München: Kriegsverbrecher-Prozess 18 Monate Ringen um die historische Wahrheit

Im Gerichtsraum sind auch einige Nebenkläger anwesend. Als das Urteil gesprochen ist, setzt ein verhaltenes Reden im Raum ein, einige nehmen sich in die Arme. Manche blicken zu Boden und haben die Hände gefaltet. Insgesamt sind mehr als 30 Nebenkläger während des Verfahrens aufgetreten, darunter viele Angehörige der in Sobibor verstorbenen NS-Opfer.

Während des Prozesses haben sie in bewegenden Worten geschildert, wie sehr sie die Geschehnisse noch heute belasten. Ihnen geht es nicht um eine möglichst hohe Haftstrafe für Demjanjuk - sie wollen wissen, was damals in Sobibor geschah.

Auf den Tag genau vor zwei Jahren, am 12. Mai 2009, war der aus den USA abgeschobene Demjanjuk mit einer Sondermaschine auf dem Münchner Flughafen gelandet und ins Gefängnis Stadelheim gebracht worden. Dort wartet er seitdem auf das Urteil.

Iwan Demjanjuk wurde am 3. April 1920 als Sohn eines Bauern in der Ukraine geboren. 1942 geriet der Rotarmist bei der Schlacht von Kertsch in deutsche Kriegsgefangenschaft. Dort will er eigenen Angaben zufolge bis 1944 geblieben sein. Nach Überzeugung des Gerichts ließ sich Demjanjuk jedoch 1942 als Kriegsgefangener von der SS als "fremdvölkischer Hilfswilliger" anwerben.

Unter anderem wurde er zwischen Ende März und Mitte September 1943 im Vernichtungslager Sobibor als Wachmann eingesetzt. Später tat er Dienst im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Von Deutschland aus emigrierte Demjanjuk 1952 in die USA, dort nannte er sich John und baute sich im Bundesstaat Ohio eine Existenz als Automechaniker auf.

Bereits seit 35 Jahren befindet er sich im Visier der Ermittler. In Israel wurde Demjanjuk 1988 zum Tode verurteilt - als "Iwan der Schreckliche" aus dem Vernichtungslager Treblinka. 1993 wurde er allerdings vom Obersten Gerichtshof in Jerusalem freigesprochen. Der Grund: Demjanjuk war verwechselt worden.

Der Prozess in München hatte am 30. November 2009 begonnen und endet nun am 93. Verhandlungstag - nach einem 18 Monate dauernden Ringen um die historische Wahrheit. In einem aufwendigen Indizienprozess wurde geprüft, wo der Angeklagte während des Zweiten Weltkriegs war und was er in dieser Zeit genau machte. Das Schwierige: Es gibt keine Holocaust-Überlebenden aus Sobibor, die eine konkrete Tat Demjanjuks bezeugen könnten.