Tod einer Touristin Schutz und Sturz

Wäre der Unfall am U-Bahnhof Sendlinger Tor zu verhindern gewesen? Experten bezweifeln das

Von Dominik Hutter

Eines ist sicher: Gäbe es eine Glaswand mit Türen zwischen Bahnsteig und Gleis, wäre es am Dienstag nicht zu dem tragischen Unfall gekommen, bei dem eine 63-jährige Touristin aus den USA ums Leben kam. Die Frau war ein paar Schritte rückwärts gegangen, um die Zugzielanzeige besser lesen zu können und dabei kurz vor Einfahrt einer U-Bahn aufs Gleis gestürzt. Für Nahverkehrsexperten wie den früheren CSU-Stadtrat Georg Kronawitter oder Andreas Nagel von der Aktion Münchner Fahrgäste ist deshalb klar: Die Münchner U-Bahn muss mit sogenannten Bahnsteigtüren oder aber einem elektronischen System ausgestattet werden, das die Züge automatisch und rechtzeitig zum Stillstand bringt.

Eine "Schande" sei das, wetterte Kronawitter, der sich seit Jahren für Bahnsteigtüren einsetzt. Der einstige Stadtrat ist inzwischen so sauer, dass er sich zu einem gewagten und wohl nicht unbedingt geglückten Vergleich versteigt: Wie es denn sein könne, dass die Stadt einen dreistelligen Millionenbetrag für Brandschutz an Schulen und Kitas ausgebe, obwohl seit 1945 kein einziges Kind durch mangelhaften Brandschutz ums Leben gekommen sei - und gleichzeitig zehn bis 30 totgefahrene Fahrgäste pro Jahr in Kauf nehme?

So einfach wie es Kronawitter darstellt, ist das Problem freilich nicht zu lösen. Elektronische Systeme etwa, wie sie die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) derzeit an den Bahnhöfen Rotkreuzplatz und Studentenstadt erprobt, hätten den Unfall am Sendlinger Tor gar nicht verhindern können. Der Zug war schlicht schon zu nah und hat, wie alle Eisenbahnen, einen sehr langen Bremsweg. Zudem befinden sich die Systeme, die den Gleisraum elektronisch überwachen, noch in der Erprobungsphase. Die musste um ein Jahr bis Mitte 2015 verlängert werden, weil wegen diverser widriger Umstände die Testergebnisse nicht aussagekräftig genug waren. Nach Schätzungen der MVG würde eine Nachrüstung des kompletten U-Bahn-Netzes mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag kosten - die späteren Betriebskosten noch gar nicht berücksichtigt. Die Systeme sind aufwendig und teuer. Schließlich soll kein Zug abgebremst werden, nur weil der Wind eine Zeitung auf die Gleise geweht hat.

Noch teurer wären Bahnsteigtüren. Zwar will die MVG aktuell keine Schätzung abgeben, da die Kosten maßgeblich von bislang ungeklärten Sicherheitsanforderungen abhingen. 2009, als der Stadtrat schon einmal über Bahnsteigtüren diskutierte, war jedoch von rund einer Million Euro je Bahnsteigkante die Rede. Macht zwei bis vier Millionen je Station. In München gibt es 100 U-Bahnhöfe. Wobei man nicht garantieren kann, dass sich die Diskussion auf die U-Bahn beschränkt. Auch an Tram- oder Bushaltestellen kann man unter die Räder kommen - ganz zu schweigen von Tramgleisen auf offener Straße.

Was tun im Notfall?

Im März haben es zwei junge Männer geschafft: Sie kletterten ins Gleis hinab und retteten so einen Betrunkenen, bevor ihn eine U-Bahn überfahren konnte. Die MVG rät dennoch dringend von solchen Aktionen ab. Denn es ist in jedem Fall lebensgefährlich, auf die Schienen zu steigen - der Zug kommt manchmal schneller, als man denkt, zudem verläuft neben den Gleisen eine 750-Volt-Stromschiene. Jedem sollte klar sein: Ein Zug kann nicht so schnell bremsen wie ein Auto. Dafür ist er zu schwer, und Stahl auf Stahl ist auch nicht unbedingt die ideale Kombination fürs Bremsen. Wer Zeuge wird, wie jemand ins Gleis fällt, sollte zunächst den Nothalt ziehen. Dafür gibt es an jedem Bahnsteig zwei deutlich markierte Hebel. Der Nothalt löst entweder eine Schnellbremsung des nächsten Zuges aus oder aber er stellt rechtzeitig die Signale auf Rot. Mit dem direkt daneben angebrachten Notruf können die Fahrgäste Kontakt mit der Leitstelle aufnehmen. Das ist wichtig, um zu erfahren, ob man gefahrlos ins Gleis klettern kann, um einen Verunglückten zu bergen. Die Leitstelle kann veranlassen, dass der Strom ausgeschaltet wird. Fällt man selbst ins Gleis und fürchtet, es vor Einfahren des nächsten Zuges nicht mehr rechtzeitig auf den Bahnsteig zu schaffen, sollte man unter die Bahnsteigkante kriechen. Dort befindet sich auf kompletter Länge ein (vom Bahnsteig nicht sichtbarer) Fluchtraum, der ausreichend Platz bietet, bis die U-Bahn wieder weg ist. Dh

Die Kosten sind aber nicht das einzige Problem. Denn die Bahnsteigtüren müssen natürlich so montiert sein, dass die Türen des Zugs auf gleicher Höhe sind. Das aber ist in München unmöglich, da drei verschiedene Zugtypen mit unterschiedlichen Türabständen unterwegs sind. Ohnehin gibt es laut MVG bislang nur im Ausland Bahnsteigtüren, ein in Deutschland behördlich zugelassenes System existiere nicht. Vor einer Zulassung gelte es zahlreiche Sicherheitsfragen zu klären, schließlich darf die Wand etwa im Brandfall nicht zur unüberwindbaren Barriere werden. Zudem dürften die Bahnsteigtüren nicht dazu führen, dass die Abfertigung der Züge länger dauert. Eine Nachrüstung der Münchner Bahnhöfe wäre jedoch auch technisch und architektonisch aufwendig. Viele Bahnsteige sind leicht gekrümmt - statt einer Lösung "von der Stange" müssten kostspielige Einzelanfertigungen angeschafft werden.

Dass es am Sendlinger Tor oft sehr beengt zugeht, hat bei dem tödlichen Unfall vom Dienstag keine Rolle gespielt. Dieses Problem aber geht die MVG demnächst an. Noch in diesem Jahr beginnen die Vorarbeiten für einen Großumbau der gesamten Station. Eine der Vorgaben dabei: mehr Platz auf den Bahnsteigen.