Jugendkriminalität "Die meisten Menschen kennen Kriminalität nur noch vom Hörensagen"

Nach einem Gewaltverbrechen: Blumen an einem Absperrband der Polizei (Symbolbild).

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein 17-Jähriger soll eine 15-Jährige erstochen haben, eine 13-Jährige wird von einer Gruppe Jugendlicher vergewaltigt. Da drängt sich der Eindruck auf, dass die Jugendgewalt zunimmt. Soziologe Dirk Baier widerspricht.

Interview von Hannes Vollmuth

Die Gewaltverbrechen in Viersen und Velbert, der Mord an Susanna F., an diesem Donnerstag beginnt der Lünen-Prozess gegen einen heute 16-Jährigen, der seinen Mitschüler erstochen haben soll, am kommenden Montag der Kandel-Prozess: Die 15-jährige Mia V. war dort mutmaßlich von einem afghanischen Flüchtling umgebracht worden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Gewaltverbrechen von Jugendlichen neue Dimensionen erreichen. Doch der Soziologe Dirk Baier widerspricht. Er ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und war zuvor drei Jahre lang stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Im Januar hatte Baier mit seinen Kollegen Christian Pfeiffer und Sören Kliem eine neue Langzeitstudie zur Jugendgewalt veröffentlicht.

Interview am Morgen

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SZ: Wir haben Sie im Januar zur Messertat in Lünen befragt. Damals hat ein 15-Jähriger einen 14-Jährigen erstochen. Fünf Monate sind vergangen und gefühlt gab es seitdem eine Flut von jugendlichen Gewalttaten.

Dirk Baier: Es ist immer schwierig von einem Trend zu sprechen, nur weil gerade vermehrt über Jugendgewalt berichtet wird. Was wir Kriminologen registrieren, ist höchst widersprüchlich: Die Berichterstattung wird immer mehr, aber die Gewalttaten gehen in der längerfristigen Betrachtung stark zurück.

Worüber reden wir bei Jugendgewalt konkret?

Es geht um die schwereren Delikte: schwere Körperverletzung, Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Raub. Dazu muss man aber wissen, dass Mord und Totschlag unter Jugendlichen kaum vorkommt. Auch Vergewaltigung ist relativ selten.

Was die Statistik sagt

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Also kein Grund zur Sorge?

Der Trend bei der Jugendgewalt ist eindeutig positiv zu sehen, die Gewalt hat sich seit 2007 halbiert. Für die Jahre 2016 und 2017 haben wir gerade anhand der Kriminalstatistik wieder einen leichten Anstieg bemerkt, um etwa zehn Prozent. Wir liegen aber noch weit unter dem Niveau von 2007.

Wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Die Statistik gibt keine Auskunft über tatsächliche Gewalt, sondern nur darüber, wie viele Vorfälle angezeigt werden. Änderungen im Strafrecht, wie gerade im Sexualstrafrecht, beeinflussen die Statistik. Der Verdacht auf Vergewaltigung steht nach der Gesetzesänderung heute schneller im Raum. Der leichte Anstieg ist zum Teil auch mit der Zuwanderung zu erklären: Viele junge Männer sind nach Deutschland gekommen, und junge Männer sind immer eine auffällige Gruppe, wobei Deutsche in der Statistik nach wie vor die größte Gruppe bilden. Möglicherweise ist auch die Bevölkerung sensibler geworden, was Jugendgewalt betrifft. Und wir stellen Tendenzen zur Polarisierung fest, rechte Gewalt und linke Gewalt wie beim G-7-Gipfel in Hamburg nimmt wieder zu. Wir fragen uns gerade, ob das auf eine Spaltung der Gesellschaft hindeutet.

Dirk Baier ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und war zuvor stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

(Foto: OH)

Das hört sich nicht mehr ganz so positiv an.

Wir Kriminologen haben immer die langfristige Entwicklung im Auge. Und die sagt, dass es seit Längerem deutlich weniger Jugendgewalt gibt. Ich glaube auch nicht, dass sich das groß umkehren wird. Trotzdem sollte man sich ständig kritisch befragen: Bietet unsere Gesellschaft Jugendlichen genügend Perspektiven? Gibt es genug Gewaltprävention?

Trotz der kurzfristigen Zunahme - warum geht die Jugendgewalt seit Jahren zurück?

Die familiäre Erziehung hat sich deutlich verbessert, Liebe statt Hiebe ist inzwischen Konsens. Auch die Lehrer in den Schulen sind heute sehr viel sensibler und schreiten bei Gewalt konsequenter ein. Wir sollten weiterhin genau hinschauen, aber an dem insgesamt positiven Trend wird sich so schnell nichts ändern.

Laut Umfragen machen sich 30 Prozent der Deutschen Sorgen um die eigene Sicherheit. Der vormalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière warnte im April 2017 sogar vor der "Verrohung der Gesellschaft". Wie erklären Sie sich, dass sich die gefühlte Wahrheit so abgekoppelt hat von der Realität?

Die meisten Menschen kennen Kriminalität nur noch vom Hörensagen oder aus den Medien. Das eigene Erleben ist inzwischen die Ausnahme. Und je seltener man das erlebt, desto mehr ist man darauf fixiert, was alles passieren könnte. Wir bemerken auch, dass die Medien inzwischen über lokale Vorkommnisse deutschlandweit berichten. Krasse Einzelfälle wie in Kandel werden immer wieder aufgegriffen: die Tat selbst, wie der Verdächtige in Gewahrsam genommen wird, die U-Haft, der Prozess-Beginn, die Urteilsverkündung. Da entsteht der Eindruck: Gewalt, speziell Jugendgewalt, wäre allgegenwärtig. Das ist aber nicht so.

Als Journalist ist man da in einem Dilemma: Man will über Einzelfälle berichten, erzeugt aber das kollektives Gefühl, dass alles immer schlimmer wird.

Da kann ich nur sagen: einordnen. Die Medien müssen immer auch mitteilen: Was in Viersen oder Velbert gerade passiert ist, sind Einzelfälle. Das Gesamtbild ist viel positiver. Journalisten könnten auch mal dazu übergehen, das Alltägliche und Normale zu betonen. Ein Flüchtling tötet ein Mädchen und Deutschland spricht tagelang davon, natürlich zu Recht. Aber kaum einer spricht von den vielen anderen Flüchtlingen, die eine Ausbildung machen, Kontakte knüpfen und sich in die Gesellschaft einbringen.

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