Historikerin Miriam Gebhardt "Unvermutete Übergriffe"

Nicht nur im Osten gab es 1945 Massenvergewaltigungen. Auch im Oberland fielen unzählige Frauen den Befreiern zum Opfer - ein Tabuthema, das die Historikerin Miriam Gebhardt nun zur Sprache bringt

Interview von Stephanie Schwaderer

70 Jahre nach Kriegsende bricht die in Ebenhausen lebende Historikerin Miriam Gebhardt ein Tabu: In ihrem neuen Buch "Als die Soldaten kamen" schildert sie die "flächendeckende Vergewaltigung" deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs.

SZ: 1945 kam es in Deutschland zur vermutlich größten Massenvergewaltigung der Geschichte. Wurde in Ihrer Familie darüber gesprochen?

Miriam Gebhardt: Nein. Meine Großmutter hat das Kriegsende in Freiburg erlebt, wo es erwiesenermaßen viele Übergriffe von französischen Soldaten gab. Davon war aber nie die Rede. Meine Großmutter galt in unserer Familie als ängstliche und prüde Frau. Mir hat sie oft Zeitungsartikel von Vergewaltigungen und anderen Gräueltaten ausgeschnitten. Seit ich mit den Recherchen zu diesem Buch begonnen habe, sehe ich sie mit anderen Augen. Ich weiß nicht, ob sie vergewaltigt wurde. Aber sie gehörte zu einer Generation von Frauen, für die ein Klima der Angst prägend war.

Und Ihre Mutter?

Sie sagt, dass sie als Kind Schreckliches gesehen hat, will aber nicht darüber reden. Sie ist Jahrgang 1939.

Ihren Berechnungen zufolge wurden in der Nachkriegszeit in Deutschland mindestens 860 000 Mädchen und Frauen vergewaltigt. Wie konnte man das so lange totschweigen?

Das hatte zum einen persönliche Gründe: Die Scham der Betroffenen, die Rücksichtnahme gegenüber den Männern, die ja auch darüber schwiegen, was sie im Krieg erlebt und getan hatten. Das Erziehungsideal bestand damals in Abhärtung und Robustheit. Zum anderen gab es politische Gründe, vor allem die Loyalität gegenüber den Befreiern. Dass diese auch Täter waren, wollte man nicht sehen. Stattdessen schob die Sexualmoral der Zeit die Verantwortung für Vergewaltigungen gerne den Frauen zu, den sogenannten Ami-Liebchen, die sich angeblich für ein Stück Schokolade oder Nylonstrümpfe den Soldaten an den Hals warfen. Vergewaltigte Frauen mussten damit rechnen, dass man mit dem Finger auf sie zeigte. Sie wurden zu Opfern einer Gesellschaft, die die Moralfrage an der falschen Stelle aufwarf.

Auch die Frauen im Oberland blieben Ihren Recherchen zufolge nicht verschont. Sie schildern etwa das Schicksal einer Lenggrieser Bäuerin, die in ihrem Ehebett von mehreren amerikanischen Soldaten vergewaltigt wurde. Aus welchen Quellen stammen Ihre Informationen?

Als ich vor zwei Jahren das Thema bei einem Frühstück in Icking mit meinem Verleger entwickelt habe, hätte ich nie gedacht, dass es mir so nahe rücken würde. Dann habe ich begonnen, die Einmarschberichte zu studieren, die oberbayerische Pfarrer damals an die Erzdiözese München-Freising schickten, um zu berichten, was in den letzten Kriegs- und ersten Befreiungstagen in ihren Pfarreien geschehen war. Zwei Dinge sind mir ins Auge gestochen: Zum einen, dass es in jedem Dorf Übergriffe gegeben hat. Zum anderen, in welch beiläufigem Ton die Pfarrer davon berichteten. Oft waren Heimatlose betroffen, Frauen auf der Flucht, ohne jeden Schutz. Die Kommentare lauteten überwiegend: Die Frauen werden das schon mitverschuldet haben. Das hat mich erschüttert.

Robust und belastbar hatten die Frauen nicht nur im Krieg, sondern auch in den Jahren danach zu sein.

(Foto: Scherl)

Eine Ihrer Kernthesen lautet, dass die westlichen Soldaten nicht weniger brutal waren als die Rotarmisten. Dennoch lesen sich Ihre Schilderungen von den Übergriffen im Osten ungleich grausamer.

Wenn man über die Rote Armee redet, muss man sich immer vor Augen halten, was diese Soldaten hinter sich hatten, was ihnen von Deutschen angetan worden war. Die sexuellen Gräueltaten der Rotarmisten wurden von Goebbels angekündigt und propagandistisch ausgeschlachtet, manche Bilder waren womöglich gestellt. Auch in der Verfilmung des Tagebuchs "Anonyma", im dem es um das Schicksal einer Berlinerin geht, gibt es besonders grausame Bilder. Mir ging es aber nicht darum, schlimme Gewalttaten aus dem Westen aufzuzählen. Was in Bayern sicher schrecklich war: Dass diese Übergriffe unvermutet über die Bevölkerung hereinbrachen.

Die Frauen hatten nicht damit gerechnet? Die Leute waren ja erleichtert, als die US-Armee einrückte. Bis zuletzt hatten sie gefürchtet, die Sowjets könnten schneller sein. Viele Gewalttaten spielten sich in einsam gelegenen Höfen oder auf Almen ab, was es den Frauen noch schwerer machte, Glaubwürdigkeit zu finden. Der Vorwurf, ein Ami-Liebchen zu sein, hat sie zum Schweigen gebracht. Ich möchte nicht wissen, wie viele alte Frauen in unseren Dörfern noch nie über diese Dinge gesprochen haben.

US-Soldaten haben immer wieder gesagt, die Frauen hätten sich nicht gewehrt.

Ja, das haben sie vor den Militärgerichten behauptet. In der US-Kriegspropaganda wurde ein Bild von der deutschen Frau als sexuell libertär und dekadent gezeichnet. Das hat womöglich einen falschen Eindruck gefördert. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, wie man sich wehrt, wenn einem eine Pistole an den Kopf gehalten wird.

Sie gehen davon aus, dass fünf Prozent der vergewaltigten Frauen schwanger wurden. Und Sie schildern detailliert, wie diese Frauen ihr weiteres Leben lang immer wieder zu Opfern wurden - von Ärzten, von Sozialfürsorgern, von Juristen. Wieso haben sie sich nie solidarisiert?

Miriam Gebhardt wurde 1962 in Freiburg geboren. Als Historikerin und Journalistin beschäftigt sie sich vor allem mit "unterdrückten Diskursen".

(Foto: Oliver Rehbinder)

Über Geschlechtskrankheiten, uneheliche Kinder oder Abtreibungen wurde damals nicht gesprochen. Allenfalls unter vorgehaltener Hand. Die Frauen mussten zunächst um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen, viele wollten ihre Ehe schützen und nicht zuletzt ihre Kinder, die nicht erfahren sollten, unter welchen Umständen sie gezeugt wurden. Abgesehen davon, war es mit der Solidarität unter Frauen noch nie wo weit her, wie man meinen möchte. Das habe ich in meinem Buch über die Frauenbewegung "Alice im Niemandsland" dargelegt.

Ihr neues Buch "Als die Soldaten kamen" ist seit etwa sechs Wochen auf dem Markt. Ermutigt es Betroffene, von der Vergangenheit zu sprechen?

Ja, ich bekomme viele Zuschriften von Frauen, die mittlerweile über 80 sind, aber auch von Nachkommen. Viele sind sehr dankbar, einige fragen mich um Rat, wie sie mit betroffenen Angehörigen umgehen sollen. Ich nehme diese Zuschriften sehr ernst und beantworte jeden Brief, auch wenn das sehr anstrengend ist. Aber es ist mir in diesem Fall wirklich wichtig, das Thema nachzubearbeiten.

Sie schreiben in Ihrem Vorwort, dass Sie "in ein tiefes Tal hinabgestiegen" sind. Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis, die Sie emporgeholt haben?

Dass die Zeit reif ist, über dieses Thema zu sprechen. Wir brauchen dringend mehr Trauma-Therapeuten, die in die Altenheime gehen und den Mitarbeitern bewusst machen, dass sie es bei der täglichen Arbeit womöglich mit traumatisierten Opfern sexueller Gewalt zu tun haben. Und wir müssen uns die Frage stellen, wie wir heute damit umgehen. Wenn ich mir anschaue, wie Flüchtlinge in Deutschland behandelt werden, Menschen, die mit Sicherheit auch sexuelle Gewalt erfahren haben, wie sie in existenzieller Verunsicherung leben müssen, dann denke ich, dass es an der Zeit wäre, dass wir uns an unsere eigene Vergangenheit erinnern.

Miriam Gebhardt liest am Donnerstag, 23. April, in der Buchhandlung Isartal, Prof.-Benjamin-Allee 2, Ebenhausen, aus "Als die Soldaten kamen" (DVA, 21,99 Euro); Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt kostet 8 Euro, Tel. 08178/99 89 88