Mietwucher in München "Dieses Haus macht krank"

In der Einfahrt des Gebäudes gammelt Müll, das Haus selbst ist marode, es gibt kein warmes Wasser. Dutzende Bewohner müssen sich zwei Toiletten teilen.

(Foto: Robert Haas)

1200 Euro für ein dunkles Kellerloch: In einem Münchner Haus leben mehr als 60 Menschen auf engstem Raum unter schlimmen hygienischen Bedingungen. Nun wird wegen Mietwuchers gegen den Besitzer ermittelt. Dabei rief er selbst die Polizei.

Von Thomas Schmidt

Der Gestank ist so widerwärtig, dass Ivan G. würgen muss, als er die Tür zum Waschraum öffnet. Fauliges Wasser steht zentimeterhoch im Raum, der Putz bröckelt, an Waschen ist hier nicht zu denken. Im Zimmer nebenan, einem winzigen Kellerabteil, liegen Matratzen auf dem Boden verstreut. Sechs Personen schliefen hier, sagt Ivan G. Pro Matratze verlange der Vermieter 200 Euro. Jeden Monat. Zusammen wären das 1200 Euro für ein stinkendes, dunkles Kellerloch. "Das darf nicht sein", sagt der 28 Jahre alte Bulgare. "Dieses Haus macht krank", sagt seine Frau.

Wie viele Menschen in dem ehemaligen Zweifamilienhaus Am Mitterfeld in Kirchtrudering leben, das kann das Paar nicht sagen. 60, vielleicht auch 70 dürften es sein. Sechs Schlafplätze im Keller, etwa je 20 im Erdgeschoss und im ersten Stock, noch mal 16 Matratzen im Dachgeschoss. Männer, Frauen, kleine Kinder - sie alle teilen sich zwei Toiletten und eine kleine, verdreckte Kochnische. In der Hofeinfahrt steht ein stinkender, überquellender Müllcontainer. Die Bulgaren macht das Haus vielleicht krank, den Vermieter aber könnte es ziemlich reich gemacht haben. Nun ermittelt die Polizei gegen ihn.

Für dieses Kellerloch soll ein Vermieter angeblich 1200 Euro pro Monat verlangen. Mieter Ivan G. ist nicht mehr bereit, den Wucher zu bezahlen.

(Foto: Robert Haas)

Notdurft im Garten

Weil die stinkende Brühe im Keller steht, weil kein warmes Wasser aus den alten Leitungen fließt, weil es keinen Strom im Erdgeschoss gibt und weil der Müll nie abgeholt wird, weigerten sich die Bewohner irgendwann, die horrende Miete länger zu bezahlen - so erzählt es zumindest der 28-jährige Ivan G. Der Vermieter, ein Türke, solle die Schäden endlich beheben. Es kam zum Streit.

Schließlich griff der Vermieter zum Telefon und alarmierte die Polizei. Mehrere Personen hielten sich illegal in seinem Haus auf, sagte er den Beamten. Er wolle die Bulgaren rauswerfen, weil sie ihre Miete nicht zahlten. Und dabei solle die Polizei doch bitte schön helfen. Vor zwei Wochen war das bereits, die Polizei gab es erst jetzt bekannt.

Als die Beamten eintrafen, stellte sich heraus, dass die Bewohner offenbar zu drastisch überteuerten Mieten in einem völlig verdrecktem Gebäude hausen. Matratzen sollen zwischen 100 und 200 Euro kosten, winzige Zimmer für Familien 600 bis 800 Euro. Manche der Bulgaren geben an, erst seit ein paar Monaten in München zu sein, andere wieder sagen, sie lebten seit einem Jahr in dem Haus.

Vor dem Haus ein Müllcontainer: In dem Haus in Kirchtrudering herrschen erbärmliche Zustände.

(Foto: Robert Haas)

Die hygienischen Zustände sind so unerträglich, dass einige Bewohner ihre Notdurft offenbar im Garten verrichtet haben. Nachbarn beschwerten sich darüber bei der Polizei, die nach eigenen Angaben auch mehrfach zu der Adresse gefahren ist, zunächst aber nichts Illegales feststellen konnte. "Dass 60 Menschen in einem Haus wohnen, ist ja nicht verboten", sagt ein Sprecher der Polizei.

Einen Mietvertrag hat es nie gegeben

Mietwucher aber ist verboten. Und genau deswegen wird nun gegen den Vermieter ermittelt. Und wegen Missbrauchs des Notrufs, weil der 42-Jährige die Beamten einspannen wollte, die Bulgaren aus dem Haus zu werfen. Auch das Finanzamt könnte sich bald für den Sachverhalt interessieren. Die Bewohner sagen, sie hätten die Miete stets bar bezahlt. Einen Vertrag habe es sowieso nie gegeben, behaupten die Bulgaren.

Wie es nun weitergehen soll, das wissen Ivan G. und seine Frau auch nicht. Das Wohnungs- und das Arbeitsamt seien zu Besuch gekommen, sagt er. Geändert aber habe sich nichts. Das Paar muss noch immer jeden Tag in der Küche Schlange stehen, wenn 60 Menschen gleichzeitig versuchen, auf vier schmutzigen Herdplatten ein Mittagessen zuzubereiten.

Er sei zum Arbeiten hergekommen, sagt Ivan G., ein klein wenig Geld verdienen. Jetzt putze er in einem Imbiss und lebt in einem Haus, das ihn krank mache. "Ich hab' genug von München", schimpft er. "Ich will nach Hamburg oder nach Hannover." Jede andere Stadt, sagt der 28-Jährige, sei besser als München.