Autor und Camorra-Experte Roberto Saviano über das Innenleben der Mafia, die engen Beziehungen italienischer Clans nach Deutschland und das naive Schweigen hierzulande.
Der Schriftsteller Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, bietet mit seinem Roman "Gomorrha" tiefe Einblicke in die Innenwelt der neapolitanischen Mafiaorganisation Camorra. Das Buch, das vor einem Jahr in Italien großes Aufsehen erregte, erscheint Ende der Woche auf Deutsch (Hanser). Die Mafia selbst reagierte auf den Erfolg des Buches mit Morddrohungen. Der Clan der Casalesi aus dem Hinterland Neapels, mit dem sich das Buch auseinandersetzt, hat Zeugenaussagen zufolge den Autor zum Tode verurteilt. Saviano lebt heute versteckt an wechselnden Orten und kann sich nur mit Begleitschutz bewegen. Nach dem "Massaker von Ferragosto", bei dem in Duisburg am 15. August sechs Italiener bei einem Anschlag der kalabrischen 'Ndrangheta getötet wurden, spricht Saviano über die Verbindungen des organisierten Verbrechens nach Deutschland.
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Autor und Camorra-Experte Roberto Saviano (© Foto: AFP)
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SZ:Das Blutbad von Duisburg hat ein Schlaglicht auf die Mafiaszene in Deutschland geworfen. Das Interesse der Medien ist groß. Aber wenn sich der Pulverrauch verzogen hat, schweigen sie meist wieder. Was stimmt da nicht in der Wahrnehmung des organisierten Verbrechens durch die öffentliche Meinung?
Roberto Saviano: Einer der größten Fehler in der Beurteilung einer kriminellen Organisation liegt darin, dass man sie für stark und aktiv hält, wenn sie schießt. Dabei ist die Macht der Mafia viel größer und interessanter zu analysieren, wenn sie nicht tötet. Wenn man sie laufend beobachten, wenn man die Mechanismen beschreiben würde, mit denen die Bosse erfolgreich sind, wäre ihre Macht vielleicht nur halb so groß. Das "Massaker von Ferragosto" zeigt die Unfähigkeit der Medien, ein Problem wie das organisierte Verbrechen anzugehen. Die Existenz krimineller Kartelle in ganz Europa wird bis heute unterschätzt oder für ein inneritalienisches Problem gehalten.
SZ: Deutschland ist durch das Attentat in Duisburg aufgeschreckt worden.
Saviano: Deutschland ist aus einem naiven, wenn nicht schuldigen Schweigen geweckt worden. Denn seit mindestens zwanzig Jahren investieren kriminelle Mächte aus Kampanien und aus Kalabrien Kapital in Deutschland. Das Bauwesen in Ostdeutschland wird durch die 'Ndrangheta und die Camorra kontrolliert, wobei Hunderte Firmen, die als Subunternehmen arbeiten, mit den Clans verbunden sind. Nicht nur in Ostdeutschland. Pietro L. aus einem Ort bei Neapel ist ein Boss, der in Deutschland lebt. Und Giuseppe R. ist ebenfalls ein Boss, der in Deutschland lebt. Er gilt als Verbindungsmann des Clans der Casalesi, der vor allem Geschäfte im Transportwesen macht.
SZ: Wo macht der Clan seine Geschäfte?
Saviano: Soweit ich informiert bin, in Dortmund. Die Polizei weiß das genau, aber die öffentliche Meinung nicht. Bei uns ist es ein offenes Geheimnis, dass die Camorra von Secondigliano und die 'Ndrangheta aus dem Raum Locri die Ersten nach dem Fall der Mauer waren, die in Ostdeutschland investiert haben. Die Massenmedien in Deutschland wissen davon nichts. Aber das ist genau das Problem: Wenn die kriminellen Organisationen ein Fall für Spezialisten bleiben, haben wir keine Chance gegen sie. Sie haben keine Angst vor den Spezialisten, sie haben auch keine Angst vor den Gerichten und vor Verurteilungen. Meine Angelegenheit ist vielleicht nützlich, um zu zeigen, wie wichtig das Wort heute sein kann. Wenn Leser, Journalisten oder Intellektuelle eine dauernde Aufmerksamkeit herstellen, kommt das kriminelle Unternehmertum in Schwierigkeiten.
SZ: Verfolgen die italienischen Behörden in Zusammenarbeit mit den deutschen die kriminellen Organisationen auch hierzulande?
Saviano: Ja, da ist zum Beispiel die Untersuchung des Staatsanwaltes Filippo Beatrice im Textilsektor, bei dem es ganz viele Aktivitäten in Deutschland gibt. Die Camorra hat sogar eine präzise Strategie verfolgt, indem sie zuerst in Nachbarländern wie Tschechien und Polen, die gleichsam zum Großraum der deutschen Wirtschaft gehören, investiert haben, bevor sie in Deutschland selbst aufgetreten sind. In Chemnitz etwa haben sie Kapital in viele Textilläden gesteckt.
SZ: In deutsche oder in italienische?
Saviano: Das sind Läden mit italienischem Kapital, das dann aber das deutsche befruchtet hat. In diesen Tagen besteht die Gefahr, dass die Deutschen glauben, ihr Land werde von fremdem kriminellen Kapital aus dem Ausland überspült. Dabei begießt gleichsam das kriminelle Kapital aus Italien das deutsche und macht es reicher. Es ist auch ein Fehler zu glauben, die Mafiawirtschaft sei rückständig. Die Mafiaorganisationen sind ein ökonomischer Multiplikator. Allerdings ein Multiplikator, der keinen gesellschaftlichen Reichtum schafft - keine Schulen oder Straßen - der aber unglaubliche private Profite erlaubt. Es ist also falsch, das als ein rein italienisches Problem abzutun und es an die Polizei zu delegieren, die jetzt nach Duisburg ein paar Kalabrier festsetzen muss.
SZ: Was wäre denn hier die besondere deutsche Aufgabe?
Saviano: Die deutsche Aufgabe nach der Tragödie von Duisburg ist es, das Problem als deutsche, als europäische Angelegenheit zu verstehen. Es ist notwendig, die andauernden Beziehungen zwischen dem kriminellen Unternehmertum Italiens und deutschen Unternehmern zu unterbrechen. Es gibt übrigens auch die umgekehrte Richtung. Es gab einen Deutschen in Caivano bei Neapel, der ein Waffenlager der Camorra verwaltete. Ein Deutscher! Die Mafiaorganisationen haben sich globalisiert und internationalisiert. Der Clan der Casalesi hat heute auch ukrainische oder tunesische Mitglieder. Und ein ganzes Gebiet um die Stadt Castel Volturno ist der nigerianischen Mafia überlassen worden. In New York hat die italo-amerikanische Mafia ein Gebiet an Familien aus dem Kosovo verpachtet. Die Beziehungen sind international, und es ist ein Fehler, sie immer noch mit mittelalterlichen oder folkloristischen Maßstäben zu messen.
SZ: Wie wichtig ist es, zwischen einzelnen Organisationen zu differenzieren?
Saviano: Es gibt enorme Unterschiede. Vor allem sind Camorra und 'Ndrangheta horizontal organisierte Gruppen, die pyramidenförmige Strukturen, also zu strenge Hierarchien, ablehnen. Es gibt sie nur innerhalb der Clans, nicht für die gesamte Struktur. Heute liegt die größte Kraft der Camorra und der 'Ndrangheta im Schweigen, das sie umgibt. Im Gegensatz zur Cosa Nostra, die gut beobachtet wird, weil sie einen riesigen Fehler gemacht hat: Sie hat Staatsanwälte und Untersuchungsrichter ermorden lassen und so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Über 'Ndrangheta und Camorra ist wenig bekannt. Daher sind sie gefährlich.
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(SZ vom 20.08.2007)
Kanzlerin Merkel und die Macht
Auch hier in Bayern ist die Camorra aktiv tätig.
Ein Fall aus Krailling Gem Planegg in Oberbayern:
Die Pizzeria "Da Rosario" eröffnete vor einigen Jahren neu. Kurz darauf brannte sie aus.
Wirt sagte nichts (Omerta). Renovierung, Neueröffnung, Preise höher, Portionen kleiner.
Insider plauderte: Er zahlt jetzt Schutzgeld an Camorra.
Weitere Beispiele aus dem Umkreis von 50 km rund um München sind bekannt.
Deutschland ist in vielerlei Hinsicht mittlerweile Spitze in Europa, was Korruption anbelangt. Das ist, ganz allgemein gesprochen, ein günstiges Umfeld für Mafia-Aktivitäten.
Im übrigen hat Aufsichtsrat Ex-Kanzler Schröder bei Nord Stream in Zug einen prominenten Kollegen (Sascha Medvedew) mit konkreten Geschäftsbeziehungen zu 'Ndrangheta-Clans. Nicht, dass Schröder selber mafiös wäre (er ist ja quasi nie in Zug anzutreffen, wird nur für seinen Namen bezahlt), aber das Klima ist einfach günstig hierzulande.
Auch die Strom-Abzocke durch unsere Energie-Monopolisten sowie die Manipulationen an der Leipziger Strom-Börse haben kartellrechtswidrigen Charakter und gemahnen an Strukturen der OK. Wenn die Mafia hier beteiligt wäre, bräuchte sie die Gewinnspanne noch nicht mal zu steigern, um traumhafte Profite einzustreichen: Die liegt nämlich schon bei locker Hundert Prozent!
Die Rolle der Polizei ist auf diesem Gebiet NICHT die des strahlenden Siegers ...
sollte es heissen
Lieber Mitdiskutant bayerbuar,
es wird wohl in München keine Nachtbar, keinen Chinesen und kaum einen Italiener (Restaurants) geben, der nicht brav seine "Sicherheits-Steuer" bezahlt. Eine, die nicht in den Büchern erscheint. Ein Bekannter meiner Familie war als "Partyveranstalter" Insider der Szene. Die Rolle der Polizei ist auf diesem Gebiet die des strahlenden Siegers und vereinzelt etwas unübersichtlich.
Zustände wie seit Jahrzehnten in Frankfurt und Hamburg oder gar in Sachsen haben wir in München bisher - und Gott sei Dank - noch nicht.
Ihr Bild von der Mafia trifft auf das ländliche Sizilien der Vergangenheit zu. Heute gibt es keine klare Trennungslinie zwischen kriminellen und halbkriminellen Geschäften. Die Grenzen zwischen extremer Gewinnmaximierung auf Kosten von Umwelt und Menschenleben, willkommenen "Unfällen" und direktem Mord sind fließend. Welche gezielte, im Einzelfall anrüchige Wirtschaftsförderung ist durch Korruption, welche durch Wirtschaftsnähe, welche durch ein sonniges Gemüt zustande gekommen?
Warum? Ganz einfach, je geringer die Armut ist desto weniger Nährboden hat Kriminalität, und zwar jegliche. Der Bayernmensch an sich ist nicht ehrlicher als der Ostdeutsche, aber er hat bessere Perspektiven, bessere Einkommen und Arbeitslosigkeit ist eigentlich auch kein Thema wenn man nicht gerade im Grenzland wohnt. Mafia wächst ja im kleinen, dort wo jemand schnell einen Kredit braucht damit er eine dringende Schuld bezahlen kann und so in die Fänge von Kredithaien gerät, oder wo ein Arbeitsloser keinen anderen Ausweg mehr sieht als Kriminell zu werden. Wo das soziale Umfeld allgemein verwahrlost ist und Jugendliche schon mit Kleinkriminalität als etwas alltäglichem aufwachsen. Keiner wird als "Berufskrimineller" geboren. Wie die meisten sozialen Probleme lässt sich das nur an der Wurzel wirksam bekämpfen - mit mehr Wohlstand. Und dort ist sehr wohl die Politik in der Verantwortung.
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