Offenes Chanten Melodien statt Medikamente

Von Landarzt zum Klangtherapeuten: Wolfgang Friederich änderte mit 50 sein Leben. Heute leitet er das Klangheilzentrum in München. Dort behandelt er Depressionen genauso wie Schulterschmerzen

Von Gerhard Fischer

Heike Brandstetter und Silke Knote legen Papiere auf den Boden. Darauf steht: "Hineh mator uma najin shevet achim gam jachad." Das sei der Text eines Liedes, den die israelische Friedensbewegung singe, sagt Wolfgang Friederich. Er übersetzt: "Oh, wie gut und wunderbar ist es, wenn Brüder und Schwestern in Frieden zusammen sind."

Dann singen die Leute im Saal, sie singen immer wieder die Worte auf dem Papier: Hineh mator uma najin shevet achim gam jachad. "Und jetzt im Kanon", ruft Friederich. Schließlich nehmen sich je zwei Menschen an der Hand und gehen singend durch den Raum. Manche bilden mit ihren Armen Torbogen, unter denen andere hindurch schlüpfen. Zwischendrin wandert Friederich und spielt auf seiner Gitarre.

Es ist ein Mittwochabend Ende Mai. Im Klangheilzentrum am Harras findet "Offenes Chanten" statt. Chanten kann man mit "feierlich singen" übersetzen, es unterscheidet sich vom Mantra-Singen. "Chants sind Lieder aus den spirituellen Kulturen der Welt - inklusive Mantras", sagt Wolfgang Friederich, der Leiter des Zentrums. Mantras hingegen seien Lieder zum Zuhören oder Mitsingen aus der buddhistischen Kultur in Indien, Nepal und Tibet.

Mittwochnachmittag, ein paar Stunden vor dem Chanten. Wolfgang Friederich, 68, führt durch die Räume des Zentrums und redet über die "berufliche Odyssee", die er hinter sich habe, und natürlich über diesen Sonntag, wenn er im City-Kino chanten wird - nach der Vorführung von "Mantra. Sounds into silence. Ein Film über Musik, Meditation und Chanten". Der Film, der am 7. Juni in die Kinos kommt, wird in einer Preview präsentiert. "Er zeigt, was wir machen", sagt Friederich.

An den Wänden des Klangheilzentrums hängen Bilder. Man erkennt die Schauspielerin Jutta Speidel. "Wir singen zweimal im Jahr in der St. Michaels-Kirche für einen guten Zweck", sagt Friederich, "und 2016 haben wir für Speidels Verein Horizont gespendet." Horizont kümmert sich um obdachlose Frauen und ihre Kinder.

Dann geht er weiter zu dem sehr großen Raum, in dem später das "Offene Chanten" stattfinden wird. Er sei kürzlich beim Rundfunk zu Gast gewesen, sagt er; und die Journalistin sei angenehm gewesen, weil sie "diesen unsinnigen Esoterik-Vorbehalt" nicht gehabt habe, dem er oft begegne, wenn er von Klangtherapie, Chanten und Mantras erzähle. "Die heilende Wirkung des Singens ist durch die Forschung ja erwiesen", sagt Wolfgang Friederich.

"Die heilende Wirkung des Singens ist durch die Forschung ja erwiesen", sagt Wolfgang Friederich.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Er sei auch kein Guru. "Ich mag Gurus nicht", sagt er, "da liegt immer die Gefahr drin, dass du dich erhöhst und deine Macht missbrauchst." Leute, die zu ihm kämen, müssten immer frei in ihren Entscheidungen sein.

Friederich erreicht den sehr großen Raum, an dessen Ende - von der Tür aus gesehen - ein sehr großer Gong steht. Auf dem Gong sieht man zwei chinesische Zeichen, sie bedeuten Xu und Wing. "Das heißt Happiness", sagt Friederich. "Es ist ein symphonischer Heilungsgong - er wurde von chinesischen und deutschen Gongschmiedemeistern in jahrelanger Arbeit entwickelt und gehämmert." Der Gong habe eine "fantastische Wirkung", helfe etwa "wunderbar" bei Depressionen. Der Patient könne sich vor oder hinter den Gong setzen und zuhören. "Da werden Prozesse in Gang gesetzt, die nicht vom Bewusstsein oder vom Intellekt gesteuert werden", sagt Friederich. "Die liegen tiefer."

Wolfgang Friederich verlässt den Saal und geht in sein Behandlungszimmer. "Ich bin und war ja praktischer Arzt", sagt er, "aber mir hat dabei immer eine wichtige Dimension gefehlt." Irgendwann sei er dann auf Klangschalen gestoßen. "Die Schalen helfen nicht nur bei seelischen, sondern auch bei körperlichen Beschwerden." So heile er Menschen mit Schulterschmerzen, wenn die herkömmliche Medizin mit ihrem Latein am Ende sei. "Es gibt Phänomene, die wir mit Schulmedizin nicht greifen können", sagt er mit seiner sanften Stimme. Er redet immer ruhig. Hebt nie die Stimme. Er wirkt so ausgeglichen, als würde er in Klangschalen schlafen.

Wolfgang Friederich war etwa 50, als er sein berufliches Leben veränderte. Zuvor war er Arzt, hat bei "Pro Familia" beraten, war Landarzt im Schwarzwald, gründete eine Firma, die Arztpraxen bei der Computerisierung beriet. "Aber vom Herzen her bin ich eigentlich Musiker", sagt er. Friederich spielt Klavier und Gitarre, und er singt, seit er 18 ist.

Mit 50 hatte er eine "schwere Krise", sagt er, die Ehe ging auseinander, und er meinte, er müsse nun etwas für sich tun. Glücklicherweise lernte er einen Kollegen kennen, Wolfgang Bossinger, der indianische Lieder sang. "Da dachte ich mir: Man kann ja alles Mögliche begleiten mit Liedern - der Weg war für mich leicht, ich brauchte nur den Mut, ihn zu gehen."

Diese indische Göttin stand beim Chanten in der Mitte.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Es begann die Zeit, die er als "glücklichste" in seinem beruflichen Leben bezeichnet. Er bildete sich fort, wurde Klangtherapeut und schrieb mit Bossinger das Buch "Chanten. Eintauchen in die Welt des heilsamen Singens". Singen lindere auch Beschwerden bei Tinnitus und steigere die Abwehrkräfte gegen Krankheiten, sagt Friederich. Und Chanten verbinde Menschen; sie erführen "das Wohlgefühl der Gemeinschaft".

Zunächst hatte er eine kleine Gruppe, die sich zum Singen traf. "Die wurde dann immer größer und größer", sagt Friederich. Sie mussten einen größeren Raum mieten, zunächst fanden sie einen am Ackermannbogen, aber als der auch nicht mehr reichte, zogen sie um in die Ötztaler Straße am Harras, wo heute Friederichs Klangheilzentrum ist. Dort arbeiten, neben ihm, einige Kursleiter und seine Assistentinnen Heike Brandstetter und Silke Knote. Im Juni feiern sie das Zehnjährige.

An diesem Mittwochabend, kurz vor 19 Uhr, trudeln die ersten Leute zum "Offenen Chanten" ein, junge und alte - eine ältere Frau ist schon seit 16 oder 17 Jahren dabei. Es sind auch Männer da, das schon, aber es sind doch mehr Frauen. Beim Yoga, zum Beispiel, sind es ja auch deutlich mehr Frauen.

Wolfgang Friederich steht vor den Leuten, es sind mehr als 60, und das mitten in den Pfingstferien, er spielt Gitarre und "Hayo ipsiniya", ein indianisches Lied, mit dem Geburtstage oder Hochzeiten gefeiert werden. Dann folgt "Haida" (zu deutsch: Freude). Jetzt nehmen sich alle an den Händen und tanzen und singen. Man muss das mögen: mit seligem Gesichtsausdruck ewige Wiederholungen singen. "Ich war vom ersten Moment an geflasht", sagt Heike Brandstetter in einer Pause. "Ich wusste sofort: Das ist mein Ding."

Es sei "unglaublich, wie viele Menschen" durch das Singen "vom Denken wegkommen", sagt Wolfgang Friederich. "Je weniger man denkt, umso leichter können die Wiederholungen von Melodien und Worten in einen hinein sinken." Chanten tut nicht nur der Seele gut, sondern auch dem Körper - unter anderem, weil es irgendwie auch Sport ist, weil man tanzt, weil man sich bewegt, weil man hüpft.

Dann setzen sich alle Teilnehmer in einen Stuhlkreis. Friederich spielt ein Gedicht von Wolfgang Borchert: "Was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage Ja!" Die Menschen sprechen es erst nach, dann singen sie es nach. Und irgendwann sinkt es, offenbar, in sie hinein.

Wieder Pause. Jemand macht das Fenster auf. Es ist heiß. Auf einem Tisch steht ein Krug mit Wasser. Die Leute gehen hin, schenken sich ein. Manche lassen sich auch auf die Stühle am Rande des Saals fallen, oder auf das Sofa und die Matratzen. Jeder kann sich ausruhen, auch während des Singens und Tanzens, keiner hat hier Leistungsdruck.

Wolfgang Friederich setzt sich dazu. Er spricht über das Lied der israelischen Friedensbewegung. "Mir war wichtig, etwas Hebräisches zu machen - wegen der politischen Lage dort", sagt er. Gerade war es ja wieder eskaliert zwischen Israelis und Palästinensern, am Grenzzaun zu Gaza.

Am Sonntag wird er im Kino Gitarre spielen und chanten. Friederich spielt schon seit 13 Jahren einmal jährlich im City-Kino, es begann 2004 nach "Wie im Himmel", dem schwedischen Musikdrama. "Der Geschäftsführer war Feuer und Flamme", sagt Friederich, "das war die bis heute einzige ausverkaufte Matinee im City."

An diesem Sonntag, 3. Juni, wird um 11 Uhr im City-Kino in der Sonnenstraße 12 der Film "Mantra. Sounds into silence" gezeigt. Danach spielt Wolfgang Friederich Gitarre und singt - er wird diesmal von einem Bassisten, einem Trommler und einem Harfespieler begleitet.