Zu Besuch bei Freimaurern Ein verschwiegener Bund geht neue Wege

Okkulte Riten, dunkle Mächte, Verschwörungen: Freimaurer genießen keinen allzu guten Ruf. Deswegen wollen sich die Brüder nun für Außenstehende öffnen. Doch das ist gar nicht so leicht bei einem Grundsatz der Verschwiegenheit. Ein Logenbesuch in München.

Von Niklas Nau

Über dem Altar leuchtet in einem Dreieck das "allsehende Auge", das auch die Rückseite jeder Ein-Dollar-Note in den USA ziert. Auf dem Schachbrettmuster am Boden ist ein mit Symbolen verzierter Teppich ausgerollt. Waage, Winkel und Senkblei, wichtige Symbole der Freimaurer, sind mit Gold in die blauen Läufer auf den Tischen gestickt. Nur Kerzen erleuchten die Erdgeschosswohnung in Haidhausen.

Draußen vor der Tür verrät noch nicht einmal ein Name am Klingelschild, dass im Inneren Männer in schwarz-weißer Freimaurerkluft ihren Tempel haben. Die Mitglieder der Loge Acacia kommen hier zum Diskutieren und zum Ritual zusammen. Besucher sind ausgeschlossen, die Brüder - so bezeichnen sich Freimaurer gegenseitig - wollen unter sich sein.

Freimaurer verstehen sich selbst als Mitglieder eines humanistischen Bundes. Jeder Bruder soll zuerst an sich selbst arbeiten und die Ideale der Zunft verstehen. Wie der Handwerker aus einem unbehauenen Stein langsam eine Skulptur herausarbeitet, so soll jeder Freimaurer sich selbst in der Loge formen.

Berühmte Freimaurer waren beispielsweise George Washington, genau wie Friedrich der Große und sein langjähriger Brieffreund Voltaire, Kurt Tucholsky und Johann Sebastian Bach. Vor 275 Jahren wurde die erste Loge in Deutschland gegründet. Seitdem sind viele hinzugekommen. Etwa 14.000 Freimaurer zählen die deutschen Logen. In München gibt es 13, bis auf zwei nehmen sie ausschließlich Männer auf.

275 Jahre agierten die Freimaurer vor allem im Verborgenen - doch nun will sich die Zunft Außenstehenden öffnen. Ein wenig zumindest, um Vorurteile auszuräumen. In Hamburg, wo die erste deutsche Loge "Absalom zu den drei Nesseln" gegründet wurde, sollen im Herbst mehrere öffentliche Veranstaltungen stattfinden, um die lange Geschichte der "königlichen Kunst", wie die Freimaurer ihr Tun auch nennen, zu feiern.

Die Zusage kommt prompt

Die neue Offenheit macht sich auch in der Loge Acacia in der Haidhauser Erdgeschosswohnung bemerkbar. Früher wäre ein Blick in einen geschmückten Freimaurertempel wohl nicht so einfach möglich gewesen. Heute kommt die Zusage prompt. Nur bei einem Ritual teilnehmen, das geht immer noch nicht.

Sind die Freimaurer unter sich, tragen sie hier schwarzen Anzug, weiße Handschuhe und den traditionellen Maurerschurz. In manchen Logen kommt auch noch der "hohe Hut", ein schwarzer Zylinder, dazu. An diesem Morgen aber öffnet der "Meister vom Stuhl" die Tür im hellblauen Hemd. Doch schon der Blick in den geschmückten Tempelraum lässt jeden, der Dan Brown oder Umberto Eco gelesen hat, ein wenig erschauern.

"Meister vom Stuhl, das ist in etwa der Vereinsvorsitzende", sagt er. Der Mann ist Universitätsprofessor und hat gleich zu Anfang eine Bitte: Sein Name soll nicht genannt werden. Er fürchtet, manche Bekannte könnten ihn komisch anschauen, wenn sie erfahren, dass er eine Freimaurerloge leitet. "Aber nicht, dass Sie denken, dass Freimaurerei etwas Ehrenrühriges wäre", sagt er. "Ganz im Gegenteil."