Passagier bedroht Stewardessen Geiselnahme im Flugzeug

Der Flughafen München. Hierher kehrte am Dienstag eine Maschine zurück, nachdem ein Passagier eine Flugbegleiterin bedroht hatte.

(Foto: Marco Einfeldt)

Gerangel in der Luft: Ein Mann will nicht nach Ungarn abgeschoben werden. Deshalb bedroht er die Stewardessen - und zwingt ein Flugzeug zur Rückkehr nach München. Erst die Polizei überredet ihn zur Aufgabe.

Von Susi Wimmer

Ein 28-jähriger Kosovare, der nach Ungarn abgeschoben werden sollte, hat am Dienstagmittag auf dem Flug von München nach Budapest eine 50-jährige Stewardess mit einer abgebrochenen Rasierklinge bedroht und als Geisel genommen. Aufgrund der kritischen Lage an Bord kehrte der Pilot unverzüglich um und landete wenig später in München. Dort konnten die 76 Passagiere unversehrt die Maschine verlassen, der 28-Jährige blieb mit der Geisel zurück, ließ sich aber wenig später widerstandslos festnehmen. Drei Stewardessen erlitten Verletzungen.

Der Lufthansa-Flug LH 1676 mit Ziel Budapest startete planmäßig: Um 11.23 Uhr hebt der Airbus 320 im Erdinger Moos ab. Doch nur acht Minuten später, muss es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen sein. Denn an Bord befindet sich ein 28-Jähriger, der aus Kosovo stammt. Er soll nach Ungarn abgeschoben werden, wo sein Asylverfahren läuft. Jedes Jahr werden Hunderte Flüchtlinge aus Bayern abgeschoben, sei es in ihr Heimatland, sei es in das Land, das sich für sein Asylverfahren für zuständig erklärt.

Vor mehreren Wochen war er laut Polizei illegal nach Deutschland eingereist und bei einer Kontrolle im Zug von Linz nach Passau erwischt worden. Es war nicht sein erster Versuch, nach Deutschland einzureisen: Es bestand bereits ein Haftbefehl gegen ihn wegen illegaler Einreise. Er sollte 360 Euro bezahlen oder 29 Tage in Haft gehen. Die Schleierfahnder der Polizei nahmen ihn im Zug fest. Anschließend saß er vier Wochen lang in Passau in Haft. Jetzt sollte er zurück nach Ungarn gebracht werden. Bundespolizisten brachten ihn deshalb am Dienstag zum Flughafen, dort setzten sie ihn ohne Begleitung in den Flieger. Offenbar aber wollte der Kosovare alles tun, um eine Rückkehr nach Ungarn zu verhindern.

Der 28-Jährige saß im hinteren Flugzeugbereich. Noch im Steigflug muss er eine 50-jährige Stewardess angegriffen und sie mit einer abgebrochenen Rasierklinge bedroht haben. Zwei Kolleginnen, 50 und 36 Jahre alt, wollten ihr zu Hilfe eilen. Doch der Mann konnte sie abwehren.Eine von ihnen erlitt eine Schnittverletzung an der Hand, eine andere Hämatome. Dann brachte er die 50-Jährige dazu, mit ihm in den Serviceraum im vorderen Teil des Flugzeuges zu gehen, wie Peter Grießer vom Polizeipräsidium Oberbayern berichtet. Dort nahm er die Frau in den Schwitzkasten und fuchtelte ständig mit der Klinge vor ihren Augen herum. Dabei stieß er immer wieder Sätze aus, die weder von den Stewardessen noch von den 76 Passagieren genau verstanden wurden.

Drei Stewardessen leicht verletzt

Eine der Stewardessen verständigte den Piloten, der sich entschloss, den nächsten Flughafen, also München, sofort wieder anzufliegen. Um 11.43 Uhr setzte der Airbus dort auf und rollte ans Terminal 2. Die Passagiere konnten sofort die Maschine verlassen, nur der 28-Jährige blieb an Bord - im Schwitzkasten hatte er noch immer die Stewardess.

Die Flughafenpolizei fand unter den Beschäftigten einen Dolmetscher; gemeinsam mit ihm standen Beamte an der Flugzeug-Tür und redeten mit dem Mann. Als eine Verständigung in der Muttersprache möglich war, beruhigte sich der 28-Jährige zusehends. Er wollte nicht nach Ungarn, wo er sich sehr schlecht behandelt fühlte. Nach Verhandlungen mit der Polizei gab er schließlich auf und ließ sich um 12.27 Uhr widerstandslos festnehmen. Die Stewardess blieb körperlich unversehrt, erlitt aber einen schweren Schock. Während der Verhandlungen war ein Sondereinsatzkommando bereitgestanden, um notfalls die Maschine zu stürmen.

Nun ermittelt die Kriminalpolizei Erding. Sie interessiert, wie es dem 28-Jährigen gelang, eine Rasierklinge an Bord zu schmuggeln, und ob er einen Komplizen hatte. Die 76 Passagiere der "Lindau" reagierten unterschiedlich auf das Geschehen: Viele flogen noch am selben Tag weiter, andere standen unter Schock und wollten kein Flugzeug mehr besteigen.