarzgeld. Es wird so lang über die Grenzen hin und her geschoben, bis niemand mehr seine Herkunft, seine Empfänger und die Auftraggeber benennen kann. Offensichtlich ist das auch mit gefrorenem Pferdehackfleisch möglich. Der britische Landwirtschaftsminister spricht von einer "kriminellen Verschwörung". Der Vorsitzende des französischen Rindfleischverbandes warnt vor "industriellem Terrorismus".

Als einer der Drahtzieher gilt der Niederländer Jan Fasen. Anfang 2012 wurde er zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt, weil er Pferdefleisch aus Südamerika als Rinderhack in Frankreich und wohl auch in Deutschland in den Handel brachte. Er und ein Komplize sollen 3,8 Millionen Euro Gewinn gemacht haben. Denn Rind ist teurer als Pferdfleisch, selbst wenn letzteres Hunderte Kilometer transportiert wird. Gefälschte Dokumente konnten die niederländischen Behörden dem Fleischhändler nachweisen. Nur: Nach dem Geld fahnden sie heute noch.

Jetzt soll Fasen mit einer niederländischen und einer in Zypern registrierten Handelsfirma im Zentrum eines internationalen Pferdefleisch-Karussells stehen, dessen Ausmaße noch unklar sind. Der Sitz der zyprischen Gesellschaft soll auf den britischen Jungferninseln sein. Fasen habe als Makler zum Beispiel zwischen rumänischen Schlachthöfen und dem französischen Lasagne-Hersteller Comigel fungiert. Comigel aus Metz wiederum lässt in Luxemburg herstellen, verkauft die Ware aber nicht direkt in Supermärkten.

Wer wann umetikettiert hat, ist unklar

Comigel gehört der britischen Holding Céréa Capital und hat eine Tochterfirma mit Namen Tavola, die die Produkte in 16 Ländern vertreibt. In all diesen Ländern herrscht nun höchste Alarmstufe. Denn dort kann jeder die falsch deklarierte Ware im Supermarkt kaufen. Welche der Firmen wen betrogen hat und wer von dem Betrug wusste, ist bislang unklar. Alle Firmen weisen jede Schuld von sich. Hinzu kommt: Anders als bei Frischfleisch schreibt die EU bislang nicht vor, dass die Herkunft von gefrorenem Hackfleisch auf der Verpackung angegeben werden muss.

Hätte die irische Lebensmittelaufsicht bei einer Routinekontrolle Mitte Januar nicht Pferde- statt Rindfleisch in Billig-Hamburgern gefunden, wäre der Fall wohl nie ins Rollen gekommen. Kurz darauf gab der Tiefkühlkostfabrikant Findus in Groß-britannien den Rückruf von drei seiner Hackfleisch-Gerichten (Lasagne, Moussaka, Hachis Parmentier) bekannt. Dann flammte der Betrug in Frankreich auf. Neben Comigel steht dort jetzt der Hackfleisch-Produzent Spanghero in Verdacht, wissentlich Pferdefleisch als Rindfleisch deklariert zu haben. Patron Laurent Spanghero spricht von Rufmord.

Auch in Rumänien fühlt man sich zu Unrecht beschuldigt. Von dort wurde das Pferdefleisch in gefrorenen Blöcken nach Frankreich und Luxemburg geliefert. Wer es wann umetikettiert hat zu Rindfleisch, ist noch offen. Die Rumänen sagen jedenfalls, sie seien es nicht gewesen.