Der Fall des Roma-Mädchens Maria Wenn Vorurteile neu erblühen

Auch Roma-Kinder können blond sein: Zwei von Marias leiblichen Geschwistern in einem bulgarischen Roma-Dorf.

Die Geschichte der blonden Maria zeigt, wie tief die Ressentiments gegen Roma in Europa sitzen. Nun wehren sich die Vertreter der Minderheit in Deutschland. Ihr Vorwurf: Polizei und Öffentlichkeit haben es sich zu einfach gemacht - und sind einer alten Geschichte aufgesessen.

Von Isabel Pfaff

Ein Paar mit Kind spaziert durch eine europäische Fußgängerzone. Das Kind ist dunkelhäutig, die Eltern weiß. Besorgnis erregend? Eigentlich nicht. Wahrscheinlich ist das Kind adoptiert. Oder ein Elternteil hat es aus einer früheren Partnerschaft mitgebracht. Kein Polizist würde wohl auf die Idee kommen, die Familie zu filzen. Oder in Richtung Kindesentführung zu ermitteln. Genau das ist aber mehreren Familien in den vergangenen Wochen passiert - nur, dass es andersherum war: Die Eltern waren dunkel, das Kind blond und hellhäutig.

Die Geschichte beginnt Mitte Oktober in einer Roma-Siedlung im griechischen Farsala. Bei einer Hausdurchsuchung entdecken Polizisten ein etwa fünfjähriges Mädchen, das im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern hellblondes Haar und grüne Augen hat. Die Polizisten nehmen das Mädchen mit. Die Begründung: Das Kind könne aufgrund seines Aussehens nicht zu den Eltern gehören. Es müsse durch Raub oder Entführung in die Familie gekommen sein. Eine andere Möglichkeit fällt den Beamten nicht ein. Sie übergeben das Kind, das Maria heißt, einer Athener Kinderhilfsorganisation.

"Befreiung" aus dem Roma-Lager

Die vermeintlichen Eltern geben zunächst widersprüchliche Erklärungen ab, woraufhin die Polizei sie verhaftet. Ein DNA-Test belegt: Das Mädchen ist tatsächlich nicht das leibliche Kind von Eleftheria Dimopoulou, 40, und ihrem Partner Christos Salis, 39. Mit Hilfe ihrer Anwälte versuchen sich die Zieheltern zu erklären: Eine Frau aus Bulgarien habe ihnen das Kind als Säugling überlassen, weil sie nicht für das Mädchen sorgen konnte. Das sagen sie auch dem Haftrichter. Doch niemand glaubt ihnen.

Stattdessen schafft es der Vorfall in die Topmeldungen europäischer und nordamerikanischer Medien. Das Foto der kleinen Maria ist auf zahlreichen Nachrichtenseiten zu sehen, daneben die Frage: "Wer kennt dieses Mädchen?" Viele Zeitungen gehen dazu über, das Wörtchen "mutmaßlich" wegzulassen, wenn sie über Marias angebliche Entführung im Säuglingsalter schreiben. Sie melden, Maria sei von der Polizei "befreit" worden. Der Fall scheint klar zu sein: Ein blondes Mädchen wurde gekidnappt, und zwar von Roma, die wahrscheinlich in Verbindung zu Menschenhändlern stehen.

Die Roma als Negativbild des modernen Europa

Die Berichterstattung über das Mädchen ist Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, eine eigene Pressekonferenz wert. Am Dienstag warf Rose den europäischen Medien vor, die Mutmaßungen der griechischen Polizei ungeprüft übernommen zu haben. Darin spiegelten sich die "rassistischen Grundmuster" gegenüber Sinti und Roma. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz pflichtete Rose bei und kritisierte die Berichterstattung über das Kind. Die Vorurteile gegenüber Sinti und Roma würden in Deutschland derzeit "neu erblühen".

Dass die Öffentlichkeit die Entführungsstory rasch aufnimmt, wundert Klaus-Michael Bogdal nicht. Der Literaturwissenschaftler forscht an der Universität Bielefeld zur Darstellung von Sinti und Roma in der europäischen Kunst und Literatur. "An dem Fall Maria zeigt sich eines der ältesten Vorurteile gegenüber den Roma: der Kindesraub", sagt Bogdal. "Das Bild der Kinder stehlenden Zigeuner taucht schon im 17. Jahrhundert in der Literatur und in Zeitungen auf." Bis in die 1960er Jahre hinein hätten Eltern ihre Kinder mit Hilfe dieser Mär erzogen, erläutert der Literaturwissenschaftler. Wenn du nicht brav bist, holen dich die Zigeuner - an solche elterliche Drohungen würden sich bis heute viele Erwachsene erinnern. Warum sind die Zigeuner-Geschichten so langlebig? "Indem wir die Roma als wild und unzivilisiert darstellen, können wir stolz auf uns blicken und darauf, was wir an Zivilisation erreicht haben", erklärt Bogdal. Die Roma - das Negativbild des modernen Europa.

Bogdal ergänzt: "Mit dem Klischee verknüpft war immer auch der Verdacht, die Roma würden die gestohlenen Kinder ausbeuten und benutzen." Im Zusammenhang mit Maria ist von geplantem Organhandel die Rede, und auch das Gerücht, dass das Paar das Kind zum Betteln geschickt hat, hält sich hartnäckig. Gesichert sind diese Informationen nicht. Bewiesen ist, dass Marias Ziehmutter einen falschen Pass benutzt und insgesamt 14 Kinder bei den Behörden registriert hat, weit mehr, als sie tatsächlich an eigenem Nachwuchs hat. Für alle 14 kassiert das Paar Kindergeld - ein handfestes Vergehen, das die Zieheltern noch stärker in kriminelles Licht rückt.