Israel Rückfall in alte Muster

Am Ende wurden 22 ultra-orthodoxe Männer festgenommen.

(Foto: Menahem Kahana/AFP)

In Israel wurden 22 ultraorthodoxe Gläubige festgenommen, weil sie offenbar in einen Missbrauchsskandal verwickelt sind. Womöglich haben die Gemeinden dieser frommen Parallelwelt die Taten bisher vertuscht.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Polizei kam im Schutz der Dunkelheit. An manchen Türen wurde gerüttelt, manche wurden eingetreten. Handschellen klickten, und am Ende waren 22 fromme Männer festgenommen. Alle gehören sie zur zersplitterten Gemeinschaft der ultraorthodoxen Juden in Israel. Allen wird sexueller Missbrauch vorgeworfen. In ihren Gemeinden sollen die Männer und ihre Taten schon lange bekannt gewesen sein, doch nichts sollte nach draußen dringen. Als nun der Zugriff in vier Städten erfolgte, kam es zu heftigen Krawallen. Um die Festnahmen zu verhindern, wurde die Polizei von einem strenggläubigen Mob beschimpft und mit Steinen beworfen.

Der Rabbi hat im Zweifel das letzte Wort. Eine Aufklärung sollte nur intern erfolgen

Der Fall macht erneut aufmerksam auf das Schattenreich, in dem zehn Prozent der israelischen Bevölkerung leben. Haredim nennen sich die Ultraorthodoxen selbst, die Gottesfürchtigen, und aus Furcht vor schändlichen Einflüssen schotten sie sich meist ab gegenüber der Außenwelt. Hier hat im Zweifel der Rabbi und nicht der Staat das letzte Wort, und auch in diesem Fall waren es Rabbiner, die ihren Segen gegeben hatten, die Missbrauchsvorfälle allein intern aufzuklären.

Die 22 Männer im Alter von 20 bis 60 Jahren stammen aus Jerusalem, Beit Schemesch, Bnei Brak nahe Tel Aviv und der Siedlung Beitar Ilit im besetzten Westjordanland - alles Hochburgen der Haredim. In den vergangenen zwei Jahren sollen sie sich des Missbrauchs an Kindern, Jugendlichen und Frauen schuldig gemacht haben. Um ein Netzwerk handelt es sich offenbar nicht, sondern jeweils um Einzelfälle, die von sogenannten Sittenwächtern der Gemeinschaft intern untersucht und dann auch nach eigenen Regeln geahndet worden waren. Am Ende wurden die Übeltäter in der Regel aufgefordert, sich einer Art Therapie im ultraorthodoxen Umfeld zu unterziehen. Offenbar bekamen die Opfer weit weniger Aufmerksamkeit.

Die Polizei kam dem Ganzen eher durch Zufall auf die Spur. Einer jener Sittenwächter war in einem anderen Fall ins Visier geraten, und bei der Durchsuchung seines Hauses wurden mehrere Notizbücher mit den Namen der Verdächtigen und ihren recht detailliert aufgeführten mutmaßlichen Vergehen gefunden. Sechs Wochen wurde seither verdeckt ermittelt, dann erfolgte der nächtliche Zugriff.

Womöglich deutet dieser Zufallsfund auf eine insgesamt weit größere und systematische Vertuschung solcher Missbrauchsfälle hin. Tatsächlich knüpfen die Schlagzeilen an eine ganze Reihe anderer Vorfälle aus den vergangenen Jahren an, die es nicht nur in Israel, sondern auch in den USA und Großbritannien im ultraorthodoxen Umfeld gegeben hat. Ähnlich wie bei den Missbrauchsskandalen der katholischen Kirche spielt sich dabei der Missbrauch in einem Milieu ab, in dem die Sexualität als Tabu gilt und die Tugendhaftigkeit als Dogma gepredigt wird.

Strikte Geschlechtertrennung von der Schule bis hin zu öffentlichen Bussen gehört dabei zum Programm. In Mea Schearim, einem ultraorthodoxen Viertel in Jerusalem, werden zum Teil sogar getrennte Bürgersteige für Männer und Frauen ausgewiesen. Weibliche Besucher werden auf großen Schautafeln aufgefordert, sich züchtig zu kleiden.

Plötzlich befassen sich auch ultraorthodoxe Webseiten mit dem Missbrauchsthema

Genauso, wie das Thema Sexualität tabuisiert wird, wurde anscheinend auch dem sexuellen Missbrauch eher mit kollektivem Schweigen begegnet. Das führt schließlich - auch hier vergleichbar mit der katholischen Kirche - zur Vertuschung. Nach einigen Skandalen hatte es in jüngerer Zeit allerdings Anzeichen für eine Veränderung gegeben. So hatte im vorigen August der aschkenasische Chefrabbiner David Lau in einem offenen Brief alle ultraorthodoxen Lehrer aufgefordert, sich "ernsthaft" mit Fällen von Kindesmissbrauch in ihrem Umfeld auseinanderzusetzen. "Den Kopf in den Sand zu stecken ist keine Antwort auf dieses schwierige und schmerzhafte Thema", schrieb er.

Vorausgegangen war eine Missbrauchs-Anklage gegen sechs Lehrer einer ultraorthodoxen Schule in Tel Aviv. Noch vor zwei Monaten hatten angesehene Rabbiner an einer von der Polizei veranstalteten Konferenz zum Kampf gegen sexuellen Missbrauch teilgenommen. Auch mehrere Webseiten aus dem ultraorthodoxen Umfeld hatten sich plötzlich mit dem früher totgeschwiegenen Missbrauchsthema befasst. Es hatte also auch einige positive Signale gegeben.

Die nun von der Polizei aufgedeckten Fälle verweisen dagegen wieder auf einen Rückfall in alte Muster. Dies könnte der Grund dafür sein, dass die Polizei den jetzigen Zugriff besonders spektakulär inszeniert hat und sogleich Material inklusive eines Videos an die Medien verteilte. "Die Aufdeckung dieses Skandals und die Festnahme der Verdächtigen", so heißt es in einer Erklärung, "soll vor allem weiteren Schaden von den Opfern abwenden."