Dieter Bandhauer über seine folgenreiche Rundmail "Vollkommen ratlos und zerknirscht"

Dieter Bandhauer, Gründer und Verleger des Sonderzahl Verlags

Zynische Zuschriften, wütende Kommentare: Mit diesem Echo hatte Dieter Bandhauer nicht gerechnet, als er eine Rundmail an 2000 Journalisten schickte. Im Gespräch mit Süddeutsche.de berichtet der Verleger, wie man sich fühlt, wenn man mit einer Routine-Anfrage aus Versehen eine riesige Spam-Flut auslöst.

Von Sonja Salzburger

Den Vorwurf, hinter seiner E-Mail würde eine PR-Strategie stecken, will Dieter Bandhauer vom kleinen österreichischen Sonderzahl-Verlag nicht auf sich sitzen lassen. Begonnen hatte alles ganz harmlos: Freitagmittag schickte der Verleger eine Rundmail an 2000 Journalisten, um sich zu erkundigen, ob sie die Programmvorschau seines Verlages in Zukunft digital oder in gedruckter Form per Post erhalten möchten. Irrtümlicherweise wurde jede Antwort auf diese Anfrage an alle Adressaten des Verteilers weitergeleitet. Warum, kann sich der 56-Jährige bis heute nicht erklären. Es folgte eine riesige E-Mail-Flut. Und der Verleger wurde wüst beschimpft.

SZ.de: Heute schon Ihre Mails gecheckt?

Dieter Bandhauer: Ja, habe ich. Keine Auffälligkeiten.

Das dürfte am Wochenende anders gewesen sein. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie gesehen haben, dass aus Ihrer Rundmail vom Freitag eine Welle aus Spam-Mails entstanden ist?

Ehrlich gesagt war ich vollkommen ratlos und zerknirscht. Es war mir wahnsinnig peinlich und unangenehm. Aber die ganze Tragweite ist mir erst am Samstagmittag bewusst geworden. Dann habe ich unseren Administrator angerufen und der hat sofort den Serverzugang gesperrt. Von 13.35 Uhr an sind die Antwortmails nicht mehr an alle weitergeleitet worden. Aber es wird uns Tage kosten, die Nachrichten auszuwerten.

Wie haben die betroffenen Journalisten in Ihren E-Mails reagiert?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich - von freundlich, ironisch bis zynisch oder gar richtig verärgert war alles dabei. Manche haben uns wahnsinnig beschimpft. Ein oder zwei Journalisten haben sogar mit ihrem Hausjuristen gedroht. Einige Leute, die aus meiner Sicht nicht so internetkundig sind, haben anscheinend nicht verstanden, dass eine Panne passiert ist. Mir wurde auch unterstellt, eine Guerilla-Marketing-Aktion gestartet zu haben. Aber das entspricht nicht meinem Naturell und meinem Charakter.

Also war es kein PR-Gag?

Es steckt überhaupt keine PR-Strategie dahinter. Sonderzahl ist ein kleiner, seriöser Verlag, der im Herbst sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Wir haben solche Sachen überhaupt nicht im Sinn. Ich habe mich auch jahrelang mit der Frage herumgeschlagen, ob wir wirklich anbieten sollen, unsere Vorschauen digital zu verschicken. Denn ich bin ein Anhänger des Printmediums, ich gehöre - wie der große Verleger Michael Krüger vom Hanser Verlag einmal gesagt hat - zur Holzwirtschaft und nicht zur Elektroindustrie.

Die Aktion startete am Freitagnachmittag. Wäre es vielleicht entspannter abgelaufen, wenn sich nicht alle Beteiligten dazu genötigt gefühlt hätten, auch am Wochenende permanent ihre Mails zu checken und zu reagieren?

Ja, natürlich. Aber man muss schon wissen, dass die Medien eben auch am Wochenende arbeiten und auch Freitag am späten Nachmittag, wenn ein normales Büro geschlossen hat. Sehr interessant ist auch, dass die betroffenen Journalisten sogleich noch andere Foren genutzt haben, um Leuten davon zu erzählen, die gar nicht in unserem Verteiler sind - zum Beispiel über Facebook. Mich haben dann noch viele weitere Menschen angerufen und gefragt, ob ich wüsste, was passiert sei. Aber als diese Anrufe kamen, war ich schon längst als Feuerlöscher unterwegs.

Glauben Sie, dass eine vergleichbar große Spam-Welle losgeschwappt wäre, wenn Sie Ihre Rundmail nicht an Journalisten - denen man ein besonders hohes Mitteilungsbedürfnis nachsagt - sondern an eine etwas schweigsamere Berufsgruppe geschickt hätten?

Ich will es lieber nicht ausprobieren. Aber diese mediale Resonanz hat mich schon überrascht. Ein österreichischer Journalist hat mich sogar angerufen und sich darüber beschwert, dass er nicht im Verteiler war, weil er auch gerne mitgelesen hätte. Ich weiß allerdings nicht, ob er das ernst meinte oder ob er einfach nur zynisch war.

Wieso haben Sie sich selbst nicht in die Diskussion eingeschaltet?

Ich wollte vorsichtig sein. Irgendwann habe ich sechs oder sieben Journalisten, die ich persönlich kannte, individuell angeschrieben um die Situation zu erklären.

Und warum haben Sie sich nicht in einer Rundmail bei allen entschuldigt?

Die Dame von der Firma, die uns die Adressen zur Verfügung gestellt hat, wollte unbedingt, dass wir eine Entschuldigung und Warnung aussenden. Aber das haben wir bisher nicht gemacht, weil wir unsicher sind, ob sich unter den 2000 Adressen im Verteiler nicht auch eine Adresse befindet, die einen Virus aktiviert. Bis heute ist uns unklar, warum die Antworten auf unsere E-Mails plötzlich nicht mehr an Sonderzahl zurückgingen, sondern an den Server, der die Mails wiederum an alle Leute aus der Verteilerliste geschickt hat. Unser Administrator versucht gerade herauszufinden, wann zum ersten Mal jemand seine Antwort nicht direkt an uns, sondern an den Server gesendet hat.

Im Internet kursiert das Gerücht, Sie hätten den Mailverteiler mit den 2000 Adressen ohne Erlaubnis benutzt. Stimmt das?

Also das stimmt überhaupt nicht. Wir haben die Adressen wie gesagt von einem Büro aus Bonn, das für uns die Pressearbeit macht. Und ein Teil dieser Pressearbeit besteht eben darin, dass wir mit einem Passwort auf eine Datenbank zugreifen dürfen, um die dort hinterlegten Adressen zu benutzen.

Einige haben sich über den Verteiler verabredet. Freuen Sie sich, die betroffenen Journalisten an Ihrem Stand auf der nächsten Frankfurter Buchmesse einmal persönlich kennenzulernen?

Das ist kein Problem. Wenn mich da jemand beschimpfen sollte, werde ich ihm die Sache erklären, so wie ich es Ihnen erklärt habe. Ich bin wirklich kein Zyniker und hatte keinerlei böse Absicht. Bei der Aktion sind halt mehrere Sachen schief gelaufen.

Da hat wohl eher die Technik den Menschen beherrscht als umgekehrt.

Genau. Und es ist interessant zu sehen, was das dann auslöst.