Die Psyche der jugendlichen Täter: Kriminologin Britta Bannenberg erklärt, warum es so schwierig ist, Amokläufer zu erkennen, bevor sie zuschlagen.
Britta Bannenberg ist Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen und Beraterin der Fallanalytiker ("Profiler") beim Bundeskriminalamt (BKA). Sie erklärt, warum es so schwer ist, Amokläufer zu erkennen, bevor sie zuschlagen.
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Einschusslöcher in einer Scheibe des Autohauses, in dem der Amoklauf endete (© Foto: ddp)
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SZ: Nach einer schrecklichen Tat wie dem Amoklauf von Winnenden fragen alle: Hätte man die Gefahr nicht erahnen können?
Bannenberg: Leider ist das sehr schwierig. In der Pubertät klopfen Jugendliche gern harte Sprüche und sagen schon mal: "Ich bring die um!" Die Lehrerin etwa, die ihnen schlechte Noten gegeben hat.
SZ: Aber wenige meinen das ernst.
Bannenberg: Gewiss. Aber manche eben doch. Wenn ein Junge nicht seine Hausaufgaben in sein Heft schreibt, sondern "Das Leben ist Scheiße" oder "Ich mache euch alle fertig" oder al-Qaida preist, dann müssten die Warnsignale schrillen. Alle jugendlichen Amokläufer haben ihre Taten angekündigt: nicht mit Ort und Zeit, natürlich. Aber sie haben vielleicht auf dem Hof zu Mitschülern über eine Lehrerin gesagt: "So ein Amokläufer in den USA hat das neulich super gemacht. Wenn ich die Frau sehe, würde ich gern dasselbe tun."
SZ: Was sollten die Lehrer dann tun?
Bannenberg: So schwer es oft fällt: die Polizei einschalten, das Gespräch mit den Eltern suchen. Die Eltern sind aber ein großes Problem. Oft wissen sie, dass mit ihrem Jungen etwas nicht stimmt. Dass sie keinen Zugang mehr zu ihm haben, dass er sich in sein Zimmer zurückzieht, am Computer stundenlang Gewaltspiele spielt. Die Eltern wollen das nicht wahrhaben, sie scheuen Psychiater und Therapien. Dann würde ein Bild zerbrechen, das sie von sich selbst haben oder haben wollen. Interessanterweise kommen die meisten jugendlichen Amokläufer nicht aus verwahrlosten Milieus, sondern aus Familien der Mittelschicht.
SZ: Haben sie im Elternhaus als Kinder Gewalt erfahren?
Bannenberg: Nein. Eigentlich nur selten. Was sie meist erlebt haben, sind massive Störungen in der Kommunikation. Sie verabscheuen physische Gewalt sogar, haben große Angst vor Schulhofschlägereien. Erst in der Anonymität, verborgen hinter einer Maske und ausgerüstet mit einer Distanzwaffe, setzen sie selbst Gewalt ein.
SZ: Sind brutale Video- und PC-Spiele Auslöser für solche Taten?
Bannenberg: Das wäre zu einfach. Sie spielen aber eine wichtige Rolle, weil sich die späteren Täter oft in eine aggressive Phantasiewelt flüchten. Das Internet verstärkt die Verrohung, ist aber meist nicht ursächlich veranwortlich.
SZ: Was sind das für junge Menschen, die so abscheuliche Verbrechen begehen?
Bannenberg: Es sind junge Männer, fast nie Mädchen, und interessanterweise sind es nicht die Schläger vom Schulhof und die aggressiven Typen, sondern meist stille, zurückgezogene, sehr empfindliche Jungs, die Probleme mit Gleichaltrigen und mit Mädchen haben. Sie fühlen sich nicht akzeptiert, sehen sich als Versager.
SZ: Und in ihren Phantasien zahlen sie es allen heim?
Bannenberg: Sie steigern sich in die Rolle des schwarzen Rächers hinein, wie die um sich schießenden Helden in den Ego-Shooter-Spielen. Oft tragen Amokläufer schwarze Kleidung: ein Symbol für den Selbstmord, den sie nachher begehen wollen, und für die Rache. Rache, das wissen wir aus ihren Tagebüchern, ist das Grundmotiv: am Lehrer, an den Mitschülern, an der ganzen Welt.
SZ: Sind diese Jugendlichen wirklich schikaniert und gemobbt worden?
Bannenberg: Nein, meistens stimmt das gar nicht. Sie werden nicht gemobbt, sie fühlen sich gemobbt. Das ist der entscheidende Unterschied. Da kommen oft Narzissmus, Depression und Aggression zusammen.
SZ: An wem rächen sie sich aber dann, wenn sie kleinere Kinder in ihrer Schule erschießen? Die haben ihnen doch tatsächlich nichts getan.
Bannenberg: Darum geht es ihnen aber nicht. Es geht um die Schule an sich, die Lebenswelt dort, an der sie nicht teilhaben. Sie hassen die Schule, fühlen sich verhöhnt, wenn die anderen Schüler vielleicht nur harmlos kichern.
SZ: Wie hoch sind die Nachahmungseffekte bei Amokläufern?
Bannenberg: Sehr hoch. Auch wegen der Medien, die das Gesicht des Täters, seine Waffen, seine schwarze Kleidung zeigen und ein mystisches Bild von ihm zeichnen. Das wirkt wie ein Vorbild. Bei Selbstmorden sind die Medien sehr zurückhaltend, um nicht Nachahmer zu provozieren. Bei Amokläufen gilt leider das Gegenteil. Ab jetzt besteht die große Gefahr, dass wir es in den nächsten Wochen oder Monaten mit einem Nachahmungstäter zu tun bekommen.
SZ: Einen Tag vor dem deutschen Fall gab es einen Amoklauf in den USA - ob er das Vorbild, der Auslöser war?
Bannenberg: Vielleicht, aber ich glaube es eher nicht, das war zu kurz vorher und man hatte doch nur wenig erfahren. Dieser Täter dürfte seine Tat lange geplant haben und hätte sie wohl auch ohne die Parallele zu den USA begangen.
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(SZ vom 12.03.2009/brei)
Umstrittenes Anti-Piraterie-Abkommen
Zwischen echten Mobbingopfern und Leuten, die sich gemobbt fühlen, gibt es - mit aller gebotenen Vorsicht - einen entscheidenden Unterschied:
Wer gemobbt wird, wird eher Selbstmord begehen und zwar ohne andere Menschen dabei zu gefährden, d.h diejenige/derjenige wird die ganze Gewalt, die sie/er erlebt gegen sich selber richten.
Bei Amokläufern kommt es auf echte Kränkungen nicht an, es genügt, dass sie die Welt als feindlich erleben (das schließt natürlich echte Kränkungen durch die Umwelt nicht aus, sie sind aber nicht zwingend Teil des Szenarios) und daß sie sich berechtigt fühlen, sich an dieser als feindlich erlebte Welt zu rächen.
Ein Amoklauf fällt m.E. unter den Begriff "konformistische Gewalt" d.h. es handelt sich um Menschen, die im Grunde genommen lieber so hart wären, wie es diese Gesellschaft verlangt und die darunter leiden, daß sie in ihren Augen diese Härte nicht besitzen. Sie haben einerseits die Spielregeln dieser Gesellschaft (das man Schwächere verachten darf) internalisiert und sind aber nicht in der Lage, diesen Spielregeln zu entsprechen. Sie empfinden sich als Versager, weil sie diesen Spielregeln nicht entsprechen, sie wären aber gerne so, wie ihnen suggeriert wird, das es normal ist.
Wenn dann noch weitere Faktoren dazu kommen, die im Einzelfall unterschiedlich aussehen können, wird von einigen (es sind ja beileibe nicht alle, die sich in einer derartigen Konfliktsituation befinden, die dann Amok laufen) kein anderer "Ausweg" mehr gesehen, als es diese geforderte Härte demonstrativ zu beweisen.
Wobei ich schon davon ausgehe, daß es auch bei dem Täter in Winnenden Signale gegeben hat, vielleicht waren sie nur zu versteckt und sie konnten nicht gedeutet werden. Vielleicht sollte man Überangepaßtheit auch in die Liste der Warnsignale aufnehmen.
dessen Kernaussagen sich auch mit den gestern vielfach gesendeten Forschungsergebnissen aus USA und D deckt.
Ich schätze die Arbeit von Britta Bannenberg eigentlich sehr, aber dieses Interview hätte sie besser so wohl nicht gegeben: Sie hat schnelle Antworten darauf, dass die Täter zuvor keine Gewalt erfahren haben, und verkennt wie subtil und weit verbreitet Gewalt - darunter fallen eben auch Ausgrenzung, Vernachlässigung, Diskriminierung, Missbrauch, etc. - in unserer Gesellschaft, in unserem Schulsystem und auch in den Familien auftritt. Es trägt dann wahrlich nicht zur Verbesserung der Verhältnisse bei, wenn Britta Bannenberg da offensichtlich nicht hinschauen will und alle externen Beiträge pauschal relativiert.
Ein Beispiel: "SZ: Sind diese Jugendlichen wirklich schikaniert und gemobbt worden?
Bannenberg: Nein, meistens stimmt das gar nicht. Sie werden nicht gemobbt, sie fühlen sich gemobbt. Das ist der entscheidende Unterschied. Da kommen oft Narzissmus, Depression und Aggression zusammen."
Britta Bannenberg kann nicht wissen, ob der Junge gemobbt worden war. Und wie kann sie so einfach unterscheiden, ob sich jemand "nur" gemobbt fühlt oder tatsächlich gemobbt wird. Da tun sich selbst unsere Gerichte ziemlich schwer. Und brauchen nicht auch diejenigen Unterstützung, die sich "nur gemobbt fühlen" - und bekommen sie diese?
Und dann hat Britta Bannenberg sofort eine Diagnose für "diese jungen Männer": Sie sind narzisstisch, depressiv und aggressiv. Aber warum eigentlich? Und wie soll man vorbeugen können, wenn man sich nicht mit dieser Frage beschäftigt? Man wird es halt dann nicht vermeiden können, dass dann unsere gesamte gesellschaftliche Realität kritisch zu betrachten sein wird. Oder man gibt eine pauschale Diagnose ab und stempelt damit jemand schnell mal ins Abseits. Gewalt eben - und keine Hilfe. Wundert es uns da wirklich, dass es dann ab und zu - eigentlich erstaunlich selten - zu solchen Verzweiflungstaten kommt?
Die von Britta Bannenberg vertretene Ansicht scheint mir deshalb mehr Ursache, denn Lösung, zu sein.
Dies sehe ich auch in ihrer folgenden Aussage: "Es geht um die Schule an sich, die Lebenswelt dort, an der sie nicht teilhaben. Sie hassen die Schule, fühlen sich verhöhnt, wenn die anderen Schüler vielleicht nur harmlos kichern." Vielleicht! Und wie lange schon? Und wie oft? Und hat sich jemand dazwischen gestellt? Oder haben die Lehrer einfach weggeschaut oder waren schon aufgrund organisatorischer Mängel schlichtweg überfordert und damit handlungsunfähig? usw.
Ich finde das Interview sehr gut, denn es werden eben keine einseitigen Schuldzuweisungen erteilt und auch keine einfachen Lösungsansätze angeboten.
Es mag zwar wie eine Binsenweisheit klingen, aber es ist in der Tat so, dass es in vielen Elternhäusern massive Störungen in der innerfamiliären Kommunikation gibt.
Es ist, und darauf weist Frau Bannenberg ja auch hin, nie ein einzelner Faktor, sondern stets eine Kombiniation aus vielen Faktoren, deren Gewichtung nicht einfach festzulegen ist.
Erziehung ist nun einmal die Aufgabe der Eltern, ihnen obliegt es auch, einem Kind die nötige Geborgenheit zu vermitteln und sich ganz einfach, um ihr Kind zu kümmern, hinzuhorchen ob etwas nicht in Ordnung ist und im zweifelsfall professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber es ist schon so, einige Eltern wollen es nicht warhaben, weil dann ihr Selbstbild als gute und fürsorgliche Eltern zerbrechen könnte. Anstatt dies in Kauf zu nehmen, vermitteln sie lieber nach außen das Bild einer heilen Welt.
Es ist Aufgabe der Profis, also Erzieherinnen, Lehrern und Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Mitarbeitern der kirchlichen Jugendarbeit etc. zu merken, wenn etwas mit einem Kind nicht stimmt und dann die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Dafür sollten sie eigentlich ausgebildet sein, aber ich befürchte, auch dort gibt es zu oft eine Scheu sich im Interesse eines Kindes einzumischen, da auch dort das Bild einer heilen Familie lieber aufrechterhalten wird, anstatt sich die Ursachen für das Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen einmal genauer zu betrachten.
Der Beitrag von Frau Dr. Bannenberg ist ja sehr interessant, liefert aber auch keine wirklich neuen Erkenntnisse. Als ich gestern von dem Vorfall gelesen habe, war mir klar, dass wieder alle möglichen ExpertInnen auftreten werden, sagen werden, wie man was hätte besser machen können. Was ist denn seit Erfurt passiert? NICHTS!! Bei Plasberg gestern "Hart aber Fair" wurde auch darüber diskutiert. Und was bringen diese Diskussionen für neue Erkenntnisse? Keine neuen außer die alt hergebrachten: schwarze Kleidung, Heavy Metal und Computerspiele. Ich kann es nicht mehr hören!!
Was in Winneden passiert ist ist sehr sehr schlimm und schrecklich!! Dennoch kann ich es nicht mehr hören oder lesen, wenn nach solchen total schrecklichen Ereignissen immer wieder danach gerufen wird, dass die Eltern daran schuld sind, dass die Computerspiele daran schuld sind, dass Heavy Metal, am Besten noch "Korn" daran schuld sind.
Was ist mit der Gesellschaft an sich?? Kinder können grausam sein, heißt es immer wieder. Von WEM haben denn Kinder diese sogenannte Grausamkeit? Wer lebt ihnen diese Grausamkeit vor? Wenn nicht direkt die Eltern dann die Gesellschaft als Großes und Ganzes! Es waren immer Jugendliche, Erfurt und jetzt Winneden, die zu Hause "alles an Materiellem hatten" aber keine "Fürsorge und Ansprache" der Eltern. Immer das gleiche Schema, dass da aufgeführt wird. Ein bißchen mehr Fantasie wäre gefragt bei den ExpertInnen und Politikern. Oh ja, wir werden nun härter gegen freien Waffenkauf vorgehen oder aber müssen dafür sorgen, dass Jugendliche im Elternhaus nicht so leicht an die Waffen der Eltern herankommen. Wir müssen dafür sorgen, dass Computerspiele nicht schon ab ... Jahre freigegeben werden sondern erst ab .... Jahre!! Oh ja, wir müssen, wir sollten.... bla bla bla!! Nichts passiert effektiv als Gegenmaßnahmen! Freiwillige Selbstkontrolle soll her, damit der Bürger/Bürgerin sich nicht gemaßregelt fühlt. Dann, wenn die Kacke am dampfen ist, dann schreien alle wieder "wie konnte nur"? Wenn diese Computerspiele sooo gefährlich sind, für Leib und Leben, dann müssen sie eben auf den Index! Ganz einfach! Aber nein, so einfach ist es ja nun auch nicht. Da müssen noch die wirtschaftlichen Interessen der Spieleindustrie berücksichtigt werden, die Steuereinnahmen an den Staat und so weiter. Alles nur Scheinheiligkeit, wenn nach solchen furchtbaren Ereignissen immer nach irgendwelchen Maßnahmen gerufen wird.
Dann noch die Eltern an sich und im Allgemeinen!! Komisch,