Fastnacht Das große Aufräumen am Tag danach

Leere Flaschen und Plastikbecher - am Aschermittwoch gilt es, den Karnevalsmüll zu beseitigen.

(Foto: dpa)

Bierflaschen, Konfetti, Kotze. Jedes Jahr beseitigen die Müllarbeiter von der Mainzer Stadtreinigung die Reste der Fastnacht. An diesen Tagen ist ihnen das Aufräumen sogar am liebsten.

Von Gianna Niewel

Es ist doch so, sagt Frank Maier: Wenn gerade nicht Fastnacht ist, ruft immer irgendjemand an und beschwert sich, weil auf dem Bahnhofsvorplatz Kippen liegen oder Kaugummis kleben, dabei leeren sie vier Mal am Tag die Mülleimer und kratzen den Dreck aus dem Kopfsteinpflaster. Und jetzt? Tragen ihnen die Leute Gebäck nach. Klopfen ihnen auf die Schulter. Klopfen an die Scheibe des Müllwagens, um zu sagen: "Gut macht ihr das." Wenn sich Plastikbecher, Glasflaschen, Luftschlangen, Verpackungen kniehoch auf der Straße türmen, erinnern sich die Leute daran, was sie an den Straßenfegern und Müllwagenfahrern haben. Das freut die Kollegen, sagt Maier. Pause. "Und mich auch." Wegen solcher Momente mag er Fastnacht.

Frank Maier, 47, steht in der Boppstraße in Mainz, er trägt feste Schuhe und eine orange Warnweste, er steht da, wo auf der Fahrbahn der Mittelsteifen entlangläuft. Gestreckter Rücken, gerader Blick. Er nimmt den Spaß schon auch ernst.

Vor ihm stellen sich sechs Männer auf, drei rechts, drei links des Mittelstreifens. Sie schlagen ihre Kapuzen hoch, ziehen ihre Schutzbrillen an, greifen nach den Laubbläsern. Frank Maier nickt. Dahinter stellen sich noch einmal acht Männer auf, vier rechts, vier links, mit Kehrbesen. Nicken. So geht das immer weiter, zwei Radlader, acht Männer mit Schaufeln, wieder zwei Radlader, drei Fahrbahnkehrmaschinen, vier Bürgersteigkehrmaschinen, Wasserwagen, Werkstattwagen, Winterdienstwagen. Nicken.

Der Mainzer Rosenmontagsumzug ist einer der größten des Landes, nach Köln und Düsseldorf. Für Frank Maier und seine 55 Kollegen ist er Arbeit. Er hebt den Arm, die Laubbläser legen den Schalter um. Sie sind der Zug nach dem Zug.

2014 haben sie 92,5 Tonnen Müll eingesammelt. 2015: 84,7 Tonnen. 2016 wurde der Umzug abgesagt, Sturmwarnung. 2017: 77,5 Tonnen.

Der Straßenreiniger wünscht sich: "Gut wäre: Glasfrei feiern"

Frank Maier sagt: "Wir wollen ein ordentliches Stadtbild." Er läuft hin und her über die Straße und warnt all die, die noch rumstehen. Vorsicht, wir machen sauber. Und weil Rosenmontag ist, ruft er ab und an "Helau." Er ist aus Baden-Württemberg, wo man Fasching sagt, nicht Fastnacht, das musste er lernen. Richtig verstanden hat er es nie. Er schminkt sich nicht. Verkleidet sich nicht. Er geht nicht auf Kappensitzungen und wenn, dann nur auf Kinderkappensitzungen, mit seiner Tochter. Als er gefragt wird, was das Motto des Umzugs ist, sagt er: "Gut wäre: Glasfrei feiern."

113 Kollegen sind am Rosenmontag in der Mainzer Innenstadt unterwegs. Einige arbeiten schon, wenn der Morgen dämmert. Andere hören auf, wenn die Reflektoren der Warnwesten in der Dunkelheit leuchten. Alle kennen die Regeln. Nicht mit Betrunkenen streiten, niemanden auf die Wagen lassen. "Wir sind solche Einsätze gewohnt", sagt Maier. Einerseits. Andererseits ist Rosenmontag immer speziell.

Maier ist der Gesamteinsatzleiter der Straßenreinigung in Mainz und an diesem Tag eine Art Zugmarschall. Alles hört, wenn er anweist. Die Laubbläser blasen den Müll vom Bürgersteig auf die Straße. Männer kehren, Männer schaufeln den Müll zusammen. Dann kommen die Radlader, greifen sich Haufen und kippen sie in den Müllwagen. Dahinter flitzen Kehrmaschinen über die Straße, fahren ihre Bürsten aus, saugen auf, was übrig geblieben ist. Der Wasserwagen spült. Der Winterdienstwagen verteilt Lauge. Ganz am Ende des Zugs ist der Asphalt nass und sauber.

Die Kaiserstraße führt einmal um einen Grünstreifen herum. Vorsicht bitte, Vorsicht bitte, Helau. Es sind nicht mehr so viele Menschen draußen. Dafür stehen neben einer Bank vier Wohnzimmerstühle, die Sitze zerschlissen. Die Mainzer wissen, dass nach dem Umzug geräumt wird, also melden sie den Sperrmüll nicht an, sondern stellen ihn auf die Straße. Kaputte Nachttischlampen, Holzkommoden, Spanplatten, Matratzen, Hausmüll in Säcken. "Holen wir dann halt auch mit." Ein Mann mit Besen packt die Stühle an der Lehne und wirft sie in den Müllwagen.

Nichts wie weg mit der Fastnacht! Er mag die Stadt lieber sauber

Aber Sperrmüll ist nicht das einzige Problem. Konfetti pappt am Boden, wenn es nass ist. Die Laubbläser kriegen nicht alle Schnipsel weggeblasen. Die Kehrmaschinen kriegen nicht alle weggesaugt. Bis auf den Straßen auch die letzten Reste von der Fastnacht entfernt sind, ist Wochenende, sagt Frank Maier, der Fastnacht gerne sofort beseitigen würde. Nicht weil er es den Menschen nicht gönnen würde. Er mag die Stadt nur lieber sauber.

Gefährlich ist Glas. Likörflaschen - Straßenreiniger nennen sie Kleinstgetränkeflaschen - schießen umher, wenn sie im falschen Winkel unter die Räder kommen. Und gebrochene Bier- oder Weinflaschen. Es knallt. Luft zischt. Ein Radlader sinkt vorne rechts tiefer. Frank Maier winkt den Materialwagen heran, Reifen wechseln.

Bei seinem ersten Rosenmontagsumzug vor neun Jahren sammelten sie so viel Glas ein, sie mussten den Müllwagen leeren, nicht weil er voll gewesen wäre. Er war zu schwer. Das ist etwas besser geworden. "Aber Mainz bleibt eine Weintrinkerstadt", sagt Frank Maier und lacht.

Die Bauhofstraße beginnt zweispurig, auf der rechten Spur die Müllhaufen. Neben einem Müllhaufen steht ein Paar. Er trägt einen Arztkittel, Dr. med, und wühlt im Haufen herum. Sie trägt ein schwarz-gelb gestreiftes Oberteil, Flügel auf dem Rücken, und schaut zu. Sie suchen einen Rucksack. Es ist dunkel und laut, überall Musik, sie haben den ganzen Haufen einmal komplett durchsiebt, als ein Straßenfeger stehen bleibt. Er zeigt auf die Müllpresse, und die Frau beginnt zu weinen. Sie haben schon Portemonnaies ins Fundbüro gebracht, Handys, Gebisse, Beinprothesen. Aber sie finden nicht alles.

Der Mann im Bärenkostüm steht auf und wankt los

Der Zug der Straßenreiniger nähert sich der Innenstadt. Bauhofstraße, Große Bleiche, Große Langgasse. Mitten auf der Straße sitzt ein Mann. Frank Maier beugt sich zu ihm, legt ihm die Hand an den Oberarm. Der Mann steht auf. Guckt an seinem Bärenkostüm herunter. Guckt geradeaus. Dann wankt er los.

Manche sagen: Schade, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist. Die Mainzer Straßenreiniger sagen: Was wäre das Chaos ohne Ordnung?

Es ist halb acht, als sie sich die Weißliliengasse entlangräumen, als sich in einem der Kneipenfenster die Lichter spiegeln. Eine zweite Gruppe kommt ihnen entgegen, und irgendwann stehen Laubbläser vor Laubbläsern. Frank Maier gibt ein Zeichen, Daumen hoch. Die Männer schippen einen letzten Haufen zusammen, der Radlader greift ihn auf und kippt ihn in den Müllwagen. Es klirrt. Der Radlader lässt die Schaufel wieder runter, sie ist noch voller Konfetti. Aber der Müll ist weg.

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