Münchner Bahnhofsviertel Reizende Gegend

Okay, schön ist anders. Und so manch einer verliert hier sein mühsam erspartes Geld, ohne dass der Verstand das registriert. Trotzdem ist das südliche Bahnhofsviertel eine Attraktion - und ein Ort, an dem sehr viele unterschiedliche Menschen ihr Glück suchen.

Von Stephan Handel

Spielhallen, Hotels und Nachtclubs: Bei vielen Menschen hat das Bahnhofsviertel keinen guten Ruf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Neulich, da hat er 1800 Euro verloren in nur wenigen Stunden. Zwei Euro rein, wieder zwei und noch einmal, geflucht und gewartet und noch einmal nachgeschmissen. Dann war das Geld weg, sagt der junge Türke, und dass er 1900 Euro verdient im Monat, inklusive Nebenjob. Einen Monatsverdienst hat der Automat gefressen, "die Frau hätt' mich fast rausgeschmissen". Er zuckt mit den Schultern. "Kann passieren." Dann geht er vor die Tür, um den Tabakgeruch aus seinem Mund aufzufrischen.

Teppichböden, Topfpflanzen, Spiegel, Säulen, dunkles Holz an den Wänden - die "Casinothek" in der Schillerstraße tut das Möglichste, nicht als das zu erscheinen, was sie ist: ein Münzgeld-Grab, ein Hoffnungsvernichter, ein Verlust-Reich. Zwölf Geldspielautomaten blinken und piepsen, dazwischen steht eine Gruppe von Menschen, die aussieht, als sei der Landfrauenausflug versehentlich im Puff gelandet. Da nützt es auch nichts, dass Mehmet Celikoglu, der Geschäftsführer, Schnittchen servieren lässt.

Es ist nämlich so, dass das südliche Bahnhofsviertel, dieses nur drei Längs- und fünf Querstraßen zählende Plätzchen zwischen Bayer-, Sonnen-, Landwehr- und Paul-Heyse-Straße zwar über 30.000 Arbeitsplätze verfügt, aber ebenso über 3000 Menschen, die hier wohnen, und die sich um ihr Viertel genauso Gedanken machen wie der Sendlinger oder der Giesinger.

Deshalb haben einige Aufrechte unter ihnen vor ein paar Jahren einen Verein gegründet, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, "die Quartiersidentität und das Quartiersbewusstsein nach Außen als auch nach Innen fördern". Dies soll heute geschehen durch eine Exkursion an Orte, die die meisten Teilnehmer wohl eher nicht freiwillig betreten würden: Spielcasinos sollen besichtigt werden.

"Sagen'S halt nicht immer Spielhölle", fährt Gerhard Strunz in freundlichem Ton Fritz Wickenhäuser an, womit die beiden Protagonisten - um nicht zu sagen: Antagonisten - auch schon vorgestellt sind: Strunz, "Automaten Strunz GmbH", betreibt drei Spielcasinos im Bahnhofsviertel, weitere in der Stadt und der Umgebung und ist außerdem Mitglied im Vorstand des Bayerischen Automatenverbandes. Fritz Wickenhäuser, der neben einem Regenschirm auch einen Professorentitel trägt und so aussieht, als sei für ihn das Wort "soigniert" erfunden worden, war Hotelier mit mehreren Standorten im Bahnhofsviertel, das Unternehmen wird heute von seiner Tochter Kathrin geführt.