Reichspogromnacht vor 75 Jahren Eine Stadt gedenkt der Opfer

Erinnerung an dunkle Stunden: Vor 75 Jahren brannten Synagogen. Am Wochenende gedenkt München der Opfer. Die Termine.

Von Thomas Anlauf

Es sind so viele Menschen, die jene Nacht nicht vergessen können. Die Nacht auf den 10. November 1938, als die Nationalsozialisten Hunderte Synagogen anzündeten, jüdische Geschäfte zertrümmerten und Wohnungen zerstörten. In der Folge der Pogromnacht verschwanden etwa 30 000 jüdische Männer in Konzentrationslagern, fast 11 000 davon nach Dachau.

Einer von ihnen war Emil Goldschmidt aus München. Seine heute 91-jährige Tochter Ruth Meros wird im Rahmen eines christlich-jüdischen Gedenkens anlässlich des 75. Jahrestag der Novemberpogrome in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau von ihren Erinnerungen an die Verhaftung des Vaters und an die brennende Synagoge Ohel Jakob berichten.

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler und Ernst Grube, KZ-Überlebender und Vizepräsident der Lagergemeinschaft Dachau, werden die für Holocaust-Opfer entzündeten Kerzen zur Jüdischen Gedenkstätte tragen. Die Gedenkveranstaltung am Sonntag, 10. November, beginnt um 11 Uhr.

Im Saal des Alten Rathauses in München findet am Samstag, 9. November, die zentrale Gedenkfeier mit dem Titel "Jeder Mensch hat einen Namen" statt. Neben Oberbürgermeister Christian Ude, Staatsminister Ludwig Spaenle, Kardinal Reinhard Marx und Regionalbischöfin Breit-Keßler wird auch Charlotte Knobloch unter den Gästen sein. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hatte als sechsjähriges Mädchen erlebt, wie in München die Synagoge brannte und ein Freund der Familie verprügelt und verhaftet wurde. Die Gedenkrede an diesem Abend wird Winfried Nerdinger, der Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums, halten.

Im Anschluss beginnt um 21.30 Uhr am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße die traditionelle Namenslesung. Anlässlich des 75. Jahrestages der Pogromnacht wird die Lesung in diesem Jahr analog zu den damaligen Ereignissen die ganze Nacht bis in die Morgenstunden dauern. Viele bekannte Persönlichkeiten werden die Namen der 4587 Münchner Männer, Frauen und Kinder vorlesen, die wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt und getötet wurden. Zur Einleitung wird der Historiker Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv sprechen. Als Zwischentexte werden Auszüge aus den Polizeiprotokollen sowie Zeitungsmeldungen vom 10. November 1938 verlesen.

Es wird auch zahlreiche weitere Gedenkveranstaltungen an diesem Wochenende geben. Im Spirituellen Zentrum St. Martin an der Arndtstraße in der Isarvorstadt werden etwa am Samstag von 19.30 Uhr an Psalmen und Lieder gesungen, am Sonntag wird von 14 Uhr an bei den Stolpersteinen in der Lindwurmstraße 205 dem jüdischen Ehepaar Gutmann, anschließend an Hausnummer 185 Joachim Both gedacht, dem ersten Todesopfer der Pogromnacht in München.