Amoklauf in Winnenden "Der Täter konnte ein großes Finale planen"

Deutschland ist nach den USA das Land mit den meisten Amokläufen: Der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann hat ein Frühwarnsystem entwickelt - es wartet noch immer auf flächendeckenden Einsatz.

Von Jürgen Schmieder

"Es hätte verhindert werden können!" Wie oft hat man diesen Satz schon nach Amokläufen gehört - vor allem, wenn der Täter zuvor auffällig geworden war. Auch beim Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden soll der mutmaßliche Täter der Polizei bekannt gewesen sein. Das ähnelt der Tragödie im finnischen Kauhajoki vor sechs Monaten, als die Polizei mit dem späteren Amokläufer noch kurz vor dessen Tat gesprochen hatte.

"Es gibt eine Vorbereitungszeit, die sich über Wochen, manchmal sogar Monate hinzieht", sagt der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann von der Technischen Universität Darmstadt. Er hat mit seinem Team ein System entwickelt, das bisherige Täterprofile ablöst und dabei helfen soll, potentielle Gewalttäter früher zu erkennen.

"Ein statisches Täterprofil ist eine falsche Vorstellung, weil es kein demografisches Merkmal ist, ob jemand ein Amokläufer ist", sagt Hoffmann. Deshalb sei das Bild, das oftmals in den Medien gezeigt werde - männlicher Einzelgänger, Fan von Waffen, Computerspielen und Rockmusik - komplett falsch. "Wenn die richtigen Fragen gestellt werden, kann man einen potentiellen Amokläufer erkennen. Alle bisherigen Fälle in Deutschland wären durch unser System erkannt worden", erklärt der Experte: "Man muss sich die Tat als Ende eines Weges vorstellen."

Ein Weg, den man hätte erkennen können - mit einem System, wie Hoffmann es entwickelt hat. Das "Dynamische Risiko-Analyse-System" wird derzeit an Schulen und bei der Polizei in Deutschland getestet. Es gibt 31 Punkte, die Verhaltensvariablen abfragen: Gibt es eine Identifizierung mit anderen Amokläufern? Welche Probleme hat der Auffällige? Hat er eine Waffe herumgezeigt? Wenn Drogen im Spiel sind, welche genau? "Anhand dieser Variablen gibt das System eine Risiko-Einschätzung ab", sagt Hoffmann.

In Winnenden jedoch hatte die Polizei das System nicht zur Verfügung.

Dass der Täter in der baden-württembergischen Stadt nach seiner Tat zunächst floh, hält Hoffmann für selten, aber nicht ungewöhnlich: "Es könnte sein, dass er wie der Amokläufer in Bayern im Jahr 2000 an einem anderen Ort ein Finale vorbereitet hat." Während der Tat seien Amokläufer - das berichten Augenzeugen - stets erstaunlich ruhig. Sie würden kein Reueverhalten zeigen, sondern sich vielmehr auf der Jagd befinden. Aus diesem Grund sei es eher wahrscheinlich, dass der Täter einen zweiten Schauplatz plante, als dass er tatsächlich fliehen wollte.

Auch an eine Verknüpfung mit dem aktuellen Amoklauf in Alabama glaubt Hoffmann nicht. Die Vorbereitungszeit auf eine solche Tat dauere gewöhnlich viel länger, die Täter würden oft monatelang mit sich hadern und auf einen Auslöser warten. "Es kann sein, dass dem Täter etwas in seinem Leben wegbricht. Natürlich kann auch ein anderer Amoklauf der Auslöser sein - aber es ist sicher nicht der Grund", sagt Hoffmann. Es sei deshalb wichtig, einen Täter auf seinem Weg zu erkennen.

Potentielle Amokläufer verehren oftmals andere Täter als Helden. Unter dem Video auf YouTube, das die Tat von Erfurt im Jahr 2002 beschreibt, gibt es Einträge wie: "Großartig! Endlich bekämpft einer das System!" Potentielle Täter zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie Waffen in der Schule herumzeigen, dass sie ihre Tat bei Freunden, Lehrern oder im Internet ankündigen. All diese Anzeichen müssten erkannt werden, um dann die richtigen Fragen zu stellen.

Das vom Wissenschaftler Hoffmann entwickelte System zwinge, die richtigen Fragen zu stellen. "So kann man erkennen, ob es genügend Puzzlesteine für einen potentiellen Amoklauf gibt. Bei den Antworten selbst soll nicht interpretiert und analysiert werden - das übernimmt der Computer", erklärt der Kriminalpsychologe.

Im niederbayerischen Eggenfelden etwa zeigte sich vor wenigen Monaten, wie das System greifen und einen potentiellen Amokläufer erkennen kann. Ein 14-jähriger Achtklässler wurde in die Psychatrie eingewiesen, nachdem er einen Amoklauf angekündigt hatte. Solch eine Drohung sei immer ernst zu nehmen. "In 95 Prozent der Fälle stellt sich heraus, dass es harmlos war", so Hoffmann: "Aber die brenzligen Fälle werden eben auch erkannt."

Es stellt sich die Frage, warum dieses Erkennungssystem - trotz der offensichtlich recht hohen Erfolgsquote - noch nicht flächendeckend eingesetzt wird. Schließlich ist Deutschland nach den Vereinigten Staaten das Land mit den meisten Amokläufen in den vergangenen zehn Jahren.