Beschneidung in Südafrika Tödliche Schwelle zur Männlichkeit

Junge Südafrikaner bezahlen den Eintritt ins Erwachsenenalter oft mit dem Leben. Grund sind stümperhafte Beschneidungsrituale, die aus den Jungen Männer machen sollen - aber häufig zum Tod führen. Den Verantwortlichen das Handwerk zu legen ist schwierig, einige berufen sich auf Nelson Mandela.

Von Tobias Zick

Sie sollten von Jungen zu Männern werden, mit dieser Hoffnung waren sie von zu Hause aufgebrochen, nun sind sie tot. Mindestens 30 südafrikanische Jugendliche sind in diesem Monat allein in der Provinz Mpumalanga gestorben, während sie sich zur traditionellen Beschneidung in "Initiations-Schulen" aufhielten. Bei einem Großteil der Fälle ermittelt die Polizei nun wegen Mordes.

Es ist ein Ritual, das in weiten Teilen Südafrikas als übliche Schwelle zum Mannesalter gilt. Etwa 30.000 Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren haben sich dieses Jahr für derartige Initiationsprozeduren angemeldet, wie sie jedes Jahr zum Winteranfang stattfinden. Die Beschneidung ist im Laufe des dreiwöchigen Verfahrens nur eine von vielen Männlichkeitsprüfungen: Die Jungen müssen beispielsweise bittere Kräuter-Gebräue schlucken.

Jedes Jahr sterben in Südafrika mehrere Jungen im Laufe der Initiations-Wochen; an Blutverlust, an Infektionen - doch dieses Jahr ist die Zahl der Todesfälle ungewöhnlich in die Höhe geschnellt. Während die Polizei nach den Gründen dafür fahndet, ist in dem Land die Grundsatzdebatte um das angemessene Verhältnis von Tradition und Moderne voll entbrannt.

Nelson Mandela als Vorbild

Verteidiger der Praktiken berufen sich auch auf den Friedensnobelpreisträger und früheren Präsidenten Nelson Mandela, der in seiner Autobiografie schrieb, seine Initiation sei damals "eine Art der spirituellen Vorbereitung auf die Herausforderungen des Mannesalters" gewesen. Präsident Jacob Zuma dagegen wetterte: "Das ganze Land ist schockiert von diesem schweren und überflüssigen Verlust jungen Lebens in den Händen derer, die sie eigentlich fördern und schützten sollten." Es sei "nicht hinnehmbar, dass jedes Mal, wenn junge Männer an diesen entscheidenden Moment in ihrer Entwicklung gelangen, ihre Leben auf schmerzhafteste Weise ausgesondert werden."

In die Welt der Initiationsrituale vorzudringen ist ein höchst heikles Unterfangen. "Ingoma", wie der Brauch in der Sprache Ndebele heißt, ist ein von vielerlei Tabus belegtes Thema. Die oberste Gesundheitsbeamtin der Provinz Mpumalanga, Candith Mashego Dlamini, erklärte, sie könne nicht persönlich der Todesserie nachgehen, da es ihr als Frau traditionell verboten sei, in diese Welt der Männlichkeitsrituale vorzudringen. Eine Aussage, die den nationalen Aids-Rat in Rage trieb: "Zu behaupten, ihr seien aus kulturellen Gründen die Hände gebunden - selbst wenn es dabei um Tod und die Gefährdung junger Männer geht, die rechtlich unter ihrer Obhut stehen - ist eine Verletzung ihrer Dienstpflichten."

Ein Reporter der südafrikanischen Nachrichtenagentur Sapa versuchte vergeblich, in eine der Initiations-Schulen von Mpumalanga zu gelangen. Stattdessen traf er einen der Leiter des "House of Traditional Leaders" von Mpumalanga, der ihm erklärte, auch unbeschnittenen Polizisten sei es beispielsweise verboten, einen der Schauplätze von Ingoma zu betreten: "Egal, ob Sie Brigadier oder Generalmajor sind: Ihre Waffe und Ihre Handschallen werden Ihnen abgenommen und erst wieder ausgehändigt, wenn Sie freikommen" - an dem Tag nämlich, an dem das Ritual zu Ende ist.

Die ersten Ermittlungen, die die Behörden unter diesen Bedingungen leisten konnten, deuten darauf hin, dass sich in jüngster Zeit immer mehr unqualifizierte Geschäftemacher unter die Betreiber von Initiations-Schulen gemischt haben: Nach einem Lehrgang, die die Gesundheitsbehörde zusammen mit dem "House of Traditional Leaders" im April angeboten hatte, bekamen 38 Teilnehmer ein Zertifikat ausgestellt. "Wir waren nun überrascht", erklärte ein Behördensprecher, "dass wir auf 134 Initiationsschulen in der Provinz gestoßen sind."