Der 31. Oktober ist ein Einschnitt in der Geschichte der Süddeutschen Zeitung: Von nun an wird die SZ im Turm draußen vor der Stadt gemacht. Mit Video.
Ein Verlag ist eine Firma, eine Firmenverlagerung ist eine ganz normale Sache, und außerdem nehmen sich Journalisten selbst ohnehin viel zu wichtig. Das alles ist nicht falsch, und wäre man ein Geschäftsführer oder gar ein Verleger, würde man es vielleicht für sehr richtig halten. Trotzdem steht die Süddeutsche Zeitung mit dem Erscheinungsdatum 31.Oktober 2008 für einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte dieser Zeitung.
Impressionen einer bald vergessenen Lokalität: Blick über den Innenhof der SZ auf die Frauenkirche. (© Foto: E. Wolf)
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Am 6. Oktober 1945 erschien die erste Ausgabe der SZ, deren Verleger von der US-Besatzungsmacht die Zeitungslizenz Nummer eins in Bayern erhalten hatten. Sie wurde in der Ruine des bombenzerstörten Gebäudes der Münchner Neuesten Nachrichten an der Sendlinger Straße geschrieben, redigiert und umbrochen. Die SZ gehörte lange ganz selbstverständlich zur Innenstadt, nicht nur als Gebäude, gar als Landmarke, sondern eben auch als eine jener Institutionen, die städtisches Leben definieren: Rathaus und Kaufhaus, Wirtshaus und Kirche, Marktplatz und Zeitung. Heute, 63 Jahre später, ist die letzte SZ-Ausgabe aus der Sendlinger Straße erschienen. Der Marktplatz bleibt, die Zeitung geht.
Natürlich hatte der Umzug ökonomische Gründe
Im Hochhaus gibt es eine Kindertagesstätte, ein von Tobias Rehberger gesamtkünstlerisch gestaltetes Betriebsrestaurant (vulgo Kantine) nebst Cafeteria sowie alle Annehmlichkeiten modernen Bürodesigns. Während man in der Innenstadt verwinkelt und an mehreren verschiedenen Adressen untergebracht war, ist jetzt von den Gesellschaftern im 27. Stock über das SZ Magazin auf mittlerer Höhe bis zur Dusche für Radfahrer in der Tiefgarage alles unter einem Dach. Wer nur entschlossen genug ist, kann diese Umsiedelung durchaus als einen Fortschritt in vielerlei Hinsicht bezeichnen.
An diesem Wochenende zieht die Redaktion an den Ostrand der Stadt. Dort steht das neue Domizil des Süddeutschen Verlages (SV), ein 99-Meter-Hochhaus mit 27 Stockwerken. 1850 Mitarbeiter verteilen sich in dem Turm, der eine schöne Aussicht auf die Stadt und sogar auf die Alpen bietet, zumindest wenn man Büros weiter oben hat. Er war eigentlich für 145 Meter geplant, aber dann begrenzte ein Bürgerentscheid alle Hochhäuser in München auf maximal 100 Meter. Der Münchner mag es nicht so gern, wenn jemand höher hinaus will, als er das für nötig oder anständig hält.
Natürlich hatte auch dieser Umzug ökonomische Gründe. Mitten in der teuersten Stadt Deutschlands auf einem relativ großen Grundstück eine Zeitung produzieren zu lassen, ist deutlich unwirtschaftlicher als auf eben diesem Grundstück Damenstiefel oder Cashmere-Sweater anzubieten sowie Büros, Wohnungen oder Räume für Restaurants zu vermieten.
Also verkauften die Gesellschafter des SV das Areal und ließen auf einer bereits zur Bebauung genehmigten Fläche nahe der Zeitungsdruckerei draußen im Osten das Hochhaus wachsen. Für vier von fünf der damaligen SV-Gesellschafter traf sich das besonders gut, weil sie anschließend auch noch ihre Anteile am Verlag verkauften und nun im Besitz von deutlich mehr Geld als vorher nicht mehr zum Arbeiten, geschweige denn an den Stadtrand müssen.
Der Umzug ist ein logistisches Großunternehmen, eine Welle, die nach dem Verlag am Wochenende nun auch noch die Redaktion an den Stadtrand spülen wird. Klappt alles, gibt es am 3. November die erste Süddeutsche aus Steinhausen. Eine Woche später wird die Zeitung in einer großen Beilage auf Abschied und Aufbruch blicken.
- Interview zum Umzug Alles folgt der Bibel 30.10.2008
- SZ-Servicezentrum Was bleibt 30.10.2008
- SZ-Auszugsparty Abschied ist ein scharfes Schwert 25.09.2008
- Christian Ude über München und die SZ "Endlich auf Höhe der Zeit!" 06.11.2008
(SZ vom 31.10.2008/af)
Die neueste Antwort
Wäre schön, wenn man einige dieser gut versteckten Kartons beim Umzug fände!
Im Ernst: Auch ich sehe den Exodus als ein Unglück. Am Marienplatz residiert nicht nur Herr Ude, worauf die notorischen SZ-Hasser in diesem Forum hinweisen, sondern dort schlägt immer noch das Herz Münchens.
Der Alpenblick aus den neuen Redaktionsräumen mag für einen Landschaftsmaler inspirierend sein; für einen Zeitungsschreiber wären allemal die Nachbarschaft zum Marienplatz und der Blick auf die Sendliger Straße inspirierender.
Anderseits: Ich habe Fleet Street auch als etwas verlassen empfunden, als ich unlängst dorthin pilgerte - das meiste ist in die Docklands entschwunden. Und von den bewussten Kartons sind dort, scheint mir, nur noch vereinzelte vorhanden. (Immerhin sind die Docklands inspirierender als das Hultschiner Sträßlein.)
Aber was soll's? Nachdem mit den Bleigießmaschinen auch die Elite der Zeitungshandwerker ausgerottet wurde (und nachdem heute ein SZ-Redakteur in seinen nostalgischen Erinnerungen nicht mehr zwischen Metteur und Gießer unterscheiden kann), geht alles den Lauf der Gelddinge.
Herrn Kister wegen seines Seitenhiebes auf die abgefundenen Gesellschafter zu schelten, wie es hier ein Leser tut, ist ungerecht; zumindest für den, der die Geschichte des Verlages kennt, und sich erinnert, wie sein Reichtum entstanden ist.
Höchst ungerecht ist allerdings auch, wie der Verlag mit Herrn Werner Friedmann umgegangen ist, dem er so viel verdankt.
ich befürchte fast, dass die SZ schon längst eine Standleitung ins Büro Ude hat legen lassen.
Warum sollte der Umzug keine ökonomischen Gründe haben? Ich finde es schäbig, darauf hinzuweisen, daß Ex-Gesellschafter für den Verkauf ihrer Anteil bezahlt worden sind.
Herr Kister, was hat ihren Großvater daran gehindert einen Verlag zu gründen? Dieses Unvermögen spricht jetzt auch aus dem Kommentar seines Enkels.
Vielleicht hat das ganze Unbehagen mit dem Unzug auch damit zu tun, daß man eben jetzt nicht mehr die Mittagspause auf drei Stunden ausdehnen kann, um mal schnell zum Einkaufen in die ach so tollen Läden in der Innenstadt zu gehen.
Der neue Standort ist die Voraussetzung um die Effizienz zu steigern, denn auch die neuen Eigentümer führen das Haus nicht aus Nächstenliebe.
...wäre ein Tag der offenen Tür im neuen Hochhaus. Damit man als Leser auch mal einen Eindruck kriegt, wie die Zeitung gemacht wird (und auch die Aussicht auf die Stadt und die Alpen genießen kann). OK, im Umzugsstress wäre das noch ein zusätzlicher Stressfaktor gewesen, vielleicht klappt's aber zum einjährigen Jubiläum des Umzugs ;-)
Ich freue mich schon auf den neuen Geist, da die SZ-Redaktion ja nicht mehr im Dunstkreis des Rathauses ist.
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