Brot und Spiele Der andere Ludwig Thoma

Autoin Gertrud-Maria Rösch.

(Foto: oh)

Gertrud-Maria Rösch zeigt die Widersprüche des Literaten auf

Interview von Felicitas Amler

Gertrud-Maria Rösch ) ist Autorin des Buchs "Ludwig Thoma - der zornige Literat". Bei der Franz-Graf-von-Pocci-Gesellschaft und dem Verein Flößerstraße referiert die Heidelberger Professorin am Freitag über Thoma und verspricht "einen etwas anderen Blick" auf den Erfinder der "Lausbubengeschichten" und des Josef Filser, den Dichter bekannter Werke wie "Die Lokalbahn" oder "Moral".

SZ: Ludwig Thoma ist eine Art Säulenheiliger der bayerischen Kultur. Sie aber machen deutlich, dass er "ein trostloser Reaktionär und Rassist" war. Muss er vom Sockel gestürzt werden?

Gertrud-Maria Rösch: Nein, denn damit würde man nur von einem Extrem ins andere fallen, und die eigentliche Beschäftigung mit diesem widersprüchlichen Leben wäre wieder verhindert. Er war ein Konservativer in jeder Hinsicht, und die damit verbundene Frage muss vielmehr lauten: Wie hat er es angesichts dieser früh erworbenen Grundeinstellung geschafft, fast 20 Jahre lang als Satiriker für mehr Gerechtigkeit und für die kleinen Leute und gegen politische Borniertheit und Klassendenken glaubwürdig zu kämpfen.

Und wie hat er es geschafft?

Er war umgeben von Leuten, die ihn politisch neu sozialisiert haben, zum Beispiel Conrad Haußmann, Rechtsanwalt und liberaler Politiker in Stuttgart. Und er war umgeben von einer Schicht von Leuten aus dem gehobenen Bürgertum, die alle liberal gebildet waren, von denen er gelernt hat, sich hat sozialisieren lassen, weil er das als Aufsteiger auch wollte.

Was ist anders an Ihrem Blick auf Thoma?

Meine Generation ist stark von der Sozialgeschichte geprägt, von der Öffnung der Germanistik hin zur Soziologie. Dafür bietet Thomas Werk und Biografie viele Ansätze. Nehmen wir seine Ausgangslage, seine Startchancen, als Halbwaise mit sieben Jahren, fast an der Armutsgrenze. Er hat sich hochgearbeitet, auch auf Kosten der anderen Familienmitglieder, vor allem der Schwestern, was ja in seinen Werken wiederholt Thema ist, etwa in den "Kleinen Verwandten".

Es gibt schon etliche Biografien über Ludwig Thoma. Haben Sie Neues erforscht, oder interpretieren Sie Bekanntes neu?

Beides, seine Biografie ist ja bekannt, dank der Vorarbeiten von Richard Lemp oder Bernhard Gajek. Neu ist aber etwa, auch ausgehend von meiner Dissertation, die Darstellung der Presseprozesse des Simplicissimus. Neues wäre aber dringend in großem Umfang zu erforschen im Archiv, wo zum Beispiel 800 unveröffentlichte Briefe an Maria von Liebermann liegen, die bisher nur Martha Schad zum Teil ausgewertet hat.

Welches Werk des Dichters empfehlen Sie Thoma-Neueinsteigern?

"Moral" und "Lausbubengeschichten". Moral ist weiterhin eine Komödie über Doppelspiel in der Politik, man kann es übertragen auf heute, die Frage, wie erhalte ich meine Macht, auch indem ich mich persönlich verbiege, außerdem ist die Komödie grenzenlos amüsant. Lausbubengeschichten zeigt grundsätzlich und menschlich verallgemeinerbar die Situation des Aufwachsens, wie sich Kinder gegen die berechtigten Erwartungen der Eltern durchsetzen. Das war auch mehr oder weniger eins von Thomas Lebensproblemen.

"Eine unbegreifliche Häufung von Talent": Gertrud-Maria Rösch, Sprecher Klaus Wittmann; an der Zither Thomas Zeitlhöfler; Freitag, 26. Februar, 19.30 Uhr, Gasthof Zantl, Bad Tölz; Reservierung unter Telefon 08177/8424 oder 08041/9794