Tenor Breslik und Pianist Katz im Gespräch "Ein Dirigent kann dich umbringen"

Nackt wie in Brennesseln: Tenor Pavol Breslik und Pianist Amir Katz bereiten sich auf ihren Liederabend vor. Zuvor sprechen sie über Spontanität beim Singen und das manchmal verhängnissvolle Verhältnis zwischen Sänger und Dirigent.

Pavol Breslik, der 32-jährige Tenor aus der Slowakei mit dem jungenhaften Charme und der fünf Jahre ältere in Israel geborene, introvertiertere, hochsensible Pianist Amir Katz, dem ein Inszenieren des eigenen Spiels auf dem Konzertpodium fremd ist: Heute Abend geben die beiden im Prinzregententheater (20 Uhr) einen Liederabend mit den Zigeunerliedern von Antonín Dvorák, Franz Liszts Petrarca-Sonetten und der "Dichterliebe" von Robert Schumann.

Eingespieltes Duo: Pianist Amir Katz (links) und Tenor Pavol Breslik.

(Foto: Klaus Kalchschmid)

SZ: Was war bei Ihnen die Initialzündung für das Singen?

Pavol Breslik: Ich wollte eigentlich Kellner werden! Das Konservatorium habe ich mit 14 gewählt, weil es da keine Mathematik und Physik gab. Aber man hat mich nicht genommen, weil ich noch im Stimmbruch war! Zum Singen kam ich durch einen Zufall: Meine Mutter wollte, dass ich Akkordeon spiele - und ich habe es gehasst! Als ich dann mal mit Freunden im Treppenhaus dieses alten Hauses, in dem das Konservatorium in Bratislava untergebracht war, gesungen habe, hat mich meine spätere Gesangslehrerin entdeckt und dann habe ich zu Hause stolz verkündet: Ich werde jetzt Klavier und Gesang studieren! Ich habe als Bariton angefangen, aber dann entdeckte mein Lehrer, dass die Passaggio-Lage um das f/fis/g anders war als bei Baritonen. Aber erst ganz langsam bin ich ein Tenor geworden!

SZ: Wann stand fest, dass Sie Pianist werden wollen?

Amir Katz: Ich habe spät angefangen, erst mit elf, weil meine Eltern vorher kein Klavier kaufen konnten. Dann war es wie ein Vulkan: Ich habe die Musik sehr ernst genommen und bin drei Monate später schon aufgetreten, mit 15 habe ich das erste Mal mit Orchester gespielt. Mit 19 wusste ich, dass ich nichts anderes machen möchte.

SZ: Gibt es mehr Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen Ihnen?

Katz: Ich liebe das Spontane, Unberechenbare, das Abenteuer, die Überraschung an Pavol, das provoziert ganz bestimmte Seiten an mir. Und wir haben beide diese große Liebe zum Belcanto.

Breslik: Als ich Amir zum ersten Mal vor einem Jahr hier in München traf, dachte ich: was für ein ausgeglichener Mensch, so ruhig, so bedächtig; nur ich habe geredet. Nach einer Stunde hatte ich nichts mehr zu sagen und daraufhin haben wir in der Oper Strauss-Lieder und den "Erlkönig" probiert. Da habe ich gemerkt, wie offen er ist und was für ein phänomenaler Pianist; einer der keine technischen Probleme kennt und auch musikalisch auf alles eingeht, was ich mache: Wir entdeckten sofort, dass die Chemie zwischen uns stimmt.

SZ: Der "Erlkönig", Schubert überhaupt, fehlt bei Ihrem Liederabend ...

Breslik: Für Schubert bin ich einfach noch nicht bereit! Wenn ich Schumann, Dvorák oder Liszt singe, möchte ich mir das Herz herausreissen! Ich lasse immer erst einmal die Musik reden!

Katz: Und ich lasse mich gerne von dem verzaubern, was Pavol macht, auch wenn das in keinem Buch nachzulesen ist und keiner Schule folgt!

Breslik: Aber du sagst dann schon mal zu Recht, das hat sich der Komponist anders gedacht. Aber darüber habe ich mir nie Gedanken macht. Du bist da wirklich der Nachdenklichere von uns beiden und ich bin froh, dass wir uns da so gut ergänzen. Deshalb haben wir über Tempi oder dynamische Angaben schon mal andere Ansichten. "Herzallerliebste mein" in "Das ist ein Flöten und Geigen" möchte ich zum Beispiel ganz innig verzweifelt singen, Amir aber hat im Forte eine Menge Noten, es ist in gewisser Hinsicht der Höhepunkt in der musikalischen Architektur des Ganzen. Die "Dichterliebe" ist überhaupt ein Zyklus für Klavier mit Begleitung eines Sängers. Er redet und singt, aber die Hauptarbeit hat der Pianist.

Katz: Es gibt viele Parallelen zwischen der "Dichterliebe" und den frühen Klavierzyklen von Schumann, die eigentlich "Lieder ohne Worte" sind. Macht man die Pausen zwischen den Liedern zu lang, ist es kein Zyklus mehr, sind sie zu kurz, wird es schwierig, den Wechsel der Stimmungen zu treffen.

Breslik: Beim Konzert sollte man das ganz spontan machen, damit die Spannung zwischen den Liedern anhält.

SZ: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Oper und Lied?

Breslik: In der Oper hat man die Szene und das Orchester, kann man sich hinter Kostüm und Maske verstecken, beim Lied ist man nackt wie in Brennesseln. Es ist sehr gefährlich, weil die Augen und Ohren nur auf diese beiden Menschen gerichtet sind. Aber diese Intimität ist auch schön: man kann ganz von innen heraus, ganz allein und konzentriert eine Geschichte erzählen, muss nicht wie in der Oper herumhüpfen, telefonieren während einer Arie; muss nicht daran denken, wo man hingehen muss, während man singt.

SZ: Wie ist es eigentlich, wenn man keinen so intimen Dialog führen kann wie beim Lied und einen Dirigenten hat, der seinen Kopf durchsetzt?

Katz: Bei vielen Dirigenten kommt man trotz unterschiedlicher Auffassung zu einer gemeinsamen, oft ganz spontanen Lösung, wenn einer alles besser weiß, begleitet man eben das Orchester.

Breslik: Die Kommunikation mit dem Dirigenten ist alles. Aber wenn da jemand stur ist, dann muss ich es auch sein. Wenn ich keine Luft zum Atmen habe, weil es zu schnell ist, oder mir die Luft ausgeht, weil es zu langsam ist, dann muss ich mein Ding machen, damit ich nicht kaputtgehe. Auch wenn das Ergebnis dann nicht stimmt, weil wir immer wieder auseinander sind. Ein Dirigent kann dich zum Star machen oder dich umbringen.

SZ: Haben Sie beide noch einen Lehrer?

Breslik: Ja, meine Lehrerin lebt in Bratislava. Und immer, wenn ich etwas Neues vorbereite, gehe ich zu ihr. Aber auch Amirs genaues Lesen der Noten ist ungeheuer wichtig für mich.

Katz: Ich werde nie vergessen, wie ich die Nocturne von Chopin geübt habe und du mir diese Stücke, die ganz aus der Tradition des Belcanto kommen, vorgesungen hast. Dafür bräuchte ein Lehrer viele Worte!