Pflege im Krankenhaus Ganz lange Wege

Pflegekräfte verdienen beim Berufseinstieg nicht schlecht. Dann beginnt die Durststrecke. Krankenschwestern wie Manuela Schmied machen das Beste daraus

Von Stephan Handel

Der Toaster erwacht. Schon erleuchtete Fenster pixeln ein Bild des Morgens an die Fassade, die U-Bahn spuckt die Menschen aus; durch den Schneeregen laufen sie hinüber zu diesem Haus der Krankheit und des Todes, der Gesundung aber auch und der Heilung. Im Untergeschoss des Klinikums Großhadern steht Manuela Schmied und malt Marienkäfer auf Plastikbeutel. "Ist einfach netter so", sagt sie.

Manuela Schmied ist Krankenschwester auf der Station K 21, Radioonkologie und Strahlentherapie. Die Verzierung von Kunststoff-Säckchen gehört in mehrfacher Hinsicht nicht zu ihrem Aufgabengebiet: Zum einen ist sie die Stationsleiterin, also eigentlich zuständig für Dienstplan, Organisation und Qualität. Zum anderen findet sich ganz bestimmt in keiner Gebührenordnung eine Regelung, wie viel für künstlerische Tätigkeiten in Rechnung gestellt werden kann. Und überhaupt: Klagen nicht Pflegekräfte landauf, landab und seit Jahren über die Belastung im Beruf, über die Zeitnot, den Stress, alles Umstände, die es ihnen unmöglich machen, ihre Patienten so zu betreuen, wie sie es für nötig halten? 65 000 Pflegekräfte fehlen in Deutschland.

Noch ein paar Punkte, fertig ist der Käfer. Tatsächlich sind die kleinen Verzierungen auf den Beuteln eine Tarnung, denn in ihnen sind die unangenehmen Sachen: Infusionen, Medikamente, Chemikalien, milchig weiße Fett-Emulsionen für die künstliche Ernährung. Wenn also Manuela Schmied oder eine ihrer Kolleginnen die Beutel gleich zu den Patienten bringt, dann bringen sie keine Geschenke, sondern bestenfalls Hoffnung: dass die Medizin vielleicht doch hilft, den Krebs zu besiegen, den Tod zurückzudrängen, dem Leben Raum zu geben. Da kann es nicht schaden, wenn wenigstens die Verpackung ein bisschen nett aussieht.

Um 5. 30 Uhr ist Manuela Schmied aufgestanden zu Hause in Gräfelfing, ist dann - Schneeregen - mit dem Auto zur Arbeit gefahren, nicht mit dem Rad wie sonst. Die Absurditäten des Öffentlichen Dienstes bringen es mit sich, dass die Frühschicht auf der Station um 6.25 Uhr beginnt und um 14.37 endet, während die Spätschicht um 13.20 Uhr anfängt und bis 21.32 dauert. Von 21 bis 6.45 Uhr geht die Nachtschicht. Die Stationsleiterin hat heute den wöchentlichen Bürotag, hauptsächlich, um den Dienstplan zu schreiben und um Formulare auszufüllen. An anderen Tagen tut sie die gleiche Arbeit wie die anderen. Sie würde also jetzt, um 8 Uhr etwa, den ersten Durchgang durch die Patienten-Zimmer beginnen, Tabletten bringen, Betten aufschütteln, bei der Morgentoilette helfen. Checken, wem es gut geht heute und wer vielleicht mehr Hilfe benötigt. Auf dem Stationsflur würde sie dann gerade dem Klinikdirektor Claus Belka über den Weg laufen, der, ein Rudel Ärzte im Gefolge, zum Ritual der Chefarzt-Visite aufbricht. Im Vorübergehen formuliert Belka seine Meinung zur Situation der Pflege: "Die medizinischen Assistenzberufe sind beschissen unterbezahlt."

Manuela Schmied ist eigentlich immer auf Achse.

(Foto: Catherina Hess)

Nun ja. Manuela Schmied ist seit 20 Jahren im Beruf und verdient 2300 Euro netto. Das ist einerseits nicht so schlecht. Andererseits ist sie verantwortlich für 13 Mitarbeiter, zwölf Frauen und ein Mann. Zudem hat sie Zusatzqualifikationen: im Wundmanagement, in der Personalführung, und unterrichten an der hauseigenen Pflegeschule kann sie auch. Aber sie macht weiterhin Nachtdienste, obwohl sie als Chefin dazu nicht verpflichtet wäre: "Sonst fehlen mir 200 Euro." Und die Gefahrenzulage von 90 Euro wegen des Umgangs mit den Chemikalien wurde mit der Beförderung halbiert, obwohl sie nicht weniger damit hantiert als ihre Mitarbeiter.

Zwei Stockwerke höher und Welten entfernt sitzen Helle Dokken und Alfred Holderied, die Pflegedirektorin des Klinikums und ihr Stellvertreter. "Welten entfernt" stimmt, weil die beiden nicht mit gefährlichen Chemikalien umgehen müssen und nicht morgens als erstes erfahren, wer die Nacht überlebt hat und wer nicht. Stimmt aber auch nicht - denn die Probleme der Pflegekräfte und, mehr noch, der fehlenden Pflegekräfte sind ihre, und sie wissen auch recht genau, was eigentlich schief läuft.

Alfred Holderied hat die Personalabteilung des Klinikums bemüht, die hat zwei Beispielrechnungen erstellt: Eine Krankenschwester direkt nach Abschluss der Ausbildung eingesetzt auf einer Allgemeinstation, also ohne zusätzliche Qualifikationen, verdient ein Grundgehalt von 2355,84 Euro. Mit Zuschlägen, Nacht, Samstag, Sonntag, Wechselschicht, ergibt das ein Netto von 1684,66 Euro. Nach fünf Jahren und mit der Zusatzqualifikation für die Intensivstation würde diese Pflegekraft 2326,10 Euro verdienen. Allerdings: Manuela Schmied mit ihren 13 Mitarbeitern verdient in etwa genauso viel. Und das ist das Problem.

Positive Gedanken müssen sein: Manuela Schmied nimmt sich auch an stressigen Tagen Zeit, um Marienkäfer auf Beutel zu malen.

(Foto: Catherina Hess)

Helle Dokken, die Pflegedirektorin, weiß, dass als Reaktion auf einen Pflegekräftemangel vor vielen Jahren das Tarifsystem so umgestaltet wurde, dass die Einstiegsgehälter relativ gut sind - die Steigerungen dann aber bald stagnieren. "Leistung wird nicht bezahlt", sagt sie. Das ist Ursache und Auswirkung gleichermaßen für eine erstaunliche Tatsache: Im Durchschnitt bleiben Pflegekräfte nach der Ausbildung gerade einmal 7,5 Jahre im Beruf, bevor sie sich etwas Neues suchen, Kinder bekommen oder den Kliniken auf andere Weise abhanden kommen.

Von solcher Resignation ist Hannah von Wendorff noch weit entfernt - sie ist ja gerade mal seit zwei Jahren Schülerin an der Pflegeschule des Dritten Ordens in Obermenzing und noch überreich ausgestattet mit dem Enthusiasmus des Beginns. Im Moment hat sie Praxisphase, das wechselt alle paar Wochen mit dem theoretischen Unterricht. An diesem Nachmittag ist gerade Durchgang durch die Zimmer, aus einem kommt die Schwesternschülerin kichernd heraus: Sie hat Fieber gemessen bei einer Patientin, eine andere erkannte das elektronische Gerät nicht, das nur ans Ohrläppchen gehalten wird - und fragte, ob sie denn auch mal so einen Hörtest habe könne.

Hannah von Wendorff ist angestellt beim Dritten Orden, 800 Euro bekommt sie, das geht, weil sie noch bei ihren Eltern in Pasing wohnen kann. Sie absolviert neben der Schule ein Pflegestudium, was ihr die Möglichkeit eröffnet, sich auf Management, Pädagogik oder die Wissenschaft von der Pflege zu spezialisieren. So oder so müsste sie sich um einen Job keine großen Sorgen machen: Rund ein Drittel seiner Schüler übernimmt das Klinikum nach der Ausbildung, die anderen finden leicht andere Anstellungen, wenn sie denn wollen.

Auch Pflegeschülerin Hannah von Wendorff ist mit Enthusiasmus bei der Sache.

(Foto: Robert Haas)

Manchmal hohe Belastung, dann aber auch wieder ruhige Schichten - momentan noch kein Problem für eine junge Frau von 22 Jahren wie von Wendorff. Dass das anders werden kann, weiß Manuela Schmied in Großhadern genau: Sie hat sich zum Spaß mal einen Schrittzähler umgebunden, in einer Schicht ist sie 11,5 Kilometer gelaufen. Helle Dokken, ihre Pflegedirektorin, berichtet, dass der Altersdurchschnitt der Pflegekräfte im Klinikum 2015 zum ersten Mal über 40 Jahre lag - ob das positiv ist (Erfahrung) oder eher doch nicht (fehlender Nachwuchs), weiß sie selbst nicht so recht.

Im Zimmer 12 hat Hannah von Wendorff drei Patientinnen: Mit zweien ist sie schnell durch, ihnen geht's gut, Blutdruck und Fiebermessen, zwei Minuten jeweils, mehr ist nicht nötig. Die dritte Dame hat Schmerzen im Knie, da holt Hannah einen Eisbeutel, dann wird beratschlagt, ob ein Schmerzmittel gegeben werden darf, Ergebnis: Lieber noch den Arzt fragen. Dann braucht die Dame Hilfe beim Gang auf die Toilette, und schon sind zehn Minuten rum. Als sie fertig ist, sagt Hannah, das sei vielleicht das Schöne an ihrem Beruf: "Den Patienten ein Lächeln ins Gesicht zaubern." Und sei's durch einen Marienkäfer auf dem Plastikbeutel, der den Tod besiegen soll.