Johannes hat schon mit 17 nach mehreren Mädchen gleichzeitig Ausschau gehalten. Aber erst viel später, als er sich in eine vergebene Frau verliebte und gar nicht wollte, dass sie sich von ihrem Partner trennt, hat er gemerkt, dass er polyamor ist. Er sagt: "Ich arbeite im künstlerischen Bereich - da sind die Leute zum Glück offener für solche Lebensentwürfe."

Anzeige

Sex ist nicht das entscheidende Kriterium

Lukas, ein starker junger Mann, bringt sich ständig in die Diskussion ein. Er verspüre eine Sucht nach Nähe, die durch seine schwere Kindheit bedingt sei, sagt er. "Vielleicht wird diese Sucht eines Tages gestillt sein." Die Polyamorie ist für ihn die beste Variante, "da sie mir und den Menschen, die ich liebe, die größtmögliche Freiheit lässt". Eine Freundin von ihm habe drei Liebesbeziehungen und sei ein freier und glücklicher Mensch.

Ob Polyamorie (auch Polyamory) ein Lebensentwurf, eine Veranlagung oder eine Art Sucht ist, können die Anwesenden ebenso wenig erklären wie Wissenschaftler. Die Grenze zwischen einer polyamoren und einer offenen Beziehung ist oft nicht leicht zu ziehen. Polyamorie-Anhänger legen viel Wert auf eine emotionale Bindung zum Partner, Sex gilt nicht als das entscheidende Kriterium. Aber wie misst man Gefühle, Intimität oder Rücksicht? Und ist Polyamorie nicht einfach eine Legitimation für Seitensprünge oder für aufregende Affären - mit dem Vorteil, dass die ganze Geheimnistuerei wegfällt? "Es zählt die Qualität nicht Quantität", sagt Philipp, der eher ein nachdenklicher als ein draufgängerischer Typ ist.

In der Gesellschaft ist das Phänomen Polyamorie weitgehend unbekannt, Philipp und die anderen vermissen deswegen Toleranz für ihre Lebensform. Eine rechtliche Gleichstellung mit monogamen Beziehungen ist Zukunftsmusik. Für Münchner gibt es bislang keine Partnerbörsen im Internet oder Diskoabende nur für Polyamore. "Es ist extrem schwierig, Gleichgesinnte zu treffen", sagt Philipp. Seine Eltern wissen Bescheid über Philipps Lebensform. "Meine Mutter findet es richtig gut", sagt er. "Und mein Vater sagt scherzhaft: 'Du wirst die Richtige schon noch finden.'"

Philipps feste Freundin lebt nicht polyamor, akzeptiert aber seinen Lebensstil. Die zweite Beziehung ist noch recht frisch. Philipp ist nicht sicher, ob die neue Partnerin seine Lebensform letztendlich akzeptieren wird.

Das nächste Treffen der Münchner Polyamoren findet am Freitag, den 17. Oktober im Klenze 17 statt. Weitere Informationen unter www.polyamorie-muc.de.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Sex im Plural
  2. Sie lesen jetzt Sex im Plural
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/af)