Protest gegen Luxussanierung Gemeinsam gegen die Yuppies

Die Wut wächst: Erst ging es nur um persönliche Betroffenheit, nun formiert sich in Münchner Vierteln eine gemeinsame Protestbewegung gegen steigende Mieten, den Trend zur Luxussanierung - und den Ausverkauf ganzer Viertel.

Von Sabrina Ebitsch

Sogar der Nikolaus steht fest an der Seite der Gentrifizierungsgegner, sein Mantel leuchtet in der Signalfarbe Magenta. Der Mann hat eine besondere Botschaft. An diesem Freitag soll er um 14 Uhr am Odeonsplatz seine Solidarität bekunden, geplant ist ein Rollenspiel, um auf die Münchner Mietverhältnisse aufmerksam zu machen. Der Nikolaus muss raus aus seinem Haus, so wie viele Bewohner dieser Stadt, die sich ihr altes Zuhause nicht mehr leisten können. Dem bayerischen Ministerpräsidenten will er deswegen seinen Wunschzettel symbolisch überreichen, mit einer ganzen Reihe von Forderungen nach mehr Mieterschutz.

Es ist eine plakative Protestveranstaltung, die sich die "Aktionsgruppe Untergiesing" hat einfallen lassen, um auf sich und ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Vielleicht der Höhepunkt in ihrem bisherigen Kampf gegen die allgegenwärtige Gentrifizierung, gegen steigende Mieten, den Trend zur Luxussanierung, den Ausverkauf ganzer Viertel.

Die Aktion auf dem Odeonsplatz zeigt, dass die Kritik an dieser Entwicklung immer massiver wird. Denn die AG UG, wie sich die Untergiesinger selbst nennen, trifft mit ihren humorvollen, durchaus medienwirksamen Aktionen in Magenta (sozusagen die Vereinsfarbe) ein weit verbreitetes Gefühl in der Stadt.

"Wir wollen uns nicht länger verarschen lassen", sagt Werner Ross. Und er ist nicht allein: Fast ein Dutzend Aktionsgruppen, Mietergemeinschaften, Bürgerinitiativen tragen die Empörung nach draußen, auf die Straße. Ross ist Vertreter einer Initiative, die sich um die Weiterentwicklung der Prinz-Eugen-Kaserne in Bogenhausen sorgt. Viele Gruppen sind auf den ersten Blick klein, agieren aus persönlicher Betroffenheit in ihrer Nachbarschaft. Sie haben Angst vor Investoren, steigenden Mieten, schwindenden Grünflächen.

So ging es los, mittlerweile geht es weiter, in doppelter Hinsicht. Die Stadtviertel-Aktivisten haben festgestellt, dass Größeres im Spiel ist und dass das Spiel ein größeres ist. Über die persönliche Betroffenheit hinaus gibt es eine verbindende Klammer: Es behagt ihnen nicht, was in München passiert und was in Neuvermietungspreisen von mehr als 14 Euro pro Quadratmeter oder in dem Luxusbauvorhaben "The Seven" an der Müllerstraße so offenkundig wird. "München wird langsam zur Gated Community, man kann ja bald die alten Stadtmauern wieder hochziehen", sagt Norbert Ott von der Mietergemeinschaft Türkenstraße polemisch.

"Es gibt ganz viele Ecken, wo es wirklich brennt"

"Die Situation in München eskaliert, es muss etwas passieren", sagt auch Hartmuth Siebert von der Initiative "Bezahlbares Wohnen Schwanthalerhöhe". Sie gründete sich im Frühjahr 2010, als den Moll-Blöcken im Westend eine zwanzigprozentige Mieterhöhung drohte. Ein paar Monate später hatte der Widerstand gegen die Vermieter Erfolg, die Initiative aber blieb bestehen. Weil "das Grundproblem besteht, das ändert sich nicht", sagt Siebert. "Es gibt ganz viele Ecken, wo es wirklich brennt."

Nun setzt sich die Initiative münchenweit für Mieterschutz und entsprechende Gesetzesänderungen ein - etwa die Reduktion der gesetzlich möglichen Mieterhöhung von 20 Prozent oder die Berücksichtigung der Bestandsmieten bei der Berechnung des Mietspiegels. "Die Mieten in München sind ein gesellschaftliches Problem geworden", sagt Andrea von Grolman von der Initiative und warnt vor einem "Exodus aus München" - davon wären vor allem Gering- und Normalverdiener betroffen.

Die Wut wächst. In der Damenstiftstraße in der Altstadt zum Beispiel ist ein denkmalgeschütztes Haus seit Jahren Baustelle und hat für viel Ärger zwischen Bewohnern und Eigentümern gesorgt. Ähnlich empört sind Mieter in Schwabing, wo eine ehemals öffentlich geförderte Wohnanlage von einem Immobilienfonds übernommen wurde. Dort würden die Bewohner nach Angaben der Mietergemeinschaft nicht nur mit Baumaßnahmen, sondern Baufehlern wie undichten Dächern "zermürbt".

Oder in der Türkenstraße, wo der kurz nach dem Eigentümerwechsel entfallene Denkmalschutz den Abriss eines alten Hauses ermöglicht. Selbst in der kreuzbraven Gartenstadt Harlaching regt sich Widerstand: Dort haben Bewohner tausend Unterschriften gegen Mieterhöhungen und die zunehmende Verdichtung ihres noch grünen Viertels gesammelt.

In Laim soll im historischen Ortskern anstelle einer Villa mit altem Baumbestand ein mehrgeschossiger Neubau entstehen. "Wir fürchten einen Präzedenzfall", sagt Carsten Trinitis von der Initiative "Rettet das historische Laim". "Wir wollen nicht, dass ein Garten nach dem anderen zugebaut wird." Zumal dort kein sozialer Wohnraum entstehe, sondern Eigentumswohnungen mit Quadratmeterpreisen von 4000 bis 5000 Euro geplant seien. Trinitis fürchtet "austauschbare Klötze", durch die nicht nur Lebensqualität, sondern auch der Charakter des Viertels verloren ginge.

Es ist diese Sorge und vor allem das Unbehagen angesichts von Gentrifizierung unter Treibhausbedingungen, die die Aktionsgruppe Untergiesing mehr noch als die anderen antreibt. Der Student Max Heisler, geboren und aufgewachsen im Viertel, hat die AG UG gegründet, als die Burg Pilgersheim, das Lieblingslokal vieler Anwohner, schließen musste. "Da ist mir bewusst geworden, was hier passiert." Deswegen haben sie das Logo der Burg, den Retsina-Trinker, auch als Logo übernommen und ihm statt des Glases ein Megafon in die Hand gedrückt.

Seitdem haben er und die Künstlerin Naomi Lawrence Straßenfeste, Demos und Stadtteilführungen organisiert und viele Unterstützer gefunden, von alteingesessenen Giesingern bis zu zugezogenen Studenten. 250 Adressen umfasst ihr Mailverteiler. Sie haben für die Birkenau gekämpft und tun es noch für die Mieter in den staatlichen GBW-Wohnungen. "Wir schimpfen nicht nur, wir gehen ins Detail", sagt Heisler.

Handeln so nicht Münchner Wutbürger?

10.000 Info-Briefe haben sie zusammen mit dem Mieterverein an die Bewohner der GBW-Wohnungen im ganzen Großraum München verteilt, um sie über ihre Rechte bei dem befürchteten Verkauf der Anlagen zu informieren. Noch gehören sie der Landesbank. Die Aktivisten setzen sich für Erhaltungssatzungen ein und in diesen für ein Umwandlungsverbot von Miet- in Eigentumswohnungen, sowie für eine Regionalisierung des Mieterhöhungsrechts. Und vor allem für eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Problematik grundsätzlicher Veränderungen in der Stadt.

Nun könnte man meinen, diese Protestbewegungen seien im Grunde sehr konservativ, weil ihnen Veränderungen suspekt sind. Handeln so nicht Münchner Wutbürger? Es geht aber nicht um Autobahnen und Bahnhöfe. Viele, die die Vertreibung aus der eigenen Wohnung befürchten, sprechen von einer existenziellen Bedrohung. Natürlich sei es nicht sinnvoll, über die Gentrifizierung selbst zu schimpfen, sagt Heisler. Aber wenn es wie jetzt zu schnell passiere, führe das zu einer sozialen Schieflage in der Stadt; dann werde etwas kaputtgehen, das man nicht mehr kitten könne, sagt Lawrence. "Ich will verhindern, dass aus Untergiesing das wird, was aus dem Glockenbach geworden ist: eine gesichtslose, glatte Fassade", sagt sie - und meint damit nicht nur die Häuser.

"Die Bewegung kommt aus allen Vierteln, sie kommt aus der ganzen Stadt", fasst Carsten Trinitis zusammen. Deswegen wollen sich die Initiativen nun vernetzen und ein münchenweites Bündnis gründen. "Einzelaktionen nützen nichts, damit sich was ändert, müssen wir uns zusammenschließen", sagt von Grolman. Im kommenden Jahr wollen sie an die Öffentlichkeit gehen und ihr Netzwerk vorstellen. "Am Anfang war uns unser eigenes Hemd am nächsten", sagt Mieteraktivist Norbert Ott aus der Maxvorstadt. "Es ging um die Türkenstraße, bis wir begriffen haben, dass es um das ganze Viertel geht. Und dann haben wir begriffen: Es geht um München."