Misslungene Finanzgeschäfte Evangelische Kirche verspekuliert sich

Die Kirche St. Markus und der Sitz des Münchner Dekanats.

In der Hoffnung auf hohe Renditen hat das Münchner Stadtdekanat etwa 5,5 Millionen Euro in Energie-Unternehmen investiert. Doch die gingen insolvent.

Von Jakob Wetzel

Das Evangelisch-Lutherische Stadtdekanat München hat einen Millionenbetrag bei Anlagegeschäften verloren. Stadtdekanin Barbara Kittelberger bestätigte Informationen der Süddeutschen Zeitung, wonach das Dekanat seit 2011 insgesamt 5,5 Millionen Euro in vier mittelständische Betriebe investiert hatte. Damit sollte offenbar eine höhere Rendite als bei herkömmlichen Bankanlagen erzielt werden. Doch das Geld könnte nun verloren sein: Die Unternehmen, allesamt aus dem Bereich Solar-, Wind- und Wasserenergie sowie Müll-Recycling, sind insolvent.

Wie hoch die konkreten Verluste sind, stehe erst nach Abschluss der Insolvenzverfahren fest, sagte Kittelberger. Nach SZ-Informationen ermittelt derzeit das Rechnungsprüfungsamt der bayerischen Landeskirche; ein erster Vorentwurf eines entsprechenden Prüfberichts liegt seit Beginn dieser Woche vor, die endgültige Fassung soll innerhalb weniger Wochen fertiggestellt werden.

Kittelberger zufolge hatten neben dem Münchner Dekanat auch einzelne Kirchengemeinden in die betroffenen Unternehmen investiert. Der Dekanatsbezirk werde aber für deren Einlagen einstehen.

Die "ökologisch nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen aus dem Energie-Bereich" seien bei den Turbulenzen auf dem Energiemarkt in Schwierigkeiten geraten, sagte Kittelberger. Dennoch habe es sich nicht um "hoch spekulative" Geschäfte gehandelt. Die Rendite-Erwartungen hätten aber durchaus über dem Durchschnitt der Bank gelegen.

Spekulation mit Ersparnissen

Das investierte Geld stammte nicht aus dem laufenden Haushalt, sondern aus Rücklagen der Kirche, die unter anderem aus Einnahmen aus der Kirchensteuer gebildet werden. Direkt in die Anlagegeschäfte eingebunden war Kittelberger zufolge vor allem der Leiter der Finanzabteilung im Kirchengemeindeamt. In Strategiegesprächen habe dieser sich zudem mit der Geschäftsführung des Amtes über die allgemeine Richtung der Geschäfte abgestimmt.

Die Dekanatssynode als oberstes Leitungsgremium des Kirchenbezirks sei dagegen nur allgemein über Richtlinien der Geldanlage informiert. Zu diesen zählten etwa Bestimmungen über ethische und ökologisch nachhaltige Investments. Zu personellen Konsequenzen wollte sich die Kirche bis zum Abschluss der internen Prüfung offiziell nicht äußern. Es gehöre aber zum Standard-Vorgehen, den betroffenen Abteilungsleiter zu beurlauben, heißt es aus der Landeskirche.

Als Reaktion auf die Verluste habe man das Finanz-Management des Dekanats bereits geändert, sagte Kittelberger: Nach der ersten Insolvenz im vergangenen Jahr sei ein Anlage-Ausschuss gebildet worden, der allerdings noch von der Dekanatssynode bestätigt werden müsse. Der Ausschuss werde künftig konkret über die Geldanlagen des Dekanats entscheiden.

Unregelmäßigkeiten und eine dubiose "Gabenkasse"

Das Kirchengemeindeamt ist die Verwaltung des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks München. In drei Abteilungen sind hier etwa 50 Mitarbeiter beschäftigt. Im Jahr 2000 hatte es dort finanzielle Unregelmäßigkeiten gegeben. Damals waren in den Jahresrechnungen des Amtes mehr als 22 Millionen Mark falsch verbucht worden. Mehr als elf Millionen Mark waren zudem für Baumaßnahmen ausgegeben worden, ohne dass die zuständigen Gremien an den Beschlüssen beteiligt worden waren.

Noch dazu hatte der damalige Dekan eine aus Zinsen gespeiste "Gabenkasse" geführt, ohne sie der Kontrolle durch die Dekanatssynode zu unterwerfen. Auf wiederholte Hinweise der kirchlichen Rechnungsprüfer hatte die Kirche damals über Jahre hinweg nicht reagiert.

Der damalige Münchner Regionalbischof Martin Bogdahn räumte schließlich mangelhafte Aufsicht ein, der Dekan musste seinen Posten räumen. Das falsch verbuchte Geld konnte damals zum größten Teil wieder aufgefunden werden.