Süddeutsche Zeitung

München: Kriegsverbrecher-Prozess:John Demjanjuk - verurteilt, aber frei

Wegen der Beteiligung am Mord an 28.060 Juden im KZ Sobibor verurteilt das Münchner Landgericht den 91-jährigen Ex-Wachmann John Demjanjuk zu fünf Jahren Haft. Die Angehörigen der Opfer sind erleichtert - doch erst einmal kommt der Verurteilte frei.

Robert Probst und Lisa Sonnabend

John Demjanjuk ist schuldig gesprochen worden wegen eines Verbrechens, das schwerer nicht wiegen könnte: gemeinschaftlicher Mord an 28.060 Juden. Doch der Verurteilte sitzt regungslos da, als er dem Richter ins Gesicht blickt: Die eine Hand ruht auf der Lehne, der Kopf ist leicht gebeugt, die Sonnenbrille verdeckt die Augen.

Dann wird der 91-Jährige in seinem Rollstuhl an den Rand des Gerichtssaales gefahren und in das Krankenbett gelegt. Am Münchner Landgericht ist der Prozess gegen Demjanjuk zu Ende gegangen. Fünf Jahre Haft, so lautet das Urteil des Gerichts - mit einem Freispruch hatte zuvor ohnehin kaum jemand gerechnet. Damit ist der wohl letzte große Prozess zur NS-Geschichte, zumindest vorerst, beendet.

Bis das Urteil rechtskräftig ist, kann Demjanjuk jedoch die Haftanstalt Stadelheim verlassen. Das Gericht begründet die Entscheidung mit dem hohen Alter des Angeklagten und der Tatsache, dass das Urteil noch nicht rechtskräftig sei. Der Verurteilte muss jedoch in Deutschland bleiben.

Richter Alt sagt in seiner fast dreistündigen Urteilsbegründung, das Gericht sei überzeugt, dass Demjanjuk vom 27. März bis Mitte September 1943 im Vernichtungslager Sobibor Wachdienste leistete und bei der Ermordung von mindestens 28.060 Menschen mitgewirkt hat.

Grausame Details aus dem Vernichtungslager Sobibor werden im nüchternen Gerichtssaal des Münchner Justizgebäudes in der Nymphenburger Straße vorgetragen. Richter Alt beschreibt, wie die Häftlinge in die Gaskammern getrieben wurden, wie sie verzweifelt versuchten, die Türen von innen zu öffnen - und wie nach einer Phase der Bewusstlosigkeit schließlich der Tod eintrat.

Die von der SS angeworbenen Trawniki-Wachmänner - darunter nach Überzeugung des Gerichts auch Demjanjuk - seien bei allen Phasen im Lager Sobibor beteiligt gewesen, sagt Alt. "Sie spielten eine wesentliche Rolle bei der Vernichtung der Juden." Allen Trawniki-Männern sei klar gewesen, was geschah. Und wenig später sagt der Richter noch deutlicher: "Der Angeklagte war Teil der Vernichtungsmaschinerie."

Alt zählt auch die Namen der Verstorbenen von Sobibor auf, deren Verwandte im Gerichtssaal sitzen. Mehr als 20 Minuten dauert es, so viele Namen sind es. Immer wieder macht der Richter Pausen und wartet, bis die Übersetzerin, die neben Demjanjuks Bett sitzt, soweit ist. Es sei ein normales Schwurgerichtsverfahren, betont Alt, das nach denselben Regeln ablaufen würde wie alle anderen auch: "Es sitzt hier kein Volk auf der Anklagebank, sondern ein Mann."

18 Monate Ringen um die historische Wahrheit

Im Gerichtsraum sind auch einige Nebenkläger anwesend. Als das Urteil gesprochen ist, setzt ein verhaltenes Reden im Raum ein, einige nehmen sich in die Arme. Manche blicken zu Boden und haben die Hände gefaltet. Insgesamt sind mehr als 30 Nebenkläger während des Verfahrens aufgetreten, darunter viele Angehörige der in Sobibor verstorbenen NS-Opfer.

Während des Prozesses haben sie in bewegenden Worten geschildert, wie sehr sie die Geschehnisse noch heute belasten. Ihnen geht es nicht um eine möglichst hohe Haftstrafe für Demjanjuk - sie wollen wissen, was damals in Sobibor geschah.

Auf den Tag genau vor zwei Jahren, am 12. Mai 2009, war der aus den USA abgeschobene Demjanjuk mit einer Sondermaschine auf dem Münchner Flughafen gelandet und ins Gefängnis Stadelheim gebracht worden. Dort wartet er seitdem auf das Urteil.

Iwan Demjanjuk wurde am 3. April 1920 als Sohn eines Bauern in der Ukraine geboren. 1942 geriet der Rotarmist bei der Schlacht von Kertsch in deutsche Kriegsgefangenschaft. Dort will er eigenen Angaben zufolge bis 1944 geblieben sein. Nach Überzeugung des Gerichts ließ sich Demjanjuk jedoch 1942 als Kriegsgefangener von der SS als "fremdvölkischer Hilfswilliger" anwerben.

Unter anderem wurde er zwischen Ende März und Mitte September 1943 im Vernichtungslager Sobibor als Wachmann eingesetzt. Später tat er Dienst im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Von Deutschland aus emigrierte Demjanjuk 1952 in die USA, dort nannte er sich John und baute sich im Bundesstaat Ohio eine Existenz als Automechaniker auf.

Bereits seit 35 Jahren befindet er sich im Visier der Ermittler. In Israel wurde Demjanjuk 1988 zum Tode verurteilt - als "Iwan der Schreckliche" aus dem Vernichtungslager Treblinka. 1993 wurde er allerdings vom Obersten Gerichtshof in Jerusalem freigesprochen. Der Grund: Demjanjuk war verwechselt worden.

Der Prozess in München hatte am 30. November 2009 begonnen und endet nun am 93. Verhandlungstag - nach einem 18 Monate dauernden Ringen um die historische Wahrheit. In einem aufwendigen Indizienprozess wurde geprüft, wo der Angeklagte während des Zweiten Weltkriegs war und was er in dieser Zeit genau machte. Das Schwierige: Es gibt keine Holocaust-Überlebenden aus Sobibor, die eine konkrete Tat Demjanjuks bezeugen könnten.

"Es ist für mich zu Ende"

Mehr als 100 Ordner mit historischen Schriften, Protokollen und Akten und eine Datenbank mit mehr als 70.000 Dokumenten standen der Schwurgerichtskammer des Landgerichts zur Verfügung. 20 Zeugen und Sachverständige, Historiker, Schriftgutachter, Archivare und Militärexperten wurden gehört.

Die Staatsanwaltschaft in München hatte ihren Vorwurf vor allem auf den Dienstausweis Demjanjuks gestützt, in dem vermerkt ist, dass er nach Sobibor abkommandiert worden sei. Ihr Argument: Weil das Lager Sobibor zur planmäßigen Ermordung von Menschen diente, hat sich jeder mitschuldig gemacht, der dort Dienst tat. Demjanjuk hätte die Möglichkeit gehabt, aus dem Lager zu fliehen - sie jedoch nicht genutzt. Das Gericht schloss sich dieser Argumentation an.

Zu den Verhandlungen wurde Demjanjuk in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren, oft nahm er in einem Krankenbett Platz. Fast immer hatte er die Augen geschlossen und den Mund halb geöffnet - und schien dem Geschehen nicht zu folgen. So auch am Tag der Urteilsverkündung: Der Kopf ist gebeugt, die Schultern hängen herunter. Zwei Sanitäter heben ihn aus dem Rollstuhl, setzen den zittrigen Mann ins Bett, sie ziehen ihm die olivgrüne Jacke aus, dann seine Schuhe - und legen ihm schließlich die Decke über. Die Sonnenbrille behält Demjanjuk auf.

Während des gesamten Prozesses macht Demjanjuk keine Angaben zu den Vorwürfen. Er schweigt, eineinhalb Jahre lang. Ob er noch etwas sagen wolle, wird er am Donnerstag vom Richter gefragt. "Nein", übersetzt die Dolmetscherin. Die Stimme Demjanjuks ist zu leise, um sie im Gerichtssaal zu hören.

Der umstrittene Wahlverteidiger Ulrich Busch dagegen redete während der Prozessdauer umso mehr. Er stellte zahllose Anträge und handelte sich dadurch den Vorwurf der Prozessverschleppung ein. Bei den Verhandlungen kam es immer wieder zu lauten Auseinandersetzungen zwischen Busch und dem Richter.

Buschs Schlussplädoyer zog sich über fünf Tage hin - und endete erst am Mittwochnachmittag. Dann stellte er noch ein paar Anträge, die Richter Alt jedoch am Donnerstagvormittag mit deutlichen Worten abschmetterte: nicht entscheidungserheblich, nicht beweisführend, ins Blaue hinein behauptet.

In seinem Plädoyer hatte der Verteidiger für Freispruch plädiert. Busch ist davon überzeugt, dass das US-Justizministerium und interessierte Kreise in Israel die treibenden Kräfte dieses Prozesses sind. Er sagt, es gebe keinen Beweis, dass Demjanjuk an dem Vernichtungsprozess in Sobibor beteiligt war. "Der wahre Täter heißt Deutschland - das Schreckliche." Denn Deutschland habe die Grundlage für die Verbrechen geschaffen. Busch kündigte nach dem Urteil sofort an, in Revision einzulegen. Der Fall Demjanjuk geht somit weiter.

Im Gerichtssaal sitzt auch Jan Goedel. Er verlor seine Eltern und Großeltern während des Holocaust. Nach dem Urteil sagt Goedel: "Es ist Gerechtigkeit." Dann schluchzt er plötzlich, stemmt die Hand in die Hüfte und sagt: "Für mich ist es jetzt zu Ende."

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