Wohnbebauung Seelenlose Architektur

Historische Gebäude in München verlören ihre Würde und Tradition, kritisiert Denkmalpfleger Greipl

Von Alfred Dürr

An diesem Mittwoch steht der umstrittene Umbau der Alten Akademie an der Neuhauser Straße erneut auf der Tagesordnung des Stadtrats. Kritiker dieser geplanten Modernisierung, wie der frühere Generalkonservator und Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Egon Johannes Greipl, sehen die Alte Akademie als Paradebeispiel dafür, wie ein historisch bedeutsamer Komplex seine Würde und Tradition verliert, zum Kaufhaus wird - "wobei für diesen Zweck auch noch der bislang öffentliche Raum unter den Arkaden als Basar herhalten muss".

Greipl kritisierte mit Nachdruck die Situation beim Denkmalschutz in München und Bayern sowie bei der Landesentwicklung. Gesichtslose Architektur, seelenlose Dörfer, ungebremster Flächenfraß - im überfüllten Saal der Hochschule für Philosophie legte er bei dieser Veranstaltung der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) dar, dass die Orts- und Stadtbilder, die Schönheiten des heimatlichen Lebensraums vor allem aufgrund einer weit verbreiteten Wachstumsideologie zunehmend unter Druck geraten. Nach seiner Zeit als Generalkonservator (1999 bis 2013) in München ging Greipl in die Politik. Seit 2014 ist er Stadtrat für die ÖDP in Passau.

Das Zwillingshochhaus in der Parkstadt Schwabing wirkt auf die historische Struktur der Ludwigstraße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Neben der Alten Akademie gibt es für Greipl weitere Sündenfälle in München. Etwa die Zwillingstürme Highlight Towers in der Parkstadt Schwabing und das 146-Meter-Hochhaus Uptown München in Moosach. Deren stadträumliche Wirkung sei nur oberflächlich untersucht worden. Der Bolzen von Moosach greife heute empfindlich in das historische Panorama des Nymphenburger Schlossrondells hinein; die Zwillingstürme in Schwabing beschädigten irreparabel die ästhetische Wirkung der Ludwigstraße.

Die Planungsgeschichte zur Modernisierung des Hauptbahnhofes zeigt für den ehemaligen Generalkonservator wie wenig die Interessen des historischen Bestandes und des Stadtbildes noch gelten. Der Hauptbahnhof sei über Jahrzehnte geradezu vorsätzlich der Verwahrlosung überlassen worden, sagte er. Nun soll ein hochkommerzielles Projekt mit einer gesichtslosen und vollkommen überdimensionierten Shopping Mall entstehen.

In jüngster Zeit hatte der illegale Abriss des denkmalgeschützten Uhrmacherhäusls in Giesing für große Aufregung gesorgt. Die Stadtverwaltung hat sich hilflos bis ahnungslos gezeigt, sagte Greipl. Der OB habe populistisch und beschwichtigend den Wiederaufbau gefordert, "weil ihm offensichtlich der erste Hauptsatz der Denkmalpflege nicht bekannt war: Was weg ist, ist weg". Man hätte sich vordringlich mit der Frage beschäftigen sollen, "zu welchem Grad an fehlendem Rechtsbewusstsein und Respektlosigkeit eine Gesellschaft heruntergekommen ist, in der ein Denkmaleigentümer am helllichten Tag in dieser Weise agieren kann".

Sie könnte in ferner Zukunft ein Denkmal sein: die BMW-Welt am Olympiapark.

(Foto: Stephan Rumpf)

Welche Bauwerke werden in Zukunft den Geist unserer Zeit repräsentieren? Greipl nannte das Hypo-Hochhaus ("gewaltige Bankentürme"), die Fußball-Arena ("riesige Spitzensportstätten") sowie die BMW-Welt ("Kathedralen der Mobilität").