Münchner Bahnhofsviertel Konsumtempel vs. Bahnhofsviertel

Wickenhäuser sagt, der Verein habe schon einiges erreicht, und damit meint er nicht nur den Christbaum, der am heutigen Samstag in der Goethestraße aufgestellt wird, um "die Botschaft des friedlichen Miteinanders von Religionen, Kulturen und Nationen" in die Welt respektive das Bahnhofsviertel zu bringen.

Im vergangenen Jahr haben sie es geschafft, die Immobilienbesitzers des Quartiers - zumindest 40 von ihnen - zusammenzubringen, und ihnen die Selbstverpflichtung abgenommen, wenigstens ihre Erdgeschosse nicht mehr an Spielcasinos zu verpachten. Gerhard Strunz ist das vermutlich egal, denn sein "City Play" an der Bayerstraße liegt sowieso im ersten Stock und ermöglicht einen atemberaubenden Ausblick auf Straßenbahnhaltestelle und Currywurststand.

Und dass die Casinos, so sie noch ebenerdig situiert sind, ihre Fenster mit undurchsichtigen Folien verklebt haben, dafür können ja die Casinos nichts, sagt Strunz - das sei Gesetz, weil der vorbeiflanierende Passant nicht durch den Anblick der Automaten zum Eintreten verleitet werden soll, was offenbar unmittelbare Spielsucht zur Folge hätte. Wickenhäuser kritisiert genau diese Form der Fassadengestaltung: Vor einem zugeklebten Fenster halte sich ja niemand auf, der Platz werde somit dem öffentlichen Leben entzogen.

Vor einem Sexshop steht eine Puppe in weihnachtlichtem Kostüm.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nun ja - beim Rundgang durch Goethe- und Schillerstraße sieht es nicht so aus, als ob das öffentliche Leben verklebte Fenster panisch fliehen würde: Überall stehen Menschen auf der Straße, rauchen, unterhalten sich. Der Vorwurf Wickenhäusers zeigt aber, von anderer Warte aus betrachtet, den Kern des Problems:

Wird nicht seit Jahren öffentlicher Raum der Öffentlichkeit entzogen, indem an allen Ecke, Enden und Zentren der Stadt Shopping Malls entstehen, die ja nichts anderes sind als überdachte Einkaufsstraßen, mit dem Unterschied, dass in ihnen die Hausordnungen privater Unternehmer gelten statt dem Recht des öffentlichen Raums? In ihnen haben Spielcasinos keinen Platz, auch nicht Sex Shops und Tabledance-Bars, und erst recht keine Bettler und keine Obdachlosen. Diese Plätze sind nicht zum Herumhängen gedacht, sondern zum gezielten Konsumieren, rein, aussuchen, bezahlen, fertig. Besuche ohne Konsum sind nicht vorgesehen.

Aber sauber ist es dort, ungefährlich und grammatikalisch korrekt - nicht so wie im Bahnhofsviertel, wo einer der zahlreichen Import/Export-Läden sein verwegenes Sortiment mit Aufklebern anpreist, unter anderem gibt es Elektro Artikeln, Hausartikel Waren und Geschenk Waren. Hier starb vor wenigen Jahren eine Prostituierte in der Videokabine einer Spielhalle, hier fuhr Rudolph Moshammer mit dem Rolls Royce herum und fragte junge Männer nach dem Weg und anderem.

Eine Teilnehmerin des Rundgangs sagt zu Gerhard Strunz, sie habe Angst vor den Spielsüchtigen, wegen der Beschaffungskriminalität - eine irrationale Furcht, denn die meisten Studien zeigen, dass Spielsüchtige, wenn sie denn kriminell werden, eher nicht zu Gewalt neigen, sondern zu Betrug und Unterschlagung.