Moderne Schatzsucher Der Schatz im Marmeladenglas

Schnitzeljagd für Technikfans: Mit einem GPS-Empfänger machen sich Geocacher auf die Suche nach geheimen Verstecken.

Von Hendrik Maaßen

Heidi, Marcel, Frank und Mathias stehen vor einem heruntergekommenen Haus am Stadtrand von München. Auf dem Gelände einer verlassenen Ziegelei suchen sie nach einem Schatz. Vorsichtig späht Marcel Wolf durch eine halboffene Tür in das marode Gebäude. Im gleichen Moment schaut ein bärtiger Mann aus einem Fenster im ersten Stock. Er hält eine Kamera in der Hand. "Sucht ihr auch nach Foto-Motiven?", fragt er, doch um gute Bilder geht es Frank Frohberg, Heidi Ziegelmayer und Mathias Haushofer an diesem Tag nicht. "Wir machen so eine Art Schnitzeljagd", sagt Frank. Der Hobby-Fotograf schaut etwas ungläubig. Vier erwachsene Menschen Ende 20 widmen sich noch immer dem Spiele-Klassiker längst vergangener Kindergeburtstage?

Nur mit Hilfe eines Navigationsgeräts machen sich die Geocacher auf die Suche nach Schätzen.

(Foto: Foto: dpa)

Marcel Wolf fängt an zu erklären, und schon am ersten Satz erkennt man, dass er das häufiger tun muss. "Das Ganze nennt sich Geocachen und ist eine Schatzsuche mit Hilfe eines GPS-Empfängers. Wir haben nur die Startkoordinaten und müssen hier vor Ort Rätsel lösen." Mit den richtigen Antworten können die Geocacher dann die Endkoordinaten ausrechnen - und das Navigationssystem führt sie zu einem "Schatz". Nach den Regeln der Geocacher sollten sich die Schatzsucher beim Suchen möglichst nicht beobachten lassen und nichts von der Suche erzählen. Sonst verschwinden die kleinen Schätze vielleicht später.

Rätsel verrät die Ziel-Koordinaten Über 100.000 versteckte Film- oder Tupperdosen, Einmachgläser oder Metallkisten soll es in Deutschland mittlerweile geben - ungefähr 500 davon sind im Stadtgebiet München zu finden. In Parks und an der Isar, in Hinterhöfen und am Flughafen, an Badeseen und in der Innenstadt. Alle Schätze sind mit einem mehrsprachigen Hinweis versehen, dass es sich bei dem Gegenstand um einen Bestandteil eines Spiels handelt, der möglichst nicht entsorgt werden sollte. Es gibt Dosen auf kleinen Inseln oder unter Wasser, nur per Boot oder in der Badehose erreichbar, für andere braucht man eine Kletterausrüstung. Zu den Verstecken gibt es oft liebevoll ausgeschmückte, komplizierte oder humorvolle Geschichten.

"Welche Beilage gab es an dem Todestag des Opfers zu essen?", heißt eines der Rätsel, das die vier Schatzsucher an diesem Sonntag lösen müssen. Für die Antwortmöglichkeiten stehen unterschiedliche Zahlen, die später, wenn alles richtig gelöst wurde, die korrekten Ziel-Koordinaten ergeben. Die GPS-Freunde haben sich heute einen sogenannten Mystery Cache ausgesucht, bei dem es um den besonderen Ort geht, den die Suchenden durch die Aufgabe kennenlernen.

Die dazugehörige Geschichte handelt von einem Mordfall, der aufgeklärt werden muss. In der Schauergeschichte, die sich der Erfinder des Caches ausgedacht und dann im Internet veröffentlicht hat, wurde ein Arbeiter auf dem Gelände ermordet. "Solche Mystery-Caches sind schon etwas besonderes", sagt Mathias Haushofer. "Gerade weil es mittlerweile auch jede Menge Schrott gibt", fügt Frank Frohberg hinzu und meint damit lieblos versteckte Schätze.

Einige davon haben sie am Tag zuvor gehoben. Marcel und Frank waren mit einem Freund nach Lindau gefahren, um auszuprobieren, wie viele Caches sie an einem Tag schaffen können: Nach 15 Stunden und 60 Kilometern auf dem Rad hatten sie 77 Verstecke mit GPS Hilfe gefunden. Persönlicher Rekord!

Technik an der frischen Luft "Der Reiz am Cachen ist, dass man nicht weiß, was einen erwartet", erklärt Mathias. "Außerdem ist man an der frischen Luft und kann gleichzeitig mit einem technischen Gerät herumspielen", merkt Heidi mit Blick auf die drei Informatiker grinsend an. "Geocachen ist aber kein Hobby von Computer-Freaks, die mit der Technik an die frische Luft gelockt werden müssen", beteuert Marcel.