Gesundheit Tut so weh

(Foto: mauritius images)

Rückenschmerz ist ein Alltagsleiden in Deutschland. Eine neue Studie zeigt: Bei der Behandlung passieren viele Fehler - zu viele.

Von Werner Bartens

Juliane Werding sang einst: "Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." Das Lied wurde 1975 veröffentlicht, aber die Zeile passt gut zu einem dauerpräsenten Thema der Gegenwart: Rückenweh, beziehungsweise: dem Missverständnis zwischen Ärzten und Patienten im Umgang mit Rückenschmerzen. Schließlich unterstellen sowohl Ärzte als auch Patienten ihrem Gegenüber Erwartungen, die tatsächlich gar nicht existieren - Ärzte vermuten fälschlicherweise, dass sich Patienten vom Besuch beim Doktor Rezept, Überweisung oder Untersuchungen wie Röntgen, Kernspin oder Computertomogramm erhoffen und unzufrieden sind, wenn sie die Praxis ohne diesen medizinischen Ritterschlag verlassen. Patienten denken: Oh je, wenn der Arzt mich röntgen lässt oder in die Röhre schiebt, muss es wohl schlimm sein.

So befeuern sich Fehldeutungen und Unterstellungen gegenseitig. Diese Aufwärtsspirale führt zu immer mehr Diagnostik, und das Ergebnis ist äußerst unbefriedigend: Patienten mit Rückenschmerzen werden viel zu oft geröntgt und ihre Beschwerden häufig nicht optimal behandelt. Neben der schädlichen Strahlenbelastung für Patienten sind immense Kosten für das Gesundheitswesen die Folge. Und besser geht es den Schmerzgeplagten hinterher keineswegs.

Der am Dienstag erschienene "Faktencheck Rücken" der Bertelsmann-Stiftung zeigt diese Fehlentwicklung detailliert auf. Die Erkenntnisse sind nicht neu, aber man muss sie wohl regelmäßig wiederholen, weil der Trend zu immer mehr Röntgenbildern und anderen Aufnahmen vom Rücken ungebrochen ist. Dabei gilt das zehn Jahre alte Diktum von Peer Eysel, Chef der Orthopädie an der Universitätsklinik Köln, nach wie vor: "Rückenschmerzen sind wie Erkältungen - mit Arzt dauern sie 14 Tage, ohne zwei Wochen." Auch die Leitlinien und Empfehlungen der Orthopäden sehen in Deutschland wie auch international vor, sich bei "unkomplizierten" Rückenschmerzen frühestens nach sechs Wochen, manchmal erst nach zwölf Wochen ein Bild zu machen. Unkompliziert bedeutet, dass keine Lähmungen auftreten, kein Bruch vorliegt oder die Entleerung von Darm oder Blase beeinträchtigt ist.

In der Praxis sieht es anders aus. Jeder fünfte gesetzlich Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt - 27 Prozent suchen gar vier Mal oder öfter einen Arzt auf. "Von jährlich mehr als 38 Millionen rückenschmerzbedingten Besuchen bei Haus- oder Fachärzten und den dabei veranlassten sechs Millionen Bildaufnahmen wären viele vermeidbar", so der aktuelle Report. Laut der Erhebung erwarten mehr als die Hälfte der Patienten, dass bei Rückenschmerzen schnell ein Bild angefertigt wird. Mehr als zwei Drittel glauben schließlich, dass sich im CT, Röntgen- oder Kernspinbild die Ursache des Schmerzes finden lässt.

Die Mehrzahl der Rückenschmerzen ist psychosomatisch bedingt

Das aber ist ein Trugschluss, denn nur bei 15 Prozent der Patienten lässt sich der Grund für die Schmerzen mit einer Aufnahme der Wirbelsäule ermitteln. "Oft werden die Befunde der Bildgebung überbewertet. Dies führt zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Behandlungen, zur Verunsicherung des Patienten und kann gar zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen", sagt Jean-François Chenot von der Uniklinik Greifswald. Häufig geht die Pein im Kreuz nämlich nicht auf eine Unwucht in der Statik zurück oder auf die Bandscheiben. Die Mehrzahl der Rückenschmerzen ist psychosomatisch bedingt. Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem wehtut. Die Menschen haben Beschwerden, weil privater wie beruflicher Ärger und Stress dem empfindlichen Rückgrat zusetzen, nicht aufgrund von Defekten in der Knochenkette. Besonders gefährdet ist, wer sich im Beruf nicht genügend wertgeschätzt fühlt.

Auch die Behandlung der Patienten läuft oft falsch. Physiotherapie kann helfen - laut aktuellem Report wird aber 43 Prozent der Betroffenen Ruhe und Schonung empfohlen und ihr Krankheitsgefühl verstärkt. Dabei sollten Patienten gemäß Leitlinien ihre gewohnten Aktivitäten gerade beibehalten und sich bewegen - sowie negative Gedanken an ihre Beschwerden vermeiden. 85 Prozent der akuten Rückenschmerzen gelten schließlich als "medizinisch unkompliziert und nicht spezifisch".

Ungefähr ebenso groß ist der Anteil der Röntgenaufnahmen und anderer Bilder vom Rücken, die überflüssig sind. In der Medizin gibt es seit fünf Jahren die Initiative "Less is more - weniger ist mehr", um unnötige Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden und Patienten zu schützen. Als eine der ersten Untersuchungen, die in großem Stil verringert werden sollte, wurde dort aufgeführt: Röntgen, CT oder Kernspin bei Rückenschmerzen.