Königin der Niederlande Beatrix nimmt ihren Hut

Sie hatte zuletzt einige Schicksalsschläge zu verkraften, nun zieht sie daraus eine Konsequenz: Die populäre Königin der Niederlande dankt ab, im April besteigt ihr Sohn Willem-Alexander den Thron. Er gilt beim Volk als beliebt - seine Mutter musste sich das Vertrauen des Volkes erst erarbeiten.

Von Martin Winter und Thomas Kirchner

Ihr Entschluss muss schon länger festgestanden haben. Auch wenn Königin Beatrix der Niederlande ihren Pflichten mit einer eisernen Disziplin nachging, für die ihr Volk sie nicht nur zu achten, sondern auch zu lieben gelernt hatte: Man sah ihr das Alter von fast 75 Jahren doch allmählich an. Ihr Alter und die bevorstehende 200-Jahrfeier des holländischen Königshauses seien der richtige Anlass, ein neues Kapitel zu eröffnen, verkündete sie am Montagabend im Fernsehen. So kennt man sie. Immer staatstragend. Mutter und Vater der Nation in einem - eine "niederländische Ikone", wie sie Premier Mark Rutte im Anschluss an ihre Rede nannte.

Doch zu ihrem Beschluss haben gewiss auch einige Schicksalsschläge beigetragen. Der Tod ihres geliebten Mannes Claus im Oktober 2002 etwa. Vor allem aber liegt seit einem Jahr ihr zweitgeborener Sohn Johan Friso nach einem Skiunfall im Koma. Die Last des Alters war dadurch noch vergrößert worden. Es war wohl auch für den Menschen Beatrix Zeit, diese Last loszuwerden. Am 30. April, 33 Jahre nach ihrer eigenen Machtübernahme, wird nun Prinz Willem-Alexander den Thron besteigen.

Was immer den Ausschlag gegeben hat, das Private oder das Öffentliche, spontan hat sie sich jedenfalls nicht zurückgezogen. Das würde ihrer Natur widersprechen. Die abendliche Ansprache, mit der sie sich am Montag an ihre Holländer wandte - Untertanen zu sagen, verbietet sich in diesem selbstbewussten Land -, hatte sie dem Vernehmen nach schon einige Tage vorher im Huis ten Bosch aufgezeichnet. Es ist der Wohnsitz der Familie, ein Palast in einem Waldstück nahe Den Haag.

Dort residiert die niederländische Regierung, auf die die Königin aber nicht mehr viel Einfluss hatte. Vor einem Jahr hat ihr das Parlament das Recht genommen, über die Auswahl eines Vermittlers bei der Regierungsbildung mitzuwirken. Aber immerhin: Der niederländische Regierungschef berichtet der Königin regelmäßig den Lauf der politischen Dinge. Sie liest viele Akten und gilt, auch dank guter Berater, als hervorragend informiert über das politische Tagesgeschäft.

Immer wieder hat sich die Frau, die Jura, Soziologie, und Geschichte studierte, auch direkt in Debatten eingemischt und dann eher liberale als konservative Werte verfochten: 2002, als das Land nach der Ermordung des Politikers Pim Fortuyn in Aufruhr war, besuchte sie ein muslimisches Jugendzentrum. Und in Ansprachen hat sie immer wieder verdeutlicht, wie viel sie von Toleranz hält und wie wenig von Fremdenhass und jenem Populismus, wie ihn etwa Fortuyns Nachfolger Geert Wilders verkörpert. Vermutlich auch deshalb hat jener Wilders mehrmals die Abschaffung der Monarchie gefordert.

Ungewöhnlich ist der Rückzug der Königin zu Lebzeiten nicht. Schon ihre Mutter Juliana hatte ihre Krone nach 32 Jahren Herrschaft an ihre Tochter Beatrix abgegeben. Juliana selbst hatte sie 1948 aus der Hand ihrer Mutter Wilhelmina empfangen, die auch nicht bis zum Tode herrschen wollte. Wilhelmina war die erste Frau auf dem holländischen Thron. Wenn nun Willem-Alexander seiner Mutter als Koning Willem-Alexander nachfolgt, dann ist er der erste Mann seit mehr als 120 Jahren, der die niederländische Krone trägt.

Beatrix ist heute bei ihren Landsleuten außerordentlich beliebt. Mit ihrer Mode, ihren Frisuren, ihren feinen Manieren und ihrer Disziplin mochte sie aus einer untergehenden Epoche stammen. Gerade wegen ihrer Zuverlässigkeit und Unerschrockenheit schätzte man sie aber. Das war nicht immer so. Als sie am 30. April 1980 Königin wurde, gab es wüste Demonstrationen in den Straßen der Hauptstadt Amsterdam. Der Aufstand der Kraker, einer radikalen Bewegung von Wohnungsbesetzern, zog mit dem Ruf durch die Straßen: "Keine Wohnungen, keine Krönung!" Es waren unruhige Zeiten, in denen die junge Königin die Verantwortung übernehmen musste.

Nach und nach wuchs die Zuneigung der Niederländer

Aber dass das Volk sie damals eher kühl empfing und manche sie regelrecht ablehnten, lag auch an ihr selber. Dass sie 1966 den deutschen Diplomaten Claus von Amsberg geheiratet hatte, haben ihre sehr viele sehr lange nicht verziehen. Dass die niederländische Thronfolgerin nur zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Deutschen heiratet, das schien schier unvorstellbar zu sein in diesem kleinen Land, das schwer unter der deutschen Besetzung gelitten hatte. Deutsche waren damals nicht sehr beliebt, und selbst heute trauen manche Niederländer ihnen immer noch nicht so recht über den Weg.

Aber die Sturheit, mit der Beatrix zu ihrem Mann stand und die bescheidene Beharrlichkeit, mit der Prinz Claus die Pflichten an der Seite seiner Frau wahrnahm, gewannen nach und nach die Zuneigung der Holländer. Der "Königinnentag" (Koninginnedag), den die Niederländer jedes Jahr am 30. April, dem Tag ihrer Thronbesteigung, zu feiern pflegen, wuchs über die Jahre hinweg zu einem der höchsten und auch lustigsten Feiertage im Land, mit Straßenfesten und Picknicks, mit einer gemeinsamen Orgie in der königlichen Farbe Orange.

"Ihr habt mir meinen Tag zurückgegeben"

Nur einmal wurde das zum Entsetzen aller unterbrochen. Am 30. April 2009 raste ein verwirrter Attentäter bei den Feiern in Apeldoorn in die Menge, und die gesamte Königsfamilie schaute entsetzt zu. Trotz einiger Bedenken gab es ein Jahr später wieder einen Königinnentag, diesmal in der Provinz Zeeland. Alles ging glatt, und Beatrix bedankte sich bei den Zeeländern: "Ihr habt mir meinen Tag zurückgegeben."

Dass sie sich beruhigt zurückziehen kann, liegt auch daran, dass die Niederländer nicht nur den freundlichen und unarroganten Prinzen Willem mögen, der seiner Neigung wegen gelegentlich Prins Pilsje genannt wird und sich nicht scheut, am Königinnentag beim Kloschüssel-Weitwerfen anzutreten. Sondern sie haben inzwischen auch dessen Ehefrau und künftige Königin Máxima ins Herz geschlossen, eine Argentinierin, deren Vater in die argentinische Diktatur verstrickt war. Máxima spricht mittlerweile fließend Niederländisch, und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sie für eine Einheimische halten. Die Holländer schließen einen nicht schnell ins Herz. Aber wenn sie es einmal getan haben, dann bleibt das.