Italien Ein Palazzo für einen Euro Monatsmiete

Die Stadtverwaltung von Rom hat im historischen Zentrum Wohnungen zum Teil schon seit Jahrzehnten zu grotesk tiefen Preisen vermietet.

(Foto: AFP)
  • Der Malteser Orden zahlt für einen Palazzo im Zentrum Roms zwölf Euro Miete - pro Jahr.
  • Jetzt wurde bekannt: Seit Jahrzehnten vermietet Roms Stadtverwaltung im historischen Zentrum Hunderte Wohnungen zu grotesk tiefen Preisen.
  • Schuld sind wohl nachlässige Mitarbeiter der Stadtverwaltung.
Von Oliver Meiler, Rom

Was haben sich die Römer schon über ihre Bürokratie erregt. Wenigstens jene Römer, die nicht von ihr profitieren. Oft schon rührte der Ärger daher, dass die Stadtverwaltung einzelnen Bürgern (nicht selten prominenten) und Stiftungen (zumeist politisch befreundeten) Wohnungen und Lokale aus ihrem großen, 60 000 Einheiten umfassenden Immobilienpark zur günstigen Nutzung bereitstellte. Obschon der ja allen gehört und mit Steuergeld in Stand gehalten wird.

Nun aber ist ein Skandal von solchem Ausmaß bekannt geworden, dass die Hauszeitung der Römer, Il Messaggero, in einem Kommentar schreibt: "Unglaube vermischt sich da mit Irritation und Wut. Der Brechreiz, der in einem hochsteigt, ist so groß, dass nur eine harte, frontale Reaktion hülfe." Und darum geht es diesmal: Der vom Staat in aller Not entsandte Sonderkommissar von Rom, Francesco Paolo Tronca, hat bei einer gründlichen Prüfung der Daten festgestellt, dass die Stadtverwaltung allein im historischen Zentrum, dem Municipio 1, 574 Wohnungen zum Teil schon seit Jahrzehnten zu grotesk tiefen Preisen vermietet. Als wären es Sozialwohnungen in der Peripherie.

Hier einige Beispiele: 10,29 Euro im Monat für ein kleines Apartment im Borgo Pio, im Schatten der Kuppel von Sankt Peter; 23,30 für eine Wohnung mit Sicht auf die Kaiserforen; 154 Euro für 91 Quadratmeter an der Via dei Coronari bei der Piazza Navona. Der Malteser Orden bezahlt einen Euro im Monat für einen ganzen Palazzo, zwölf Euro im Jahr. Man sei schon überrascht, richtet der Orden nun aus, dass es nie Nachverhandlungen gegeben habe, nachdem der Vertrag ausgelaufen sei - das war 1980.

Im Zentrum Roms, das muss man dazu wissen, kostet ein Abstellplatz fürs Auto 500 Euro Miete im Monat. 80 Prozent aller Verträge, sagt Sonderverwalter Tronca, seien entweder längst abgelaufen, unrechtmäßig abgeändert und auf andere übertragen oder nie preislich angepasst worden. Manche Mieter vermieten ihre billigen Wohnungen auch noch für viel Geld weiter. Es kommt da also viel zusammen von dem, was die Bürokratie zur Bestie macht: Chaos, Günstlingswirtschaft, Sorglosigkeit.

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Sonderkommissar Tronca droht den Verantwortlichen mit dem Staatsanwalt

Eine besondere Erwähnung verdient die Geschichte von Benito Scarpetti, 80 Jahre alt, ein Arbeiterleben im römischen Schlachthof, dem Mattatoio in Testaccio, für das er nun eine Monatsrente von 800 Euro bezieht. Er erzählt seine Geschichte allen, die sie hören wollen. Und das wollen gerade alle Zeitungen. Scarpetti bewohnt eine Wohnung an der Via del Colosseo, die ebenda liegt am Kolosseum, dem Wahrzeichen dieser Stadt, Anziehungspunkt von Millionen Touristen jedes Jahr. 108 Quadratmeter, erster Stock, mit Sicht auf die Arena aus der Antike - beste, teuerste Lage. Auf dem privaten Immobilienmarkt würde man für eine solche Wohnung etwa 2000 Euro bezahlen, vielleicht sogar 2500.

Scarpetti entrichtet der Stadtverwaltung im Monat 97 Euro, und er findet, dass ihm dieses Privileg für immer zustehe.

Auch wegen seines Vornamens: Benito! Das Bleiberecht in der Wohnung erhielt die Familie nämlich vom Duce höchstpersönlich zugesprochen, von Benito Mussolini. Scarpettis Vater war ein Antifaschist, erzählt der Sohn, er saß oft im Gefängnis. Dennoch hatte der Duce ein Herz für die kinderreiche Familie, besuchte sie, verhieß ihnen die "casa" an der Via del Colosseo und stellte nur eine Bedingung: "Er sagte zu meiner Mutter: 'Du musst mindestens einem deiner Kinder meinen Vornamen geben.' Wir waren zu zehnt: Die Wahl fiel auf mich." Scarpetti trägt eine Goldmedaille mit sich herum, die Mussolini zu seinem Besuch mitgebracht haben soll.

Das ist jetzt über achtzig Jahre her. Die Wohnung ging von Generation zu Generation, der Mietpreis wurde nur ein bisschen nach oben korrigiert. Scarpetti würde sie der Stadt nun gerne abkaufen, für seine Kinder. Nach seiner Berechnung liegt der Wert bei "150 Millionen Lire", also etwa 75 000 Euro. Auf dem freien Markt würde sie mindestens das Zehnfache kosten. "Ich habe schon einen Anwalt beauftragt", sagt Scarpetti. Doch vielleicht ist der Moment nicht der Beste, um Ansprüche zu stellen.

Sonderkommissar Tronca hat bereits einige Kündigungsschreiben versandt, es stehen die ersten Hausräumungen an. Den Verantwortlichen der Verwaltung droht er mit dem Staatsanwalt, denn ja: Die Spitzenbeamten trifft wohl die größte Schuld, und sei es nur jene der Nachlässigkeit. "Ich handle schnell", sagt Tronca. Muss er auch. In vier Monaten wählen die Römer einen neuen Bürgermeister. Dann läuft seine Mission ab. Die Zeit ist knapp, wieder einmal.

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