Publikum und Jury einig Asche für Asche

Andrea Will gewinnt Münchner Kurzgeschichten-Wettbewerb

Von Franziska Rentzsch

In feine Abendgarderobe gehüllt stehen erste Gäste in einem kalten Gang vor einer schweren Tür und warten. Der Putz blättert von den Wänden, über den Boden zieht sich ein Staubfilm. Gearbeitet wurde hier schon lange nicht mehr. Mit der Tür öffnet sich dann ein ganz andere Welt: Weiß eingedeckte lange Tische erstrecken sich bis zur Bühne, schummriges Licht und bereitstehende Kellner laden ein in einen eleganten Festsaal, in dem ebenfalls alles wartet: auf die Gäste, auf die Musik, das Essen, die Literatur.

Was zunächst wie das geheime Treffen einer geschlossenen Gesellschaft wirkt, ist die Publikumslesung des 22. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerbs. Tickets gibt es hierfür keine, knapp 300 Namen stehen auf der Gästeliste, man kennt sich, man weiß, was einen erwartet. Unter anderem, wie immer, eine neue Location: Denn wenn Veranstalter Otger Holleschek zum Einsenden von Kurzgeschichten aufruft, dann ist das der Beginn eines ganzheitlichen künstlerischen Konzepts, an dessen Umsetzung viele kreative Köpfe beteiligt sind. Durch 1300 Geschichten zum Thema "Frontberichte" hat sich die sechsköpfige Jury dieses Mal gelesen und vier davon in die Endrunde gewählt.

Die Musiker Berivan Kaya und Wolfgang Gleixner haben die Endauswahl mit mehreren Stücken musikalisch interpretiert, den Protagonisten darin eine Stimme gegeben, ihnen Songtexte zugeschrieben, mal auf Kurdisch, mal auf Englisch oder Deutsch. Dazu gibt es vier passend kreierte Gänge von Berlin Cuisine. Dieses Mal findet die kulinarisch-musikalische Lesung in der ehemaligen Kantine auf dem alten Postgelände statt. "Wir waren auch schon in einem ehemaligen Frauengefängnis oder in einer Brauerei. Der Ort muss zum Thema passen", sagt Otger Holleschek. Und auch sonst passt alles: Zum Siegertext singt Berivan Kaya über stille Mordgedanken, dazu reicht man schwarzes Risotto, Pastinakenstroh und schwarzen Trüffel: "Aschehäufchen", heißt die Geschichte von Andrea Will, mit der sie an diesem Abend sowohl den Publikums- als auch den Jurypreis gewinnt und 4000 Euro Preisgeld mit nach Hause nimmt.

Für die 36-jährige Pädagogin ist es die erste literarische Auszeichnung. Ihre Geschichte, in der sich die Hauptfigur mit einem Online-Date trifft, sich erst in seinem Interesse zu suhlen und dann zu langweilen beginnt, überzeugt vor allem durch unprätentiösen sprachlichen Witz und Beobachtungsgabe. "Die Geschichte ist nur ein Kapitel aus einem Roman, den ich schon geschrieben habe", verrät Will. Mit der Würdigung durch die Jury (darunter Katrin Lange vom Literaturhaus München und Kathrin Bleuler von der Universität Salzburg) als auch durch das Publikum sollte damit nichts mehr im Wege stehen. "Wir haben schon damit gerechnet, dass sich auch das Publikum für die Geschichte entscheidet", erklärt Bleuler, die seit zehn Jahren in der Jury sitzt. Besonders das Thema Onlinedating sei für viele gut nachvollziehbar. Und auch Autorin Andrea Will kennt sich damit schon aus: "Ich komme aus Berlin. Da gehört das sozusagen zum Usus."

Nachlesen kann man eine Auswahl aller Geschichten von heute an in der "StoryApp" des Kurzgeschichtenwettbewerbs. Mit ihrer Bewertung können hier alle Leser noch einmal gemeinsam den App-Preis vergeben. Ob der dann auch wieder an "Aschehäufchen" von Andrea Will geht, wird sich zeigen.