Fremdschämen Ist der peinlich!

Warum schämt man sich eigentlich für die Missgeschicke anderer? Wissenschaftler haben sich der Frage angenommen und das Phänomen "Fremdschämen" untersucht.

Von Karin Prummer

Eine selbstbewusste Teenagerin jodelt trommelfellzerreißend "My heart will go on" und merkt nicht, dass sie jodelt. Ein Juror sitzt daneben und hält sich die Ohren zu; eine Fernsehkamera hält drauf.

Seine Auftritte bitte reichlich Anlass zum Fremdschämen: Sacha Baron Cohen in seiner Rolle als schwuler Modereporter Brüno.

(Foto: Foto: ddp)

Es sind diese Momente, in denen man die Hand vor den Mund schlägt, und wenn's ganz schlimm kommt, beide Hände vors Gesicht. Zapp. Schnell umschalten, bevor das Gefühl unerträglich wird: Fremdschämen.

Fremdschämen - ein Begriff, den es vor ein paar Jahren noch gar nicht gab und der gerade eine steile Karriere hinlegt: im Sommer in den Duden aufgenommen, von Hip-Hopper Jan Delay in einem Lied beklagt, Namensgeber von Gruppen im Online-Netzwerk StudiVZ wie "Fremdschämen! Hilfe, ich schäme mich für andere Leute!".

"Ein aktuelles Phänomen"

Fast könnte man meinen, Fremdschämen sei in. Stimmt, sagen die Psychologen Sören Krach und Frieder Paulus von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Marburg. Sie haben mit Kollegen die ersten Studien darüber verfasst und untersucht, was Fremdscham auslöst. Zwar musste man sich schon seit Menschengedenken für andere schämen, dennoch ist Fremdschämen laut Krach "ein aktuelles Phänomen".

Denn immer mehr Menschen präsentieren sich und ihre Peinlichkeiten im Fernsehen und in Online-Netzwerken wie StudiVZ und Facebook, in denen viele auf virtuellen Pinnwänden ihre Leben ausbreiten. Weil die Bedeutung der Netzwerke steigt, "wird man sich in Zukunft noch mehr fremdschämen müssen", sagt Krach.

Warum schämt man sich für andere?

1400 Personen machten bei der Online-Studie der Marburger Forscher mit. Die Ergebnisse: Fremdscham ist eine stellvertretende soziale Emotion. Sie hat eine harmlosere Schwester, die Fremdpeinlichkeit. So nennen Krach und Paulus es, wenn man jemanden beobachtet, dem unabsichtlich ein kleineres Missgeschick passiert.

Fremdscham dagegen sitzt tiefer und bleibt länger, dafür muss jemand bewusst oder unbewusst Moralvorstellungen oder Normen brechen. Wie Rainer Brüderle, Wirtschaftsminister, als er auf einer Pressekonferenz sagte, dass er und Finanzminister Wolfgang Schäuble eng beieinander stünden. Schäuble saß im Rollstuhl neben ihm und hörte zu. Brüderle machte eine Pause, guckte zu Schäuble hinunter und fügte hinzu: "Auch wenn ich jetzt stehen muss, er sitzen kann."

Aber warum schämt man sich für Rainer Brüderle, warum schämt man sich überhaupt für andere? Darauf gibt es noch keine gesicherte Antwort, nur Vermutungen: Vielleicht unterstützt Fremdscham die eigene Identität, weil man sich dadurch versichert, dass man sich selbst nicht so benehmen würde.

"Viele junge Leute treffen sich gezielt zum Fremdschämen"

Vielleicht erlebt man innerlich mit, was der andere erlebt. Sicher ist: Fremdschämen hat mit Perspektivübernahme zu tun, man fühlt sich in eine andere Person hinein. Diese Fähigkeit ist etwa bei Autisten oder Schizophrenen eingeschränkt.

Deswegen ist die Forschung zum Fremdschämen für die Wissenschaft sehr interessant. Die Forscher wollen herausfinden, wie die Perspektivübernahme bei gesunden Menschen im Alltag funktioniert, um dann vielleicht den Kranken helfen zu können.

Obwohl der Begriff Fremdschämen meist im Zusammenhang mit Fernsehen fällt, ist die Emotion im wahren Leben tiefer als vor dem Bildschirm: Je näher einem eine Person steht, desto schlimmer schämt man sich für sie, weil man sich besser einfühlen kann.

Einfühlungsvermögen ist nicht allen Menschen gleichermaßen gegeben: Je mehr man hat, desto mehr schämt man sich fremd. So kommt es, dass der jodelnde Teenager im Fernsehen dem einen körperlich weh tut und ihn der andere nur lustig findet. "Viele junge Leute treffen sich gezielt zum Fremdschämen", sagt Forscher Krach, "sie gucken gemeinsam 'Stromberg' oder 'Deutschland sucht den Superstar'."