Zeitforscher Karlheinz Geißler Ein Leben ohne Uhr

Termine nie vor 10 Uhr - bis dahin hat ihn die Sonne geweckt: Der Münchner Karlheinz Geißler ist Zeitforscher. Seit dreißig Jahren lebt er ohne Uhr. Und gerade deswegen scheint er sich Einiges an Zeit zu sparen.

Von Agnes Fazekas

Wenn Karlheinz Geißler so an seinem Esstisch in Perlach sitzt, den Kopf senkt, um ein wenig spöttisch über seinen Brillenrand zu gucken und dabei die Arme verschränkt, wirkt er wie der Igel, der zum Hasen sagt: "Ich bin schon da." Nur dass der 68-jährige Zeitforscher dafür keine Täuschung braucht. Geißler lebt seit dreißig Jahren ohne Uhr - und gerade deswegen scheint er sich Einiges an Zeit zu sparen.

"Wenn man lebt, muss man sich mit dem Kommen, dem Werden, dem Absterben beschäftigen", sagt Geißler. Zur Gelassenheit fand er nicht freiwillig, er erkrankte an Kind als Polio, benutzt eine Krücke zum Gehen, und braucht deswegen für manche Dinge etwas länger. "Ich sah mich selbst immer auf der Tribüne sitzend, als einer, der den Gladiatoren in der Arena der Hochgeschwindigkeit zusieht." Dabei merkte er allerdings: Die erreichen auch nicht mehr.

Eigentlich kommt Geißler aus zwei Welten. Er ist Wirtschaftspädagoge und hat gelernt, wie man Minuten in Geld zählt. Auf der anderen Seite weiß er, wie man sie in Zuwendung misst. Mit dem Begriff Entschleunigung kann er deshalb auch nicht viel anfangen. "Es braucht verschiedene Tempi im Leben. Wie bei Mozart, der hat 24 benutzt, im Deutschen gibt es nur keine Wörter für all diese Zeiten." Allerdings stört er sich daran, dass wir manchmal hetzen, wo es gar nicht nötig ist, und wenn es nur Worte sind, die Druck machen. Schnell den Radiergummi rübergeben, die Oma eben besuchen, mal kurz wohin.

Eine Leben ohne Uhr. So gut es geht zumindest. "Es ist wie mit der Pockenschutzimpfung: Man braucht keine mehr, wenn jeder andere eine hat", sagt er und lacht. Der Zeitforscher benutzt das Familienhandy nur im Notfall, mag keine Wecker und legt Termine deshalb nie vor 10 Uhr - bis dahin hat ihn die Sonne geweckt.

Er hat keinen Führerschein. Und wenn er mit dem Zug fährt, kommt er viel zu früh an den Bahnhof, um sich von Fahrplan-Verspätungen nicht stressen zu lassen. Dann verwickelt er die Wartenden gerne in Gespräche und ist enttäuscht, wenn diese ihr Smartphone zücken, um die lästige Pause doch noch praktisch - also schnell - zu nützen. "Zeitverdichtung", nennt der Münchner das. "Simultanten" sind Menschen für ihn, die alles gleichzeitig machen wollen. Wer fühlt sich da nicht ertappt?

"Das ist Schwachsinn, was ich hier verkaufe"

Die Pause sei zum Teil des kapitalistischen Produktionsprozesses geworden, sagt Geißler und hebt die Brauen. In der Theatinerkirche zum Beispiel sieht er all die Leute mit ihren Tüten in der Hand, die sich in die Bänke kauern. "Die gehen nicht in die Kirche, die wollen sich ausruhen", ist der Zeitforscher überzeugt. Es gibt immer weniger Bänke, auf denen man sitzen kann ohne zu zahlen - wie in Cafés oder Kneipen. Die Stadtarchitektur erzählt etwas über unseren Umgang mit Zeit.

Zu jedem Thema fällt ihm eine Anekdote ein, seien es die "Alltagsbeschleuniger" wie Tempo-Taschentuch, Postkarte oder Teebeutel - alle im Krieg erfunden. Sei es die neue Internetverbindung, die ihm letztens ein Kundenberater aufschwatzen wollte: Geißler trieb den armen Mann fast dazu, seinen Job aufzugeben. "Aber das ist doch toll, wenn es schneller geht", rang der Vertreter. "Wieso denn?", fragte Geißler. Schließlich: "Sie haben recht, das ist Schwachsinn, was ich hier verkaufe."

Manchmal ist es ihm auch zu viel, all das Sinnieren, dann will er spürbar erleben, worüber er so viel schreibt: Neun Bücher sind es schon und alle haben sie das Tempo zum Thema. Geißler schmeckt die Zeit - wenn er ein Glas Wein trinkt. "Das ist vergorene Natur, man spürt die Dauer von Sonneneinstrahlung und Lagerung."