Neues Kreativquartier in München "Echtes Experiment"

Das künftige Kreativquartier ist für die Stadtplaner ein Experiment.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • In der Stadt soll auf 20 Hektar Fläche an der Dachauer-/Schwere-Reiter-Straße ein Kreativquartier entstehen.
  • In diesem Quartier sollen künftig vor allem professionelle Kulturschaffende arbeiten.
  • Die Kritik, dass dieses Areal zu einem neuen In-Viertel mit teueren Wohnungspreisen werde, wies Kulturreferent Hans-Georg Küppers zurück.
Von Franz Kotteder

Wie verhindert man, dass ein Viertel für Kreative irgendwann auch ein teures Viertel wird? Diese Frage stellt sich auch der Stadt im künftigen Kreativquartier an der Dachauer-/Schwere-Reiter-Straße. Denn dort, auf rund 20 Hektar Fläche, soll in den nächsten Jahren ein neues Viertel entstehen, in dem vor allem Künstler, Kulturschaffende und andere Kreative unterkommen sollen. Für die Stadtplaner ist das "ein echtes Experiment", wie Stadtbaurätin Elisabeth Merk am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion im Gasteig meinte. Aber ein schönes: "Wir haben das zum ersten Mal so gemacht, in enger Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat, und es hat wunderbar funktioniert."

Das konnte auch Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) bestätigen: "Auch wenn dieser Weg manchmal mühsam ist, er lohnt sich." Das Thema des Abends lautete: "Stadt kreativ denken", und es sollte vor allem um das künftige Kreativquartier und die Stadtteilkultur gehen. Die Volkshochschule als Veranstalter hatte dazu auch Dorothea Kolland, die ehemalige Kulturamtsleiterin von Berlin-Neukölln, eingeladen. In dem Stadtteil mit 320 000 Einwohnern leben 165 verschiedene Nationalitäten, "es handelt sich da zum Teil um komplett unterschiedliche Welten". In der Kulturarbeit sei es dann darum gegangen, dass die verschiedenen Gruppen diese Unterschiedlichkeit akzeptierten und ernst nahmen. Kolland: "Die Bewohner sollten ihre Wünsche und Bedürfnisse auch über die Stadtteilkultur zum Ausdruck bringen können."

Das künftige Kreativquartier ist für die Stadtplaner ein Experiment.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Hier herrscht permanenter Wandel"

Ein Konzept, das auch Küppers vertritt: "Eine Stadt ist kein Museum, hier herrscht permanenter Wandel." Die Differenzen müsse man wahrnehmen und auch möglich machen. In dieser Hinsicht sei Kulturpolitik auch gestaltende Stadtentwicklung. Er lege großen Wert darauf, dass "die kulturellen Leuchttürme wie die Philharmoniker, die Kammerspiele und das Lenbachhaus auch draußen in den Stadtvierteln leuchten". Das geschehe zum Beispiel auch im neuen Kulturzentrum 2411 an der Grenze zwischen den beiden Stadtvierteln Hasenbergl und Milbertshofen. Dessen Leiterin Kathrin Göttlich sprach von einem "bunten und vielfältigen Viertel", in dem Einfallsreichtum gefragt sei. Aus einem Sinti- und Roma-Fest vor zwei Jahren habe sich etwa ein Theaterstück, eine Musikgruppe und später dann gar ein eigenes Musiklabel entwickelt. Den Anstoß dazu aber habe die Kulturarbeit am Ort geliefert.

Im künftigen Kreativquartier an der Dachauer Straße werden hingegen vorwiegend professionelle Kulturschaffende arbeiten. Kolland sah das etwas skeptisch. Sie berichtete aus Neukölln von billigen Wohnquartieren, in denen sich bevorzugt Künstler ansiedelten: "Diese Ecken wurden dann zum In-Viertel, und die Künstler konnten sich die Wohnungen und Ateliers dort nicht mehr leisten."

Küppers sah diese Gefahr für das Kreativquartier nicht, denn das Areal befindet sich im Besitz der Stadt, "und Profitmaximierung ist nicht unsere Aufgabe, wir haben uns am Gemeinwohl zu orientieren". Laut Stadtbaurätin Elisabeth Merk überlegt man gerade, wie sich ein möglicher Aufwertungsdruck verhindern lässt: "Man kann dort Grundstücke zum Beispiel nur im Erbbaurecht vergeben. Das wäre ein Weg."