Widersprüchliche Figur "Es ist gut, für das Vaterland zu leben"

Erste Einblicke in die Tagebücher von Kardinal Faulhaber zeichnen ein überraschend vielschichtiges Bild des Erzbischofs

Interview von Jakob Wetzel

Kardinal Michael von Faulhaber ist eine widersprüchliche Figur. Für die einen ist er derjenige Bischof, der im Nationalsozialismus mehrmals öffentlich Juden in Schutz nahm. Den anderen gilt er als Militarist und mehr oder weniger heimlicher Antisemit. Jetzt aber kommt Licht in seine Gedankenwelt: Seit zwei Jahren entschlüsseln Wissenschaftler des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Faulhabers private Tagebücher, die der Kardinal in der heute nicht mehr gängigen Gabelsberger-Kurzschrift verfasst hat. An diesem Mittwoch werden die ersten Ergebnisse im Internet veröffentlicht. Einer der Projektleiter, der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, verrät, was Forscher lernen können, wenn ein Erzbischof kein Blatt vor den Mund nimmt.

SZ: Herr Wolf, Sie haben sich zwei Jahre lang mit Faulhabers privaten Tagebüchern beschäftigt - was haben Sie über ihn gelernt?

Wolf: Ich bin dabei erstmals seinem eigenen Denken nähergekommen, und mein Bild von ihm hat sich geändert. Es ist weniger eindeutig geworden. Für mich ist Faulhaber zum Beispiel immer der Feldpropst gewesen, der 1914 den Ersten Weltkrieg als gerechten Krieg gerechtfertigt hat. Das findet sich so auch in den Tagebüchern. Nur: 1933 haben wir einen Tagebucheintrag, in dem deutlich wird, dass er strikt gegen die Wiederbewaffnung ist und strikt gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Wegen der Erfahrungen im Krieg?

Weil er gelernt hat! Und weil er einer der wenigen im deutschen Episkopat war, die Mitglied im Friedensbund Deutscher Katholiken waren. Da hat er Reden gehalten wie: "Ich habe euch damals gesagt, es ist gut, für das Vaterland zu sterben. Heute rufe ich euch zu: Es ist gut, für das Vaterland zu leben!" Und das im Jahr 1933, als alles kippt, als es um ein Reichskonkordat geht, als man hätte erwarten können, dass er keinen Ärger mit dem Staat sucht.

Hoher Besuch: Kardinal Michael von Faulhaber (Dritter von rechts) bei der Einweihung der Bayerischen Zugspitzbahn 1930.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Und sein Verhältnis zu den Juden?

Da bleibt ein differenziertes Bild. Antijudaismus hat ja leider eine lange christliche Tradition, Faulhaber steht da für einen traurigen Mainstream. Er klagt etwa darüber, "die Juden" seien an der Revolution von 1918 maßgeblich beteiligt. Aber genau dieser Bischof kann auch 1928 sagen: Wir müssen diese furchtbare Formulierung von den "treulosen Juden" in der Karfreitagsfürbitte abschaffen. Sind das zwei Seiten einer Persönlichkeit, oder ist das eine Entwicklung? Ein weiteres Beispiel: Wenn der Judenhass der Nazis Menschen traf, die Faulhaber kannte, etwa den Münchner Rabbiner Leo Baerwald, dann ging er zum Gauleiter, um sich zu beschweren. Doch dann beschied er Baerwald, er sei Bischof und kein Politiker. Diese Haltung ist naiv, aber man findet sie immer wieder.

Gab es etwas, was Sie überrascht hat?

Seine Angst. Man hat ein Bild von Faulhaber als einem starken Typen, Münchens großer Kardinal eben. Aber in den Tagebüchern steht, welche Angst er hat. Herzrasen! Es gibt 40 Einträge, wo er schreibt: Herzklopfen, Baldrian hilft nicht, ich kann nicht zelebrieren. Weinkrampf.

Aus Furcht um die eigene Sicherheit?

Ja, aber auch davor, dass die Ordnung zerbricht. Er beschreibt die Revolution 1918 als eine Anti-Schöpfung, mit Formulierungen aus dem biblischen Schöpfungsbericht. So wie er überhaupt viel mit Motiven aus der Bibel arbeitet. Und es ward Abend, und es ward Morgen, der dritte Tag. Die Schöpfung hat Ordnung hergestellt, die Revolution führt zurück zum Chaos. Umgekehrt aber klagt er auch über die Ermordung Kurt Eisners, des ersten bayerischen Ministerpräsidenten. Den mochte Faulhaber nicht; aber als er tot ist, schreibt er: "Das ist sehr schlimm. Bayern war auf dem Weg zur Ruhe und Gott weiß, was jetzt wieder kommt." Faulhaber wird dann angegriffen, weil er sich nicht öffentlich geäußert hat. Da schreibt er: "Dass der Erzbischof einen politischen Mord verabscheut, das braucht er doch nicht zu beteuern, das wird man hoffentlich wissen."

Kann man aus Faulhabers Tagebüchern auch etwas über die damalige Zeit lernen? Auf jeden Fall! Er trifft schließlich pro Jahr 1000 bis 1500 Leute und hält fest, worüber er mit ihnen spricht. Und da können Sie zum Beispiel eine Netzwerk-Analyse machen. Wen trifft er aus der Bayerischen Volkspartei, wen nicht? Was hält er 1932 von Reichskanzler Franz von Papen? Trifft er Hitler? Wen trifft er in den Zwanzigerjahren bei seiner Reise nach Amerika? Welche Verbindungen entstehen da? Von wem hält Faulhaber viel? Und bei wem schreibt er nur: "die alte Gans"?

Hubert Wolf, 55, lehrt Kirchengeschichte an der Universität Münster.

(Foto: Wilfried Gerharz)

Die alte Gans?

Das schreibt Faulhaber über eine Baronin Künsberg. Die trifft er 1919. Er schickt sie weg, und im Tagebuch nennt er sie eine "verliebte alte Gans". Als er ebenfalls 1919 eine Baronin Tänzl trifft, schreibt er: "Ich habe Kopfweh und sie plaudert endlos . . . Schrecklich, dieser Strohdrusch."

Faulhaber hat 42 Jahre lang Tagebuch geschrieben. Finden Sie da in seinen Tagebüchern nicht viel Banales?

Doch, schon. Aber wer weiß schon, wie so ein Tagesablauf eines Bischofs ist? Es gab noch nie so ein Ego-Dokument. Und besonders spannend sind die Beiblätter.

Wie meinen Sie das?

Faulhaber hat sich abends hingesetzt und seine Notizen nachträglich erläutert. Ein Beispiel: Am 10. April 1933 kam ein getaufter Jude namens Borchardt zu ihm und klagte, die katholische Kirche tue nichts für die Juden. Da notierte Faulhaber in sein Tagebuch lediglich, dass dieser Mann bei ihm war. Auf einem Beiblatt aber reflektierte er später seine Argumentation: Er fragte, ob nicht ein größeres Übel daraus entstehen würde, wenn die Kirche protestiere? Ob sich dann für die Juden wirklich etwas ändere - oder nicht vielmehr zusätzlich die Kirche, die Jesuiten verfolgt würden? Borchardt habe das nicht einsehen wollen. Und was von seinem Argument moralisch zu halten ist, das merkt Faulhaber selbst. Er schreibt: "Ob es menschlich ist so vorzugehen, ob es gerecht ist, danach wird heute nicht gefragt."

Die Tagebücher sind ab 18 Uhr unter www.faulhaber-edition.de abrufbar. Der Zugang ist kostenlos.