Amoklauf von Winnenden Das wortlose Töten des Tim K.

Columbine, Erfurt, Emsdetten und nun Winnenden. Eine Realschule in der schwäbischen Kleinstadt ist Tatort eines Amoklaufs geworden, der die Weltnachrichten bestimmt. Die Rekonstruktion der unfassbaren Tat, die mit 16 Toten endete. Und die Frage: Wer war der Täter?

Tatort Albertville-Realschule in der schwäbischen Kleinstadt Winnenden nordöstlich von Stuttgart: Hunderte Polizeifahrzeuge, schwer bewaffnete Beamte sowie Sondereinsatzkräfte und unzählige Rettungsdienstfahrzeuge säumen den Zugang zu der Schule in der gut 27.000 Einwohner zählenden Stadt. An der Schule mit rund 580 Schülern ist am Vormittag über die jungen Menschen ein Alptraum hereingebrochen. Eine unfassbare Tat. Die Rekonstruktion eines unglaublichen Tages, der die Kleinstadt in Baden-Württemberg für immer verändern wird:

9.30 Uhr: Ein früherer Mitschüler, Tim K., betritt die Albertville-Realschule. Schwarz gekleidet geht er während des Unterrichts gezielt in drei Klassenräume und beginnt wild - und offenbar wortlos, um sich zu schießen. Dabei tötet der 17-Jährige neun Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren und drei Lehrer.

9.33 Uhr: Ein Notruf aus der Realschule geht bei der Polizei ein.

9.40 Uhr: Zwei Interventionsteams der Polizei dringen in das Gebäude ein und finden zwölf Leichen. Der Täter ist schon geflohen. Eine Mutter, die gegen 10 Uhr ihren Sohn vom Unterricht im angrenzenden Gymnasium abholen will und atemlos hinter einer Absperrung warten muss, sagt, sie habe "nur Polizei gesehen".

9.41 Uhr: In einer Parkanlage in Richtung des Psychiatrischen Krankenhauses erschießt Tim K. einen Passanten. Eine Großfahndung auch mit Hubschrauber wird eingeleitet. Rund 1000 Einsatzkräfte versuchen, den jungen Mann zu finden sowie Schüler und Passanten in Sicherheit zu bringen. Die Realschule wird evakuiert, das Gebiet weiträumig abgesperrt. Maike S., Schülerin der 13. Klasse am benachbarten Lessing-Gymnasium, wollte um 9.20 Uhr gerade nach Hause gehen, als sie plötzlich Schüsse hörten. Sofort forderten Lehrer alle Schüler auf, sich in Klassenräume, die nicht an die benachbarte Albertville-Realschule angrenzen, zu begeben. Vor allem die jüngeren Schüler hatten große Angst und weinten. Viele von ihnen haben Freunde und Verwandte an der benachbarten Realschule. "Wir haben versucht, die Kleinen irgendwie zu trösten", sagt Maike S. "Es war ein ziemliches Chaos". Lehrer haben den Schülern immer neuesten Stand durchgegeben.

Zunächst wurden die Kleinen, dann die Großen in Bussen in die Linsenhalde, eine Sporthalle im Schelmen-Holz, einem Stadtteil von Winnenden, gebracht. Dort warteten Psychologen, es gab Essen und Trinken. Die Kinder wurden von ihren Eltern abgeholt. Maike: "Ich kann noch gar nicht begreifen, was da heute Morgen passiert ist." Ein Mädchen im Bus, deren Bruder auf die Albertville-Realschule geht, erzählt, dass die Schüler in der Realschule aus den Fenstern gesprungen seien, um sich in Sicherheit zu bringen.

Showdown mit der Polizei

9.45 Uhr: Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs.

Etwa 10 Uhr: Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) erfährt im Mainzer Landtag von dem Amoklauf und macht sich per Hubschrauber auf den Weg nach Winnenden.

Kurz vor 12.00 Uhr: Der Täter stellt das gestohlene Auto auf der Autobahn ab und lässt die Geisel zurück. Der 17-Jährige geht zu Fuß zum nahegelegenen Industriegebiet. Der Fahrer benachrichtigt die Polizei.

12.01 Uhr: Der Täter betritt ein VW-Autohaus und erschießt zwei Angestellte.

Gegen 12.30 Uhr: Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet er das Feuer auf die Polizei. Es kommt zum Showdown, zu einer wilden Schießerei mit der Polizei. K. verletzt eine 37-jährige Polizistin und einen 38-jähriger Polizisten schwer, aber nicht lebensgefährlich. Nach neuesten Erkenntnissen der Polizei brachte sich Tim K. dann selbst um. Wie die Deutsche Presse-Agentur dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr, wurde der junge Mann von einem Polizisten am Bein verletzt. Daraufhin soll sich der Amokläufer selbst in den Kopf geschossen haben. Zunächst hatte die Polizei erklärt, der Todesschütze sei von einem Beamten erschossen worden.

Jedenfalls ist gegen Mittag der Spuk vorbei. Am Ende des Amoklaufs sind 16 Menschen tot.

Rund um den Tatort stehen die Menschen mit verzweifelten und fassungslosen Blicken und versuchen, die schreckliche Situation zu erfassen. Anwohner beobachten aus ihren Fenstern die unwirkliche Szenerie. "Laufen Sie weiter! Wohin wollen Sie!" Die Polizeibeamten haben alle Hände voll zu tun, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Hoch oben am Himmel dröhnen die Hubschrauber der Polizei, das Sirenengeheul der Einsatzfahrzeuge unterbricht immer wieder die Stille. Die Stadt Winnenden ist weiträumig abgesperrt: Die Polizei kontrolliert zahlreiche Fahrzeuge. Im gesamten Rems-Murr-Kreis werden die Schüler zunächst in den Schulen gehalten. Der Unterricht wird unterbrochen. Alle Schulen werden von der Polizei überwacht.

"Die ganze Stadt gleicht einer Festung", berichtete ein weiterer Augenzeuge. "Es herrscht blankes Entsetzen." Auch auf dem angrenzenden Gelände einer psychiatrischen Klinik fielen Schüsse. "Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich darf meine Station nicht mehr verlassen", sagte eine Sprecherin der Klinik.

Wer war der Täter?

Wer war Tim K.? War er ein "ganz normaler Junge", wie Nachbarn sagen? Gewohnt hat er bei seinen Eltern im benachbarten Weiler zum Stein. Er ist ein Deutscher, hat im vergangenen Jahr an der Albertville-Schule seinen Abschluss gemacht. Laut CDU-Innenminister Heribert Rech hat er Mittlere Reife, und ist "nie auffällig gewesen".

Laut einer Nachbarin habe K. habe immer dunkle Klamotten angehabt und beim TSV Leutenbach Tischtennis gespielt. Die Wohnung der Familie wurde von der Polizei bereits am Morgen durchsucht. Der Vater des Täters besitze als Mitglied im Schützenverein legal 16 oder 17 Schusswaffen. Bei der Durchsuchung wurde festgestellt, dass eine der Waffen fehlt. Die Familie sei normal in die 5000 Einwohner zählende Gemeinde und ins Vereinsleben integriert gewesen, sagt der um Fassung ringende Bürgermeister von Leutenbach, Jürgen Kiesl.

Kultusminister Helmut Rau (CDU) sagte unter Berufung auf die Schulleiterin, bei dem Amokläufer habe es sich um einen völlig unauffälligen Schüler gehandelt. Er habe seinen Schulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung angefangen. "Er ist nie auffällig gewesen", sagte Rau. Eine ehemalige Mitschülerin von Tim K., sagt hingegen unter Tränen: "Tim war schon immer sehr verschlossen. An den ist niemand rangekommen. Er hat immer nur so Ballerspiele gespielt."

Über sein Motiv konnte zunächst nur gerätselt werden. Ob er sich möglicherweise von dem Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama, wo in der Nacht zu Mittwoch elf Menschen getötet wurden, beeinflussen ließ, war zunächst unklar.

Die Bluttat ruft Erinnerungen an den Amoklauf von Erfurt wach: Am 26. April 2002 hatte ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und dann sich selbst erschossen. Im November 2006 hatte ein 18-Jähriger in Emsdetten in seiner ehemaligen Schule um sich geschossen und mehrere Menschen verletzt, bevor er Selbstmord beging.

In Winnenden werden die Schüler des Schulzentrums vor Ort von Psychologen betreut und von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Am Mittag suchen immer noch Eltern verzweifelt nach ihren Kindern. "Meine Tochter ist elf Jahre. Ich weiß nicht, was passiert ist", sagt ein Vater. Später strahlt er, als er das Mädchen in die Arme schließt.

Doch auch Stunden nach dem Amoklauf ist der Tatort weiter abgeriegelt. Die Leichen der neun Schüler und drei Lehrerinnen seien noch in den Schulräumen. Gerichtsmediziner und Experten der Kriminaltechnik untersuchen den Tatort und sichern die Spuren. Baden-Württembergs Landespolizeipräsident Erwin Hetger sagte: "In der Schule werden Tatortaufnahmen gemacht. Ich war selbst drinnen. Das kannst du nicht verkraften."

Eine Stadt trauert

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