Atomgefahr in Japan: Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz im Interview "Tschernobyl? Es könnte noch schlimmer kommen!"

Zwar dementiert die japanische Regierung, dass es zu einer Kernschmelze gekommen ist. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, schätzt die Lage anders ein, äußert scharfe Kritik an der Krisenpolitik Japans und warnt vor den Folgen - auch für Deutschland.

Interview: Kathrin Haimerl

Sebastian Pflugbeil ist Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

sueddeutsche.de: Für wie schlimm halten Sie die wahre Situation in Fukushima-1?

Sebastian Pflugbeil: Darüber kann man nur spekulieren, denn die japanischen Behörden mauern. Die Informationspolitik ist eine zweite Katastrophe. Bei der Explosion der Außenhülle zum Beispiel steckte richtig Kraft dahinter - den Bildern im Fernsehen nach zu urteilen sieht es nicht so aus, als sei in der Kantine lediglich eine Propangasflasche in die Luft geflogen. Dazu gab es lange nur unbefriedigende Informationen.

sueddeutsche.de: Die japanische Regierung evakuiert die Gebiete im Radius von 20 Kilometern - reicht dies, wenn es zu einer Kernschmelze kommt?

Pflugbeil: Das ist lächerlich. In Tschernobyl vor 25 Jahren waren Menschen im Umkreis von deutlich mehr als tausend Kilometern ernsthaft von der Strahlung betroffen. Japan agiert im Moment ganz typisch - nämlich hilflos.

sueddeutsche.de: Was müsste die Regierung machen?

Pflugbeil: Zum Beispiel die Bevölkerung mit Jodtabletten versorgen, zum Schutz vor Schilddrüsenkrebs. Das ist ein großes logistisches Problem und kaum lösbar, denn die Leute müssten rausgehen und sich der Strahlung aussetzen.

sueddeutsche.de: Drohen Japan Folgen wie 1986 in Tschernobyl?

Pflugbeil: Es könnte sogar schlimmer kommen, wenn eine Kernschmelze den Reaktor zerfetzt. Und im Umkreis sind noch zwei Reaktoren, in denen Ähnliches passieren kann. Nicht zu vergessen, dass Japan im Vergleich zur Region um Tschernobyl sehr dicht besiedelt ist.

sueddeutsche.de: Welche Erkrankungen drohen?

Pflugbeil: Es ist immer nur die Rede von Schilddrüsenkrebs und Leukämie - aber seit Tschernobyl wissen wir, dass das Spektrum sehr viel weiter reicht, von Erkrankungen der Verdauungsorgane bis hin zu Folgen für Kreislauf, Muskeln, Verdauungsorgane und das Zentrale Nervensystem.

sueddeutsche.de: Die japanischen Atomkraftwerke sind besser gegen Erdbeben gerüstet als deutsche - wie konnte es trotzdem zu einer solchen Katastrophe kommen?

Pflugbeil: Erdbeben und Tsunamis sind für Japan keine exotischen Ereignisse, und trotzdem hatte man manche Gefahren einfach ignoriert - zum Beispiel, dass ein Tsunami die Stromversorgung zerstören kann. Japans Politik war unbegreiflich blauäugig und hörig in Sachen Atomenergie. Das rächt sich nun. Der positive Effekt dieser Katastrophe könnte sein, dass die Regierung umdenkt. In einem Erdbebengebiet muss man Atomkraftwerke abschalten.

sueddeutsche.de: Umweltminister Röttgen gibt für Deutschland Entwarnung, die Katastrophe in Japan bedrohe die deutsche Bevölkerung nicht. Ist das so?

Pflugbeil: Das hängt natürlich von der weiteren Entwicklung ab und vom Wetter: vom Wind und auch davon, wie hoch eine radioaktive Wolke steigt. Je höher, desto weiter kann sie sich verteilen. Ich wäre vorsichtig mit frühen Entwarnungen - sie haben sich im Nachhinein immer als falsch herausgestellt. Auch nach Tschernobyl hat es erst keiner für möglich gehalten, dass die Katastrophe Folgen für Deutschland haben könnte.