Frau legt Lkw-Fahrern die Hand auf "Die Männer werden oft wie der letzte Dreck behandelt"

Sie saß zwölf Jahre "auf dem Bock" und weiß, dass der Job hinterm Steuer eines Lastwagens nicht einfach ist. Deshalb bietet Renate Holzförster gestressten Ex-Kollegen heute Entspannungsbehandlungen an. Auf dem Parkplatz oder auch mal direkt am Esstisch in der Raststätte. Ein Gespräch über gar nicht so harte Burschen und die Wirkung von Frauenhänden.

Interview: Alexandra Aschbacher

Einmal pro Woche fährt Renate Holzförster an die Autobahnraststätte Dammer Berge und legt erschöpften Truckern die Hand auf. Kostenlos, aus "reiner Überzeugung", wie sie sagt. Sie weiß, wie anstrengend der Job hinter dem Steuer ist: Sie saß selbst zwölf Jahre lang im Lastwagen, bis eine Knieverletzung sie zum Aufhören zwang. Heute ist sie Meisterin in Reiki, der japanischen Kunst des Handauflegens.

SZ: Hallo, Frau Holzförster, ich rufe an wegen ...

Holzförster: ... meines Reiki-Angebots für Lkw-Fahrer, oder? Schön! Ich mache das jetzt seit vier Jahren, und ich muss sagen: Es kommt immer besser an.

SZ: Wie kann man sich das vorstellen? Sie klappen auf der Autobahnraststätte eine Liege auf, lassen esoterische Musik im Hintergrund laufen und legen den Männern Ihre Hände auf?

Holzförster: Nee, Musik gibt's nicht. Eine Liege schon, darum herum kommt noch ein Vorhang - und los geht's. Manchmal behelfe ich mich auch nur mit einem Stuhl auf dem Parkplatz. Zwei Herren habe ich auch mal behandelt, als sie noch am Esstisch in der Raststätte saßen.

SZ: Lastwagenfahrer sind doch harte Burschen. Werden die nicht als Weicheier abgestempelt, wenn sie sich von Ihnen behandeln lassen?

Holzförster: So hart sind die gar nicht, die sind alle ganz lieb. Brummige gibt es natürlich auch.

SZ: Und so mancher schüttet Ihnen dann auch mal so richtig sein Herz aus?

Holzförster: Durchaus. Jede Behandlung löst etwas in einem. Ich kann vieles nachempfinden, weil ich ja selbst zwölf Jahre lang Lastwagenfahrerin war.

SZ: Welche Sorgen und Nöte haben Lastwagenfahrer?

Holzförster: Sie stehen ständig unter Stress und Anspannung. Es sieht zwar ganz einfach aus, so auf dem Bock zu sitzen und bei 80 Stundenkilometern die Autobahn langzufahren, ist es aber nicht: Man muss die ganze Zeit über konzentriert und reaktionsbereit sein. Das ermüdet und strengt an. Sehr oft werden sie auch wie der letzte Dreck behandelt.

SZ: Wo sind die Herren denn am verspanntesten?

Holzförster: Am Rücken. Viele haben starke Kopf- und Verspannungsschmerzen. Und sie sind ständig übermüdet, einer hätte einmal fast verschlafen auf meiner Liege.

SZ: Ansonsten sind Frauen ja eher selten anzutreffen im Fahrerhaus. Oder?

Holzförster: Ja, ja. Frauen gibt es ja immer noch sehr wenige in dieser Branche. Einmal hatte ich einen Spanier in Behandlung, die Südländer sind da ja viel offener. Nach einer halben Stunde Reiki wurde er unruhig, sprang auf und meinte: "Wenn man wochenlang unterwegs ist, tut es richtig gut, einmal wieder Frauenhände zu spüren." Fand ich niedlich.

SZ: Wie kommt eine Truckerin dazu, in die Esoterik-Branche zu wechseln?

Holzförster: Im Jahr 1998 hatte ich einen schweren Unfall mit meinem Lkw, musste zweimal am Knie operiert werden und konnte anschließend nicht mehr fahren. In dieser Zeit hat mir eine Freundin, die Reiki gelernt hatte, die Hände aufgelegt. Ich war sehr skeptisch - aber es wirkte. Und weil ich immer schon neugierig war, wollte ich das auch lernen.

SZ: Vermissen Sie Ihren alten Job?

Holzförster: Wenn ich vor so einem Lkw stehe, dann juckt es mich schon manchmal in den Fingern.