Bad Tölz: 157. Leonhardifahrt Der Tag der nassen Trachtler

Das Wetter meint es nicht gut mit Teilnehmern und Zuschauern des Leonhardiritts, doch die meisten tragen den Regen mit Gleichmut. Nur etwa 10 000 Menschen kommen in die Marktstraße.

Von Sebastian Blum

Alttölzer Tracht tragen Michaela Buchberger (links) und Veronika Diesl auf dem Bichlr Truhenwagen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Herbert Lochs dunkler Filzhut hat schon so manche Tölzer Leonhardifahrt - oder "Lechads", wie die Einheimischen sagen - erlebt. An diesem Dienstagmorgen dreht ihn der 61-jährige Miesbacher in der Hand und blickt auf in den trüben Himmel: "Ich hoff', das Wetter hält", wünscht er sich für die 157. Tölzer Leonhardi-Fahrt. Doch Petrus selbst scheint es mit den Wallfahrern zu Ehren des Vieh- und Pferdepatrons Leonhard nicht gut zu meinen und öffnet bald die Schleusen.

"Dreckswetter, verrecktes", schimpft ein Passant im Badeteil, wo sich die ersten festlich geschmückten Festwägen aufstellen. Da würde ihm vermutlich der Fuchs um den Hals von Kathrin Mair zustimmen. Seine Besitzerin vom Festgespann der Waakirchner Schalkfrauen hat sich jedoch untergestellt. "Magst an Kamillentee?", ruft sie ihrem Mann, dem Brettlhupfer, zu, der fürs Bremsen zuständig ist und den Tafelwagen überprüft, und schwenkt eine Thermoskanne. Beide sind um 5 Uhr aufgestanden. "Tradition zu bewahren ist das Wichtigste", sagt die Waakirchnerin.

Brauchtum ist auch für Andreas Willibald, den Fuhrmann des Tafelwagens mit der Nummer 13, unentbehrlich. Bis 4 Uhr hat der angehende Bauer aus Lenggries geschlafen. "Dann ging's gleich los", sagt er und wartet, dass sich der Zug in Bewegung setzt. Doch eben müht sich noch ein Molkerei-Lastwagen an den Festwägen in der nassen Badstraße vorbei, während das hinterste Ross aus Willibalds Gespann eine frische Ladung Pferdeäpfel fallen lässt.

Um 9 Uhr schließlich schwenkt der Leonhardilader seinen Hut und der Zug setzt sich unter lautem Glockengeläut in Bewegung; zuerst drei Vorreiter, dann der Wagen der Geistlichkeit, die Stadträte und der Bürgermeister in Gehrock und Zylinder hinterher. In den Festwägen dahinter haben sich viele Mitfahrer eine durchsichtige Regenweste über ihre Tracht geworfen, während die Zuschauer das Treiben unter ihren Schirmen bestaunen.

Nur etwa zehntausend sind laut Kurdirektor Klaus Pelikan gekommen, etwa halb so viele wie voriges Jahr. Entlang der festlich geschmückte Häuser rattern und scheppern die Räder der 85 Wagen über die Isarbrücke in die Jägergasse den steilen Marienbräugasteig zum Kalvarienberg hinauf. Oben angelangt, halten die Fanfarenreiter kurz an und stoßen in die Hörner. Eine Zuschauerin lässt sich anstecken und trompetet in ihr Taschentuch. Die ersten Gespanne umrunden indessen die Leonhardikapelle, werden gesegnet und halten auf der Wiese.

Mensch und Tier kommen so für einen Moment zu Ruhe: Die Fuhrleute decken ihre dampfenden Rösser zu, während sich nebenan die dampfenden Wurstkessel mit den heißen Wienern und Weißwürsten auftun. Die Frauen verteilen Platzerl und auch "a Schnapserl" an Freunde und Bekannte, bis sich die Wallfahrt etwas weniger feierlich auf den Rückweg in die Marktstraße macht. Dort bewundern zwei Touristinnen aus dem Salzkammergut, wie die Gespanne in flottem Trab durch den Khanturm zur Mühlfeldkirche ziehen. Manch einer wechselt dabei schon mal in den Galopp, was eigentlich verboten ist, und erntet dafür ein Kopfschütteln der Polizisten, die die Marktstraße sichern. Die Touristinnen sind in Gedanken schon bei den Goaßlschnalzern. "Des gfoid ma", sagt die eine. "Überhaupt, dass so viel Jugend dabei ist. Tracht muss schließlich erhalten bleiben."

Drei junge Mädchen, die zum Zuschauen gekommen sind, denken ähnlich, wenngleich Brauchtum für sie etwas Anderes bedeutet. "So blöd es klingt: Ein Rausch gehört irgendwie dazu", sagt eine und hält eine Flasche Likör in der Hand. "Das Bier hamma vorher schon vernichtet."