Imam Benjamin Idriz "Das ist gegen den Islam"

"Mohammed würde von Menschen nie verlangen, Gewalt auszuüben", sagt Imam Benjamin Idriz.

(Foto: Robert Haas)

Die Attentäter von Paris sollen Islamisten sein. "Wahnsinnige" nennt sie der Penzberger Imam Benjamin Idriz. Der Koran verbiete Zivilisten die Gewalt.

Von Hakan Tanriverdi

Benjamin Idriz, 42, ist seit 1995 Imam, also islamischer Gelehrter, in der oberbayerischen Gemeinde Penzberg. Er plant seit mittlerweile acht Jahren ein Islamzentrum in der Münchener Innenstadt, das von rechtspopulistischen Gruppen heftig bekämpft wird.

Herr Idriz, bei einem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" wurden mindestens zwölf Menschen ermordet. Es ist aktuell noch unklar, wer genau hinter dem Angriff steckt. Die Täter riefen nach Angaben von Zeugen "Wir haben den Propheten gerächt".

Benjamin Idriz: Es spricht vieles dafür, dass die Täter sogenannte Islamisten waren. Nein, ich muss mich korrigieren: Ich würde sie eher Wahnsinnige nennen. Es sind kriminelle Menschen. Das ist gegen den Islam. Ich komme zu diesem Schluss, weil dieses Magazin Karikaturen veröffentlicht hat, zuletzt haben sie den IS-Führer al-Baghdadi karikiert.

Was halten Sie denn von den Karikaturen?

Kein Muslim kann es begrüßen, wenn Religionen verspottet werden - sei es das Christentum oder der Islam. Das ist jedes Mal ein Angriff auf die Würde dieser Menschen. Aber: Eine freie Religionsausübung ist nur möglich in einer freien Gesellschaft, in der die Prinzipien der Meinungsfreiheit für alle gelten. Die Meinungsfreiheit muss geschützt werden, sie ist ein hoher Wert. Ich akzeptiere die Karikaturen nicht, aber wir müssen mit ihrer Kritik umgehen - wir müssen eine intellektuelle Antwort finden. Wir müssen mit Argumenten, wir dürfen nicht mit Gewalt reagieren. Für Muslime beginnt nun eine schwierige Zeit.

Zehntausende trauern um Opfer

35.000 Menschen versammeln sich am Abend in Paris, um der Opfer des Terror-Anschlags zu gedenken. Auch in anderen französischen Städten kommen Zehntausende zusammen, in Berlin erweisen Hunderte den Toten vor dem Brandenburger Tor die Ehre. mehr ...

Wie meinen Sie das?

Wir haben ein doppeltes Problem. Einerseits von gewalttätigen Menschen, andererseits von dem Teil der Mehrheitsgesellschaft, der vielleicht nicht in der Lage ist, einen differenzierten Blick auf den Islam zu werfen. Es droht, wie immer in solchen Fällen, ein Generalverdacht. Wir müssen uns auch mit den sogenannten Muslimen auseinandersetzen, die Gewalt bejahen. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und die Position des Islams darstellen.

Was ist denn die Position des Islams?

Wenn das alles stimmt, wenn es wirklich ein "Racheakt" war - wovon ich ausgehe - dann würde ich gerne an eine bekannte Szene erinnern, die ich oft in meinen Predigten erwähne. Der Prophet Mohammed musste Mekka verlassen, weil die Menschen ihn und seine Lehren abgelehnt haben. Als er nach zehn Jahren zurückkam, fürchteten diejenigen, die ihn vertrieben hatten, seine Rache. Doch er sagte: "Gott möge euch verzeihen! Macht, was ihr wollt. Ihr seid frei."

Was soll das bedeuten?

Er hat keine Rache ausgeübt. Er würde von Menschen nie verlangen, Gewalt auszuüben. Er würde sich von solchen Akten distanzieren. Er würde sie auf das Schärfste verurteilen.

Aber es gibt Passagen im Koran, in denen Gewalt ausgeübt wird.

Diese Koranverse sind von historischer Bedeutung; sie haben mit der Zeit, in der wir leben - eine Zeit des Friedens - absolut nichts gemein. Menschen, die solche Verse als Rechtfertigung für ihre Taten vortäuschen, missbrauchen den Koran. Ansonsten hätten sich Muslime im Laufe von tausend Jahren ununterbrochen immer im Krieg befinden müssen. Das ist aber nicht der Fall.

Was ist denn, wenn es der Fall wäre, wenn wir also im Krieg leben würden, wie die Terroristen immer wieder argumentieren?

Auch in diesen Fällen kann man diese Verse nicht verwenden. Krieg zu führen ist allein die Sache eines Staates und von Soldaten. Diese Verse sind höchstens - und wir reden hier von absoluten Ausnahmefällen - gültig, wenn ein Staat angegriffen wird. Es ist die Aufgabe eines Staates, sich zu verteidigen. Zivilisten dürfen solche Maßnahmen nicht anwenden.

Sie sind Imam in Penzberg und reden oft mit muslimischen Menschen über das Thema Terrorismus. Was ist das Feedback in Ihrer Community?

Empörung! Es herrscht Angst in der Community. Unsere Religion wird durch solche Kriminellen komplett in Frage gestellt. Diese Menschen haben unserer Religion viel mehr Schaden zugefügt, als diese Karikaturen es jemals tun könnten.

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Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Alexander Gauland, interpretiert den Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" als Rechtfertigung für die Anti-Islam-Bewegung Pegida. Was sagen Sie dazu?

Alle normalen Menschen sind von solchem Terror geschockt - wir Muslime sind es ja nicht weniger als andere, sondern mehr. Weil es unsere Religion ist, die dadurch so schrecklich missbraucht und entstellt wird. Wir arbeiten hier seit Jahrzehnten angestrengt und konstruktiv für gelingende Integration, für die Lösung von Problemen. Das sollten die Politiker ernst nehmen, nicht das absurde Gerede von einer "Islamisierung des Abendlandes". "Pegida" tut das Gegenteil, sie arbeiten denen in die Hände, die Konfrontation schüren, Hass säen und am Ende zu Gewalt greifen. Wie das der NSU getan hat.