Extrem-Radfahren 122 432 Kilometer in einem Jahr - auf dem Fahrrad

Im Schnitt fährt Searvogel 335,5 Kilometer täglich. Zum Vergleich: Von Frankfurt am Main nach Hannover sind es mit dem Auto 349 Kilometer. imago/ZUMA Press

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Der US-Amerikaner Kurt Searvogel hat einen 76 Jahre alten Rekord gebrochen. Doch die Konkurrenz ist schon hinter ihm her.

Von Sebastian Herrmann

Am Ende hat Zahlenmystik Kurt Searvogel zehn Extrameilen durch den nebeligen Abend an Floridas Ostküste getrieben. Den Jahrhundertrekord hatte der 53-jährige Ausdauerathlet da bereits seit einigen Tagen sicher. Jetzt ging es darum, die Hürde für künftige Konkurrenz in die Höhe zu treiben - und eine schöne Zahl in die Rekordbücher einzutragen: Kurt Searvogel, Softwareunternehmer aus Little Rock, Arkansas, ist binnen einem Jahr 76 076 Meilen Rad gefahren. Das sind 122 432 Kilometer - eine Strecke so weit, als wäre er drei Mal um die Erde geradelt.

Searvogel fuhr 76 076 Meilen und brach damit einen 76 Jahre alten Rekord

Die Zahl 76 076 verfügt über schöne Symmetrie und sie beinhaltet eine Hommage an den Rekord, den Searvogel nun gebrochen hat. 76 Jahre hatte dieser Bestand. Es war am 31. Dezember 1939, als der Brite Tommy Godwin nach einem Jahr im Sattel 75 065 Meilen (120 805 Kilometer) gesammelt hatte. Am vergangenen Samstag radelte Searvogel also nach einem Jahr Schinderei noch einmal 374 Kilometer an einem Tag - einige Meilen mehr als ursprünglich geplant.

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Es ist schwer, diese wahnwitzige Ausdauerleistung zu begreifen. Searvogel radelte 365 Tage in Folge, vom 10. Januar 2015 bis zum 9. Januar dieses Jahres. Im Schnitt schaffte er 335,5 Kilometer täglich. Zum Vergleich: Von Frankfurt am Main nach Hannover sind es mit dem Auto 349 Kilometer.

Searvogel ist also 365-mal in Folge eine vergleichbare Strecke geradelt. Lediglich an einem Tag im Frühjahr trug er nur 1,8 Kilometer in seine Liste ein, da hatte ihn eine Virusinfektion erwischt. Tags darauf begann er, seine Dosis wieder zu eskalieren. Ein faustgroßer Abszess am Gesäß hielt ihn nicht auf, er wechselte für ein paar Tage ins Liegerad.

Im Sommer diagnostizierte ein Arzt bei ihm Asthma. Einige Male suchte er die Notaufnahme auf, weil sein Herz aus dem Takt schlug. Aber Searvogel radelte weiter. Sein Leben fand 365 Tage lang auf dem Rad statt. Er organisierte die Scheidung von seiner Ex-Frau und heiratete seine Gefährtin und Antreiberin Alicia. Hochzeitsreise? An diesem Tag schaffte Searvogel nur 280 Kilometer.

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Warum tut man sich so etwas an?

Also bitte, warum tut man sich so etwas an? Warum opfert man ein Jahr Lebenszeit für die Jagd nach einem monströsen Ausdauerrekord? "Weil noch niemand den Rekord von Tommy Godwin gebrochen hat", sagte Searvogel bei einem Treffen im Oktober, "und weil ich es schaffen kann."

Gelingen konnte die Mission aber nur mit der Hilfe seiner mindestens ebenso ehrgeizigen Frau Alicia. Von ihr stammte die Idee, den Rekord zu versuchen, sie trieb ihn an, sie organisierte alles, was für den Rekord nötig war: das Wohnmobil fahren, Übernachtungen buchen, die Wartung der Räder und die täglichen 10 000 Kalorien Treibstoff besorgen, die Searvogels Körper brauchte. Der Ausdauerradler selbst machte nichts als Rad zu fahren, zu essen und zu schlafen. Wer täglich um die 14 Stunden unterwegs ist, um Meilen zu fressen, kann sich auch um sonst nichts kümmern.

Aber ist der neue Rekord mit dem alten überhaupt vergleichbar? Der Brite Godwin fuhr mit einem Vier-Gang-Fahrrad durch England, ertrug britisches Wetter und trug mangels gepolsterter Radlerhosen Damenseidenslips, um die Reibung am Hintern etwas zu verringern. Im Internet mussten Kurt und Alicia deswegen viele hässliche Kommentare aushalten. Ihr Rekordversuch sei nichts wert, weil sie es sich zu einfach machten, lautet der zivil umformulierte Tenor der Kritik.

Die Rekordjagd verfolgen Der Streckenverlauf kann hier in einer GPS-Aufzeichnung nachvollzogen werden

"Es ging nur um Meilen, sonst nichts"

Kann man sich 122 432 Kilometer überhaupt einfach machen? Searvogel vermied Steigungen, passte seine Fahrten der Windrichtung an, fuhr im Winter in Florida, im Frühling und Herbst in seiner Heimatstadt Little Rock, Arkansas, und floh im Sommer vor der Hitze nach Wisconsin. Oft genug radelte er die gleichen paar Kilometer auf und ab, bis er seine Tagesdosis zusammenhatte. Aber einfach? Man könnte sagen: Searvogel hat die perfekte Strategie gewählt, um einen unmenschlichen Rekord zu überbieten. "Es geht darum, Meilen zu sammeln", sagte Searvogel, "um sonst nichts." Nachdem der Rekord gebrochen ist, wird die Diskussion ohnehin vergessen werden.

Jetzt hat Searvogel erst mal eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um sich von möglichst vielen Menschen zu einem Bier einladen zu lassen. Gefeiert wird wohl nächstes Wochenende in Little Rock. Und dann? Die Leere nach dem Ende der Jahrhundertaufgabe kann er ein wenig füllen, indem er seine Konkurrenten beobachtet. In England arbeitet Steven Abraham noch bis August daran, den neuen Rekord zu brechen. Und in Australien schuftet seit 1. Januar Bruce Berkeley in Nähe von Adelaide, um noch mehr Meilen als Searvogel zu sammeln.