"NS-Dokumentationszentrum München" Heftiger Streit um ein Kürzel

Stadtrat beschließt den Namen "NS-Dokumentationszentrum München" - gegen die SPD und die Argumente von Zeitzeugen.

Von Franz Kotteder

Es ist so weit, das Kind hat endlich einen Namen: "NS-Dokumentationszentrum München - Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus" wird es heißen. Nach einer einstündigen Diskussion - vorausgegangen waren zwei Sitzungen, bei denen das Thema vertagt worden war - sprach sich der Kulturausschuss des Stadtrats gegen die Stimmen von SPD und Oberbürgermeister Christian Ude für diese Bezeichnung aus. Die Sozialdemokraten und das städtische Kulturreferat hatten Bedenken gegen das vorgeschaltete Kürzel "NS" geäußert. Das sei schließlich die Abkürzung für "nationalsozialistisch", somit "Tätersprache" und überdies im Ausland weder gebräuchlich noch verständlich. Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) ging es vor allem um die internationale Bedeutung: Man wolle nicht als "nationalsozialistisches Zentrum" missverstanden werden.

Ähnlich hatte zuvor das wissenschaftliche Team des Dokumentationszentrums und Gründungsdirektorin Irmtrud Wojak in einer Stellungnahme argumentiert. Auch Ude schloss sich dem an und führte die Meinung des Kuratoriums ins Feld, das sich, bei einer Gegenstimme, für den Namen ohne den Zusatz "NS" ausgesprochen habe. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), habe ihn für "absolut ungeeignet" erklärt, da es sich um Tätersprache handele. Ude: "Die Meinung der Präsidentin, von Theo Waigel, Hans-Jochen Vogel und Max Mannheimer, dem Sprecher der Lagergemeinschaft Dachau, halte ich für sehr bedeutsam, auch wenn die Namensfrage für mich kein unglaublich wichtiger Kampf ums Selbstverständnis ist."

Siegfried Benker von den Grünen argumentierte mit dem allgemeinen Sprachgebrauch. Der Begriff habe sich längst eingebürgert, selbst die zuständige Abteilung im Kulturreferat trage genau diese Bezeichnung, nämlich "NS-Dokumentationszentrum". Obendrein hätten sich sowohl Initiativkreis wie politischer Beirat einstimmig für diesen Namen ausgesprochen, der wissenschaftliche Beirat immerhin noch mit Mehrheit. Und im Ausland, so Benker, werde sicher niemand annehmen, München wolle ein Zentrum zur Verherrlichung der NS-Zeit errichten: "Selbst der blödeste Neonazi kapiert doch, dass es hier um die Analyse des Terrors geht."

CSU-Stadtratskollege Marian Offman, der auch einer der beiden Vizepräsidenten der IKG ist, pflichtete ihm bei. Auch in der Kultusgemeinde gebe es unterschiedliche Meinungen, sagte er. Ihm sei es wichtig, dass auch im Kurztitel schon klar werde, worum es gehe: "Es darf auch nicht der Eindruck entstehen, dass wir schamhaft etwas verschweigen." Gegen diesen - so eigentlich nicht geäußerten Vorwurf - verwahrte sich Kulturreferent Küppers dann noch "aufs Schärfste". An der Entscheidung änderte das freilich nichts mehr. CSU, Grüne, FDP, Linke und Bayernpartei überstimmten schließlich Ude und die SPD.

Das wissenschaftliche Team des Dokumentationszentrums kritisierte die Entscheidung des Stadtrats Stunden nach der Sitzung in einer öffentlichen Erklärung ungewöhnlich heftig. Nicht nur, weil die Argumente des Teams kein Gehör gefunden hätten. Die Debatte sei geradezu ein Lehrstück dafür gewesen, "dass das Wort der Zeitzeugen kein Gehör mehr findet, wenn parteipolitische Überlegungen im Spiel sind". Das "Ausspielen der Zeitzeugen" habe "etwas zutiefst Beschämendes an sich" und lasse "das Schlimmste fürchten für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus".