Am Wittelsbacherplatz, vor der Zentrale des Siemens-Konzerns, stellen Menschen mit Trillerpfeifen große schwarze Lautsprecher auf. Sie tun das, um Gehör zu finden. Bei einer Gesellschaft, der die Krise scheinbar nichts ausmacht. Hier stehen alle jene, denen es schlecht geht. Später wird einer von ihnen das Mikrofon in die Hand nehmen und rufen: "So dürfen die mit uns nicht umgehen!" Trillerpfeifkonzert der Verzweiflung. Sie pfeifen, weil sie Angst haben. Um ihren Arbeitsplatz. Um ihre Zukunft. Im Januar hatte ihr Arbeitgeber Qimonda beim Amtsgericht München Insolvenz angemeldet.

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"I'm not a Heuschrecke"

Weiter Richtung Hauptbahnhof, weiter auf der Suche nach Luxus, in Tagen, an denen viele um ihren Job bangen. Zwischen der Basilika St. Bonifaz und dem Alten Botanischen Garten steht "The Charles Hotel". Der Besitzer hat es nach seinem Vater, Lord Charles, benannt. Als er im Jahr 2006 den Grundstein legte, hatte er die latent misstrauischen Deutschen mit dem Bekenntnis beruhigt: "I'm not a Heuschrecke." Nein, eine Heuschrecke ist Sir Rocco Forte nicht. Der Brite ist Vorstandsvorsitzender und Hauptaktionär einer Luxus-Hotelkette, die in Deutschland drei (neben München noch in Berlin und Frankfurt) und weltweit 13 Häuser besitzt.

Rocco Forte, dessen Gesichtszüge an die Römer in Asterix-Comics erinnern, ist nach München gekommen, um zwei neue Hotels zu bewerben, die im Mai eröffnet werden sollen. Eins in Prag, eins auf Sizilien. Wenn einer weiß, wie es um Luxus in Zeiten der Krise bestellt ist, dann er. Also, Sir Rocco, wie geht es einem Luxushotelier? "Ach, wissen Sie, ich bin 64. Ich habe schon viele Krisen erlebt. Und das Tolle ist: Das Bedürfnis nach Luxus ist immer noch da."

Ob er einen Trend zum "stealth wealth", zum "getarnten Reichtum" feststellen könne? Gerade jetzt, wo viele nicht mehr zeigen, was sie haben. "Mit diesem Begriff kann ich nichts anfangen. Klar gab es neureiche Russen, die mit ihrem Geld um sich warfen und unbedingt die teuerste Suite wollten. Ein Jahr später kamen sie dann wieder und hatten gelernt, dass es nicht die Größe der Suite ist, die glücklich macht." Sondern? Sir Rocco räuspert sich, nippt an seinem Espresso, dann sagt er: "Wichtig ist ein angenehmes Umfeld, eines, in dem man sich wohl fühlt. Ohne großes Getue. Das ist Luxus."

Das Wort Luxus kommt aus dem Lateinischen. Im alten Rom galt es, luxuria, das Gegenteil von virtus (Tugend), mit Selbstdisziplin zu vermeiden, weil ein ausschweifender Lebensstil zu Verweichlichung und Schwächung führt.

Und heute? Der Wiener Kultursoziologe Reinhold Knoll beobachtet einen Anstieg von Luxus in unserer Gesellschaft. Zwei Motive seien ausschlaggebend: ein noch stärkerer demonstrativer Konsum und die Tatsache, dass Luxusartikel billiger werden. "Das zeigen nicht nur die Überbuchungen in exotischen Hotels wie in Dubai", sagt Knoll.

"Luxus-Einbuße werden vermutlich unsere Russen erleiden, da sie zu wenig Verständnis für Werterhalt besitzen. Bei der letzten Antiquitätenmesse in Wien haben sie zwar Objekte weglegen lassen - 80.000 Euro aufwärts -, eine Woche später hatten sie diese Reservierungen wieder storniert. Das war für die Händler sehr bitter", erzählt der Wissenschaftler.

Luxus kann so vieles sein. Verschwendung etwa, die man sich leisten können muss. Ein Diamant. Trinkwasser. Oder Gesundheit. Eine HIV-Therapie. Oder eine Rolex. Ein Job. Die Krise konfrontiert Menschen weltweit mit der Lieblingsfrage des Diogenes: Was brauche ich eigentlich? In guten Zeiten, also bis vor kurzem, wird Besitz oft als Last empfunden. Wer alles hat, sehnt sich nach Leere. Stille. Nichts.

Am Münchner Hauptbahnhof steigt eine Frau im Pelzmantel aus einem alten Daimler-Taxi. Junge Punks hängen vor dem Bahnhofseingang herum. Sie begrüßen die Dame mit den Worten: "Hallo, Waschbär." Gelächter. Die Dame sagt: "Hallo, Irokesen." Stille.

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(SZ vom 19.03.2009)